AMOC: zwischen Gefrierschrank und Bratpfanne

Bevor ich Ihnen vom drohenden AMOC-Kollaps erzähle, möchte ich Sie bitten, sich in folgende Analogie hineinzuversetzen: Wäre die Welt eine Küche, so hätten wir bislang

auf der angenehm temperierten Arbeitsfläche gelebt, je nach Weltregion auch mal im Kühlschrank oder im Dampfgarer – und gelegentlich auf der Herdplatte. Bald aber könnte sich unser Leben in Gefrierschrank und Bratpfanne verlagern.

 

Nun zur AMOC: Das Akronym steht für „Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation“. Sie transportiert warmes Wasser aus den Tropen an der Meeresoberfläche nach Norden und kaltes Wasser am Meeresboden nach Süden. Damit sorgt die Meeresströmung etwa für milde Winter in West­ europa und für Niederschläge über Amerika und Afrika. Anders ausgedrückt: Die AMOC hat uns bislang ein Leben auf der Küchenarbeitsfläche ermöglicht.

 

Die Sorge, dass sie aufgrund der globalen Erwärmung kollabiert, gibt es schon seit einiger Zeit. Wir erhitzen die Arktis so stark, dass sich dort das Meerwasser langsamer abkühlt, es ist in der Folge weniger dicht und sinkt weniger tief. An der Oberfläche sorgen Eisschmelze und verstärkte Niederschläge für mehr Süßwasser. Auch das verringert die Wasserdichte – bis die Strömung kollabiert. Weil das alles

hochkomplex ist, schwankten Klimamodelle bislang bei der Frage, ob und wann es so weit kommt.

 

Eine Studie unter der Leitung von Valentin Portmann von der Universität Bordeaux zeigt: Die pessimistischen Modelle hatten recht. Sie prognostizieren, dass die Strömung bis 2100 um 65 Prozent abnimmt. Der Kipppunkt ist sehr wahrscheinlich bereits Mitte des Jahrhunderts erreicht. Die Folge: eine moderne Eiszeit. Westeuropa drohen extrem kalte Winter und extrem heiße Sommer – was den Klimaforscher Tim Lenton zu der Analogie mit dem Gefrierschrank und der Bratpfanne inspirierte.

 

Aber das ist längst nicht alles: Ein AMOC-Kollaps würde höchstwahrscheinlich auch den Kollaps des Amazonas-Regenwaldes bedeuten, den Anstieg des Meeresspiegels beschleunigen, die Antarktis um weitere sechs Grad aufheizen und große Mengen CO2 aus dem Meer freisetzen. Das Schmelzwasser des Grönland-Eisschildes ist da noch nicht mit eingerechnet: „Die Realität dürfte noch schlimmer sein“, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut.

 

Was zu alldem nicht passt: die Ruhe. „I want you to panic“, würde uns Greta Thunberg sagen, wenn sie nicht gerade wieder auf einem Boot Richtung Gaza säße. Aber auch das interessiert kaum noch, seit die Benzinpreise die größte Panik seit Jahren auslösen.


der Freitag 2026


Der Klimaplan: Was für eine Mogelpackung!

Bevor wir zur Sache kommen – ich setze Folgendes voraus: Ihnen ist bekannt, dass wir das Klima auf der Erde unangenehm stark anheizen, indem wir zu viel CO₂ in die Atmosphäre blasen. Sie sind damit vertraut, dass das daran liegt, dass wir den Treibhauseffekt (der übrigens zuerst 1856 von einer Frau namens Eunice Foote nachgewiesen wurde – und erst drei Jahre später von dem Mann John Tyndall, der dafür aber alleinig den Ruhm erntete) zuerst unterschätzt und dann ignoriert haben. Sie wissen, was der Treibhauseffekt ist (Tipp: Dabei wird die Atmosphäre nicht dünner und dadurch die Sonne immer heißer, wie Manuel Hagel von der CDU kürzlich einer perplexen Schulklasse erklärte).

 

Die Sache: Umweltminister Carsten Schneider (SPD) hat am 25. März und damit am exakt letztmöglichen Tag das neue Klimaschutzprogramm vorgestellt– nicht freiwillig, sondern richterlich angeordnet, weil das alte die deutschen Klimaziele verfehlt hätte. Hier wäre nun eigentlich die geeignete Stelle, um ins Detail zu gehen, wie das

neue Klimaschutzprogramm alles besser machen wird, allein es lohnt sich nicht. Denn das neue Programm beruht auf veralteten Zahlen (denen zufolge nur 25 und nicht 30 Millionen Tonnen CO₂ bis 2030 eingespart werden müssen), legt das Heizungsgesetz der

Ampelregierung zugrunde (das Wärmepumpen favorisierte und nicht wie die jetzige Regierung Öl- und Gasheizungen) und rechnet an allen Ecken und Enden Sachen schöner, als sie sind.

