Stein oder nicht Stein

  

Eben war er noch da, jetzt ist er weg. Oder doch nicht? Der Oktopus ist ein Meister des Verschwindens, entweder durch Tarnung oder durch Flucht. Unsere Autorin ist ihm hinterhergetaucht


„We would sing and dance around / Because we know we can’t be found“ – Wir würden

singen und umhertanzen, weil wir wissen, dass wir nicht gefunden werden können, singt Ringo Starr in „Octopus’s Garden“. Der Beatles-Song klingt in mir nach, während ich auf einem Tauchgang vor der Küste Portugals nun schon eine halbe Stunde nach den achtarmigen Meistern der Tarnung suche. Zwischen den Algen, in den Spalten, unter den Felsen – nichts. Dann ein Stein, auf den ersten Blick wie jeder andere, bis auf die zwei Augen. Als er spürt, dass ich ihn bemerkt habe, schwebt er

auf und legt seine Tarnung ab – als sei sie ein Mantel, den er nun nicht mehr braucht. Geschmeidig schwimmt er davon, seine Arme wehen wie Haare im Wind. Ich folge ihm, aber da ist er natürlich längst unsichtbar – zu einer Koralle, Alge oder einem Sandhügel geworden, wer weiß das schon –, und ich wünsche mir so sehr, ich könnte das auch.

 

Der menschliche Traum vom Verschwinden ist natürlich älter als „Harry Potter“

(der Tarnumhang!) von 1997, älter als „Der Herr der Ringe“ (der Ring!) von 1954, ja noch viel älter als „Der Unsichtbare“ (die Chemikalien!) von 1897. Die erste Unsichtbarkeitsfantasie spann Platon 380 nach Christus.: Im „Ring des Gyges“ findet ein Hirte nach einem Erdbeben einen Ring an einem toten Riesen. Als er ihn ansteckt, wird er unsichtbar. Daraufhin verführt er die Königin, ermordet den König und reißt die Macht an sich – denn unsichtbar scheint alles möglich.

 

Weil es aber so einen Ring im echten Leben nicht gibt, brauchen wir andere Tricks.

Und was läge da näher, als sich an einem Tier zu orientieren, das mit seinen rund

400 Millionen Jahren zu den ersten intelligenten Wesen auf dem Planeten zählte und so gut verschwinden kann wie kein anderes?

 

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DUMMY 2026