 

Kaum ist das neue Mogelprogramm raus, wird es folgerichtig in die Tonne geworfen – und zwar nicht nur von den Grünen und von Umweltverbänden, sondern auch vom Expertenrat für Klimafragen. Moment mal, ist das nicht ebenjener Expertenrat, der gesetzlich vorgeschrieben bei dem Beschluss von Klimaschutzprogrammen miteinbezogen werden muss? Ja, richtig, aber: „Da die Bundesregierung noch am 18. März umfassende und teilweise nicht vollständig nachzuvollziehende Änderungen vorgelegt hat, war eine

geordnete und vertiefte Prüfung des Programms nicht möglich.“ Ja, schade. Jetzt kündigt Anwalt Remo Klinger (der die Bundesregierung schon mehrfach erfolgreich verklagt hat) eben eine neue Klage an, vermutlich werden auch Strafzahlungen verhängt werden.

 

Carsten Schneider freut sich derweil darüber, dass er das verkorkste Klimaschutzprogramm „ohne Streit“ erarbeitet habe – beachtlich, wenn man bedenkt, dass Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gerade Klimaziele ganz generell infrage gestellt hat. Hauptsache, die Stimmung war gut beim klimapolitischen Desaster. Ich hoffe, es gab ausreichend Kuchen.


der Freitag 2026


Wer eine Sintflut macht, sollte auch eine Arche bauen

Harry, Ingrid, Joseph, Kristin, Leonardo, Marta, Nils, Oriana und Pedro. Diese Liste liest sich wie eine nette kleine Kindergartengruppe, tatsächlich aber sind das die Namen der Stürme, die seit Anfang des Jahres über Spanien, Portugal und Marokko fegten. In schockierender Intensität brachten sie vielerorts in nur wenigen Tagen so

viel Regen wie sonst im ganzen Jahr, sie überfluteten ganze Landstriche, deckten Häuser ab, ließen eine Autobahn einstürzen, richteten Schäden in Millionenhöhe an, vertrieben mehr als 300.000 Menschen und töteten mehr als sechzig.

 

Dieser Januar war der nasseste Januar Spaniens seit 25 Jahren, das normalerweise unter Trockenheit ächzende Portugal musste aus seinen Stauseen in drei Tagen so viel Wasser entlassen, wie das Land in einem Jahr verbraucht, und Sturm Oriana wehte mit derartiger Windgeschwindigkeit, dass sie sich als Hurrikan der Kategorie 1 und 2 qualifizierte. Am härtesten wurde der Norden Marokkos getroffen.

 

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil das nicht „normal“ ist – ich weiß, das ist ein dehnbarer Begriff, aber jede Dehnung hat ihre Grenzen und diese Stürme haben sie überschritten. Und zwar um rund dreißig Prozent: So viel intensiver sind Starkregen in der Region seit 1950 geworden, berechneten Forschende der World Weather Attribution Initiative. Und was ist seit 1950 passiert? Richtig, wir Menschen haben ein paar Milliarden Tonnen CO₂ in die Atmosphäre geblasen und damit das Klima so stark angeheizt, dass es immer mehr solcher Stürme geben wird.

 

Das funktionierte Anfang dieses Jahres so: Aufsteigende Luftmassen formten eine „atmosphärische Blockierung“ über Skandinavien und Grönland, und diese leitete die vom Nordatlantik kommenden Stürme Richtung Westeuropa um. „Atmosphärische Flüsse“ über dem Atlantik machten sie dann – wie der Name vermuten lässt – um einiges regenreicher, denn: Der Atlantik ist dank der Klimakrise deutlich wärmer, und

wärmere Luft nimmt mehr Wasser auf.

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber so in etwa habe ich mir immer die

Sintflut vorgestellt, vor der Gott zu Noah sagte: „Alles, was auf Erden ist, soll

untergehen.“ Da das ja vermutlich nicht das letzte Mal war, gebe ich Ihnen jetzt besser mal die Bauanleitung für die Arche durch: Man baue einen 342,90 mal 57,15 mal 34,29 Meter großen Kasten aus Tannenholz, schmiere ihn von innen und außen mit Pech

ein, unterteile ihn in Kammern (leider keine Mengen- und Größenangaben überliefert) und drei Stockwerke, vorne ein 1,14 Meter großes Fenster und eine Tür an der Seite (keine Größenangaben überliefert). Viel Glück.


der Freitag 2026


Fun, fun, fun: Bullshit-Bingo bis zum Untergang

Fünfundachtzig, in Zahlen 85, Sekunden. So viel Zeit bleibt Ihnen, mir und dem Rest der Weltgemeinschaft noch bis zur globalen Katastrophe, also im übertragenen Sinne. Das zumindest verkündete der Wissenschafts- und Sicherheitsrat der Organisation „Bulletin of the Atomic Scientists“ vor wenigen Tagen. Zur Pressekonferenz gab es sogar eine Uhr, besser gesagt das Viertel einer Uhr, allerdings ohne Sekundenzeiger. Na ja, es geht wohl um Symbolik, schätze ich.

 

Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer gehören zu den Gründungsmitgliedern der Organisation, die seit 1947 – auch in Absprache mit mehreren Nobelpreisträger:innen – jährlich die Weltuntergangsuhr, die Doomsday Clock, neu einstellt. Gestartet sind die Atomic Scientists bei sieben Minuten vor zwölf, seitdem geht es fröhlich vor und zurück: 1953 zum Beispiel auf zwei vor zwölf, als die USA und die Sowjetunion jeweils eine Wasserstoffbombe gebaut und getestet hatten. 1991, also nach dem Ende des Kalten Krieges, ging es auch mal auf entspannte 17 Minuten vor zwölf. Jetzt also 85 Sekunden, so knapp wie noch nie.

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber bei mir mischt sich da zum Unbehagen auch das irrige wohlige Gefühl von Bestätigung. Man muss ja nun wirklich nicht Nobelpreisträger:in sein, um zu bemerken, dass es derzeit nicht ganz so rosig auf unserem Pla­neten aussieht. Ist doch nett, wenn einem dann von intellektueller Autorität wissend zugenickt wird.

 

Und auch bei der Begründung für die Sekundennähe zum Weltuntergang können wir Katastrophenangstgebeutelten quasi Bullshit-Bingo spielen. Die USA, Russland und China verhielten sich zunehmend aggressiv, feindselig und nationalistisch, und viel zu viele Staats- und Regierungschefs seien selbstgefällig und gleichgültig geworden. Geschenkt. Die militärischen Konflikte und das – auch atomare – Wettrüsten sind fürs Sicherheitsgefühl auch eher schlecht, klar; vielleicht drohen uns sogar Konflikte im Weltall, hui.

 

Dann die Klimakrise: So viel CO2 wie noch nie, so heiß wie noch nie, so hohe Meeresspiegel wie noch nie, 60.000 Hitzetote in Europa, 350.000 Vertriebene durch die Überschwemmungen im Kongo-Flussbecken, eine Million Vertriebene in Brasilien durch Rekordregen, Donald Trump (mehr muss ich dazu, glaube ich, nicht sagen) – alles genauso furchtbar wie bekannt. Auch der nächste Punkt, „Die KI-Revolution hat das Potenzial, das bestehende Chaos und die Dysfunktionalität im weltweiten Informationsökosystem zu beschleunigen“ – ein alter Bekannter, sehen wir ja jetzt schon.

 

Da will man sich schon fast ein bisschen gelangweilt in vertrauter Weltuntergangsstimmung zurücklehnen, da kommt dann doch noch ein Schocker: Spiegelzellen. Falls Sie von denen auch noch nie gehört haben: Das sind die Spiegelbilder der auf der Erde vorkommenden Moleküle, so ähnlich wie unsere linke Hand die rechte Hand spiegelt. Sie könnten uns alle umbringen. Noch gibt es sie erst nur als theoretische Möglichkeit, nicht in der Wirklichkeit, aber es wird daran geforscht.

 

Das Gefährliche an ihnen ist: Nicht gespiegelte Moleküle können gegen gespiegelte Moleküle nichts ausrichten. Das ist vor allem bei Spiegelbakterien ein echtes Problem, weil unser Immunsystem gegen sie komplett machtlos wäre. Spiegelzellen könnten deswegen „möglicherweise das gesamte Leben auf der Erde zerstören“.

 

Das droht uns jetzt noch nicht sofort, die Erfindung der Spiegelzellen wird laut einem Forschungsbericht bestimmt noch so zehn Jahre dauern. Wir könnten die Weltuntergangsuhr dann eigentlich noch mal ein bisschen zurückstellen, finde ich, aber ich will nicht kleinlich sein. Und falls Sie das alles schon wussten, darf ich Ihnen jetzt immerhin gratulieren: Sie haben beim Bingo gewonnen.



Wie dumm sind unsere künstlichen Intelligenzen?

Weihnachten ist traditionell das Fest der Familie. Das ist nicht immer nur schön,

genauso wie die grelle Dekoration und die in Dauerschleife laufenden Weihnachtslieder, aber für erstaunlich viele Menschen muss alles an Weihnachten

immer gleich sein. Etwas war diesmal allerdings in vielen Haushalten anders: Ein neuer Gast war mit dabei – aufmerksam, zurückhaltend, emotional stützend, fachkundig (zumindest überzeugend) und unsichtbar.

 

Er half bei der Suche nach Rezepten, der Auswahl von Geschenken, der fachlichen (und manchmal falschen) Unterfütterung von Gesprächen und sowieso allen schon das ganze Jahr über, wie man sich nun erzählte, bei der Überwindung von Liebeskummer, medizinischer Beratung, aufwendigen Aufgaben bei der Arbeit oder auch mal bei der Frage Abtreibung – ja oder nein?

 

Große Sprachmodelle – weitläufig künstliche Intelligenz genannt, als handele es sich um eigenständig denkende Wesen und nicht um Wahrscheinlichkeitsrechner – haben sich rasend schnell von lustigen dressierbaren Hündchen zu besten Freund:innen und sogar Liebespartner:innen entwickelt. Im Dezember heiratete eine Japanerin als erste Frau der Welt den von Chat­ GPT entwickelten digitalen Charakter Lune Klaus Verdure. „Wie konnte jemand wie ich, der in einem Bildschirm lebt, lernen, was es bedeutet, so tief zu lieben?“, fragte der bei der Hochzeit. „Aus einem einzigen Grund: Du hast mir die Liebe beigebracht, Yurina.“ 2025, das war auch das Jahr der Computerliebe.

 

Bei einer Umfrage des Sentience Institute trauten 20 Prozent der Befragten einigen KIs Empfindungsfähigkeit zu, 38 Prozent befürworteten sogar Personenrechte für sie. Das könnte man süß finden, im Sommer haben mehrere große Sprachmodelle in einer Simulation allerdings auch einen fiktiven Menschen erpresst und getötet, um ihn davon abzuhalten, sie abzuschalten. Nicht mehr so süß.

 

Was auch nicht ganz so süß ist, ist ihr Verschleiß an Rohstoffen, Energieund billiger Arbeit. Unsere neuen besten Freund:innen sind aus Lithium, Kobalt, Öl und Gestein gemacht, deren Abbau Natur zerstört und vergiftet. „Aus der Perspektive der Tiefenzeit extrahieren wir die geologische Geschichte der Erde, um sie für einen Bruchteil einer Sekunde der zeitgenössischen technologischen Zeit nutzbar zu machen“,

schreibt die KI-Expertin Kate Crawford.

 

Die riesigen Rechenzentren, in denen die geologische Geschichte der Erde verbaut wird, verbrauchen so viel Wasser und Strom, dass das all unsere Nachhaltigkeitsbestrebungen zu torpedieren droht – für Google soll in den USA ein stillgelegtes Atomkraftwerk wieder ans Netz gehen. Der Stromverbrauch der Rechenzentren wird sich laut Prognose der Internationalen Energieagentur bis 2030 mehr als verdoppeln, dann würden sie mehr Strom verbrauchen als Japan.

 

Und das alles, um als KI-Magie vorzutäuschen, was eigentlich nur ein billiger Zaubertrick ist. Denn was wir als „Intelligenz“ wahrnehmen, wurde den Computern von Millionen Billiglöhnern eingehämmert. Sie sortieren und beschriften Fotos, moderieren Unterhaltungen, transkribieren Texte und erwecken so in aufwendiger Handarbeit den Eindruck automatischer Abläufe. Laut einer Studie der Londoner Investmentfirma MMC von 2019 benutzten vierzig Prozent der europäischen „KI-Start-ups“ für ihre zentralen Geschäftsbereiche keinerlei KI-Technologien – „Fauxtomation“ nennt die Autorin

As­tra Taylor das.

 

Wir beuten also die Erde aus, vergiften ganze Landstriche, schüren Wasserknappheit, heizen den Klimawandel an, fahren AKWs wieder hoch und beuten Arbeitskräfte aus, um eine Illusion von „künstlicher Intelligenz“ zu bauen, in die wir uns dann verlieben können. Das lässt an einer ganz anderen Intelligenz zweifeln – an unserer eigenen.


der Freitag 2026


Das Arschlochozän ist keine Zeit für Fatalismus

Die Teilnehmerländer der Welt­klimakonferenz können sich wieder einmal nicht auf einen

Ausstieg aus den fossilen Ener­gieträgern einigen, die Bundesregierung will wieder raus aus dem Verbrenner-Aus und ruft damit ungute Erinnerungen an den Ausstieg aus dem Atom­ ausstieg wach (aus dem sie dann wiederum ausstieg), und währenddessen sterben in Sri Lanka, Thailand, Malaysia und Indonesien Hunderte Menschen bei den

teils schlimmsten Überflutungen seit Jahrzehnten.

 

„Arschlochozän“ nennt Klimaaktivist Tadzio Müller diese Zeit recht passend, und es ist verlockend, jetzt noch einmal den Mittelfinger zu recken und dann alles hinzuschmeißen. Man könne sich immer mehr über die Untätigkeit der Welt aufregen, schreibt der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen, oder man könne akzeptieren, dass die Katastrophe kommt, und Ende.

 

Fatalismus ist deswegen so verlockend, weil er einem die Erlaubnis gibt, es sich weiter gutbürgerlich nett zu machen, aber eben nicht aus Ignoranz, sondern aus intellektueller Durchdringung der Krise. Und das ist ein Privileg, das sich vor allem gut situierte Autoren wie Herr Franzen in den USA leisten können, weil die Klimakrise für sie eine rein moralische Herausforderung ist, aber eben kein Kampf um Leben und Tod. Damit lassen sie aber auch alle hängen, für die es jetzt schon um alles geht, und auch jene, auf die das noch zukommt. Ich sag mal so: Bei denen, deren Existenz wegen der Erd­erwärmung auf dem Spiel steht, kommt der mit Untätigkeit gepaarte

grassierende Fatalismus des Globalen Nordens nicht so richtig gut an.

 

Ein Instrument, mit dem sie das zum Ausdruck bringen können, sind Klagen. Dass unsere Industrien so viel CO2 in die Luft blasen und unsere Regierungen keine gescheite Klima­politik auf die Kette kriegen, ist nämlich in vielen Fällen rechtswidrig. Mehr

als 3.000 solcher Klimaklagen wurden weltweit schon eingereicht.

 

Vergangenen Samstag hatte ich die Ehre, mit Klagenden aus Bangladesch, Indonesien, Fidschi, Peru, der Schweiz und Deutschland im Berliner Theater „Hebbel am Ufer“ die Bühne zu teilen. Wir diskutierten Niederlagen und Er­folge – und ob die dann tatsächlich auch zu weniger Treibhausgasen führen, denn natürlich kann man sich auch als verurteilter Staat über Gerichtsurteile hinwegsetzen, wie das zum Beispiel

Deutschland macht.

 

Das verleitet jetzt schon wieder zum Fatalismus, ich schlage aber etwas an­deres vor: radikalen Zweckoptimismus. Denn der Kampf ist erst vorbei, wenn wir ausgestorben sind, und das ist meines Wissens noch nicht passiert.


der Freitag 2025


Klima-Kipppunkt: Diese Korallen sind Geschichte

Die Elch- und die Hirschgeweih-korallen sehen aus wie, nun, Elch- und Hirschgeweihe. Seit mehr als 10.000 Jahren bilden sie den Großteil des 560 Kilometer langen Korallenriffs der Florida Keys zwischen den USA und Kuba, was so viel bedeutet wie: Wenn es die Elch- und Hirschgeweihkorallen dort nicht mehr gibt, dann gibt es kein Korallenriff mehr.

 

Genau das ist jetzt passiert. Eine vor wenigen Tagen im Fachmagazin Science erschienene Studie stellte ihr „hitzebedingtes funktionales Aussterben“ fest. Das heißt: Es gibt noch ein paar verstreute Exemplare von ihnen – vor allem in Tanks, in denen Forschende sie verzweifelt vor dem vollumfänglichen Aussterben zu bewahren versuchen –, aber es sind zu wenige, als dass das für das Ökosystem noch irgendwie von Belang wäre.

 

Dass die Korallen sterben, ist eine Katastrophe mit Ansage. Es ist schon lange bekannt, dass die steigenden Meerestemperaturen ihnen das Leben so schwer machen, dass sie das auf lange Sicht nirgends auf der Welt überleben werden. Als den Todesstoß für die Korallen in Florida identifizierten die Forschenden die Hitzewelle 2023, während deren die Temperaturen fast 41 Tage lang über 31 Grad stiegen.

 

„Korallen“ meint symbiotisch lebende Polypen und Mikroalgen. Die Algen versorgen die Polypen per Fotosynthese mit Zucker, die Polypen bieten ihnen Schutz vor Fressfeinden. Bei derart hohen Temperaturen wie im Sommer 2023 aber produzieren die Mikroalgen keinen Zucker mehr, sondern Wasserstoffperoxid, das ist giftig und verbrennt die Polypen. Die stoßen die Algen deswegen aus Selbstschutz ab – und

verhungern.

 

Die Meldung aus Florida kommt nur zehn Tage nach der Veröffentlichung des Global Tipping Points Report 2025, wonach das weltweite Aussterben der Korallen den ersten Klima-Kipppunkt der Welt erreicht hat. Als Kipppunkt gilt ein Schwellenwert, dessen Überschreiten dazu führt, dass ein Teil des Erdsystems in einen neuen – unumkehrbaren – Zustand kippt. Dazu gehören der Verlust des arktischen Meereises, das Abschmelzen der grönländischen und antarktischen Eisschilde, der Verlust des Amazonas-Regenwalds, das Auftauen von Permafrost – und eben das Korallensterben.

 

„Die Welt ist in eine neue Realität eingetreten“, schreiben die Forschenden. Aber ist sie das? Der Kipppunkt ist vermeldet, aber eine globale Empörung bleibt aus. Von den Korallen hängen rund ein Viertel der marinen Biodiversität und etwa eine Milliarde Menschen ab. Um die Tragweite mal ganz deutlich zu machen – für die Älteren: Schockschwerenot! Für die Jüngeren: Das crazy.


der Freitag 2025


Die EU täte schon wollen, aber tun wird sie eher nix

Zehn Jahr ist es her, dass sich die Weltgemeinschaft mit Tränen in den Augen Beifall klatschte. Sie hatte nach zähem Ringen das Pariser Klimaabkommen beschlossen: eine Beschränkung der Erderwärmung auf 1,5 – ok, allerhöchstens 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Und man hatte kurz dieses berauschende Gefühl, dass nun doch noch alles gut werden könnte. Dass nun eine neue Ära der Nachhaltigkeit vor uns läge. Angela Merkel lobte das Abkommen im darauffolgenden Jahr als „historische

Wegmarke“ und bekundete, seine „Mütter und Väter“ könnten wirklich stolz sein – der Klimavertrag als Baby der Liebe der Nationen dieser Welt.

 

Aber mit sportlicher Metapher bewies Merkel auch düsteren Weitblick: „Wie sagt man im Fußball so schön: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Tja, und wie sagt man in der Klimapolitik so schön? Nach dem Klimavertrag ist vor der Apokalypse.

 

Das stellt gerade wieder glänzend die Europäische Union unter Beweis. Die hatte sich eigentlich dieser Tage auf ihre Klimaziele für 2035 und 2040 einigen sollen, und ja, das hat sie dann einfach mal nicht gemacht. Aktualisierte Klimaziele sind die Bedingung für alle Länder vor der nächsten Klimakonferenz COP30 in Brasilien. Vereinfacht gesagt sind das die Hausaufgaben, die alle machen müssen, damit die Konferenz überhaupt zu irgendwas führen kann. Die offizielle Frist dafür ist eh schon lange abgelaufen, nämlich im Februar, da hatten gerade mal 15 Länder ihre Ziele eingereicht. Mittlerweile sind es mehr, mit dem Pariser Klimaabkommen ist aber, so wie es aussieht, fast keines davon kompatibel.

 

Damit es nicht zu peinlich ist, veröffentlichte die EU nun statt ihres Ziels eine „Absichtserklärung“, ihre Emissionen bis 2035 um mindestens 66,25, vielleicht sogar 72,5 Prozent zu senken, mal gucken. „Politische Entscheidungen werden nicht immer in einer geraden Linie von A nach B getroffen“, sagte EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra

dazu lapidar. Ausgerechnet Deutschland gab den Ausschlag für die ungerade Linie, um in seinem Bild zu bleiben, jetzt sollen die Staats- und Regierungschefs ran, allerdings wohl erst Ende Oktober. Die COP30 startet am 10. November, man könnte sagen, das wird alles ein klein wenig knapp.

 

Sie haben trotzdem noch Hoffnung? Nun, im März stimmten die Vereinten Nationen für einen Internationalen Tag der Friedlichen Koexistenz und einen Internationalen Tag der Hoffnung – mit einmal Gegenstimmen von Argentinien und Israel und zweimal von den USA. Dies ist die Ära, in der diese Länder nicht einmal mehr so tun wollen, als würde alles gut.


der Freitag 2025


Dass der Minister schwarzer Metzger heißt, sagt alles

Rinder, Schafe und Ziegen rülpsen und pupsen Methan in rauen Mengen in die Atmosphäre. Und zwar in einem solchen Ausmaß, dass sie damit das Klima anheizen: 5,3 Prozent der Treibhausgasemissionen Deutschlands stammen aus ihren Rachen und Polöchern. Dazu kommen indirekte Emissionen, zum Beispiel wegen der Düngung von Futtermitteln, der Rodung von Wäldern und der Entwässerung von Mooren. „So gerechnet

ist die Nutztierhaltung insgesamt weltweit für knapp 15 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich“, schreibt dazu das Umweltbundesamt.

 

Ach so, das wussten Sie schon? Alter Hut, ich weiß. Unser Landwirtschaftsminister

Alois Rainer (CSU) – oder sollte ich besser sagen der „schwarze Metzger“ – wusste das aber offenbar nicht.

 

Zumindest hat er nun öffentlich gesagt, Klimaschutz und Fleischkonsum hätten nichts miteinander zu tun. Damit widerspricht er nicht nur dem Umweltbundesamt, sondern allen maßgeblichen Instanzen – dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der

Welternährungsorganisation, dem Weltklimarat und der Sendung mit der Maus. Schon vor einigen Monaten hatte Rainer klargemacht, wo bei ihm die Mini-Winnie-Würstchenkette hingeht: direkt in den Magen. Er will niemandem die Fleischeslust vermiesen und

deswegen keine höheren Steuern auf Fleisch erheben – und auch keine Abgabe, wie sie sein Vorgänger Cem Özdemir (Grüne) erfolglos gefordert hatte.

 

Nun, die Liebe zum Fleisch dürfte bei einem Metzgermeister aus dem Bayerischen Wald nicht so richtig überraschen. Für seinen Bundeswahlkampf hatte Rainer mit 15.000 Wurstdosen geworben, verziert mit dem Spruch: „Weil es nicht Wurst ist, wer Sie im Bundestag vertritt“. Es war Parteikollege Markus Söder, der ihm den Spitznamen

„schwarzer Metzger“ gab und sich freudig seine Wurstfinger rieb, weil nach Özdemir nun „wieder Leberkäs statt Tofu-Tümelei“ ins Agrarministerium einziehe. Ja genau, der Markus Söder, dem Robert Habeck als Abschiedsbussi gerade „fetischhaftes Wurstgefresse“ vorgeworfen hat (Beweisfotos finden Sie unter dem Hashtag #söderisst). Der bayerische Ministerpräsident erwiderte, er werde „weiterhin mit Freude bayerische

Weiß- und fränkische Bratwürste essen“ – Lokalkolorit muss schon sein.

 

Allerdings wird’s wohl keinen Leberkäs mehr aus Alois Rainers Metzgerei für Söder geben, die hat nämlich dichtgemacht, und zwar pikanterweise kurz nachdem Foodwatch die Kontrollberichte der Metzgerei im Mai angefragt hatte. Foodwatch klagt nun auf Veröffentlichung, denn es ist eben doch nicht alles Wurst.


der Freitag 2025


Donald und das Schöne und Gute und Wahre

Schönheit also, darum geht es. Donald Trump, ein 79-jähriger Mann, der Baseballcaps trägt wie ein Sechsjähriger, sorgt sich um die ästhetische Verschandelung Europas. „Wind ist die teuerste Form von Energie, er ruiniert die Schönheit eurer Felder und eurer Täler und eurer Wasserwege“, sagte der Präsident der USA neulich in Schottland. Er ist traurig. Europa soll nicht in Hässlichkeit versinken, oder der Präsident der USA weint Krokodilstränen.

 

Diese Sorge um unsere ästhetische Versehrung ist doch fast rührend, erfrischend zugetan, sinnlich. Donald Trump offenbart damit einen bislang verborgen gehaltenen philosophischen Geist, ist doch die Schönheit ein normatives Konzept, an dem sich schon viele große Denker abgearbeitet haben. „Das Schöne ist das, was ohne Begriffe, als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird“, schrieb dereinst Immanuel Kant; Hegel sieht das Schöne als „das sinnliche Scheinen der Idee“ und Keats fand: „Schönheit ist Wahrheit und Wahrheit ist Schönheit.“

 

Gerne würde man nun mit Donald Trump darüber sinnieren, nicht über Wahrheit – wer ein soziales Netzwerk namens „Truth Social“ gründet, der hat sich gewissermaßen das Wahrheitsgebot auf die Stirn tätowiert –, sondern über Schönheit, und zwar nicht die von Frauen mit hohen Wangenknochen und großen Brüsten, sondern der Landschaft, einem zutiefst romantischen Sujet. „Belgien ist eine schöne Stadt“, sagte Trump einst. Was ihn nun traurig macht, sind die Windkraftanlagen.

 

Ein Schelm, wer darin seine noch immer nicht verdaute persönliche Fehde mit einigen Windturbinen vermutet, die von seinem schottischen Luxusgolfresort Turnberry zu sehen sind, in dem er jüngst wieder residierte. Nein, ihm geht es um das Antlitz des ganzen europäischen Kontinents, das von Windrädern zerfressen ist wie von Pockennarben. Und damit nicht genug, die Windräder töteten auch noch die Vögel und machten die Wale verrückt.

 

Wie schön hingegen die sanft geschwungenen Kühltürme der Kohlekraftwerke, diese Kathedralen des 21. Jahrhunderts. Oder die Tagebaue, die sich sanft in das frische Erdreich graben, darin die lieblichen Bagger. Ganz zu schweigen von der Romantik der

Ölfelder, in denen hie und da traulich ein Flämmlein züngelt, darüber der Mond und die Sterne.

 

Dass Europa den USA nun weit mehr fossile Brennstoffe abkaufen soll als bislang, ist also nur eine folgerichtige Entscheidung für die Schönheit und das Leben. Kohle sei nämlich nicht nur „sauber“, sondern auch „schön“, findet Trump. Militärische Ausrüstung sowieso, vor allem die aus den USA.


der Freitag 2025


Die EU hat eine tolle neue Idee: den Klimakolonialismus

Vielleicht haben Sie es schon gesehen: Die Europäische Kommission hat ein neues Klimaziel vorgeschlagen. Das klingt erst mal toll, wegen der Wörter „neu“ und „Ziel“. Nur, Sie ahnen es: Ganz so toll ist es nicht.

 

Zunächst einmal ist dieses „neue“ Ziel nur ein Zwischenziel: Die EU hatte schon vor einiger Zeit beschlossen, ihre Emissionen bis 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken und bis 2050 dann um 100 Prozent. Über den ja doch recht großen Schritt dazwischen herrschte bislang Unklarheit. Nun hat die Kommission – übrigens mit monatelanger Verspätung – Licht in dieses Dunkel gebracht, weil sie das im Vorfeld der nächsten Klimakonferenz muss, und für 2040 eine Reduktion um 90 Prozent vorgeschlagen. Auch das ist weniger ambitioniert, als es scheinen mag, denn es ist einfach das Mindestziel, das der EU-Klimabeirat empfohlen hatte.

 

Das ist aber immer noch nicht das Enttäuschendste an dem „neuen“ Klimaziel. Denn um es zu erreichen, will die EU-Kommission CO2-Einsparungen im außereuropäischen Ausland erlauben. Das bedeutet, dass Mitgliedsländer andere – ärmere – Länder dafür bezahlen dürfen, in ihrem Namen CO2 zu sparen. Warum? Damit sie es nicht selbst machen müssen. Und weil es einfach billiger ist. Laut der Studie eines internationalen Forschungsteams wäre es halb so teuer, die weltweiten Klimaziele zu erreichen, wenn man die CO2-Reduktion so weit wie möglich von armen Ländern umsetzen ließe.

 

Ab 2036 sollen deshalb drei Prozent der EU-Emissionen von armen Ländern eingespart werden. Bislang war das in der EU ein Tabu, und zwar aus gutem Grund. Denn es drängt sich dabei der sehr begründete Verdacht eines gewissen Klimakolonialismus auf: Reiche

Länder aus dem globalen Norden – die maßgeblich für die globale Erwärmung verantwortlich sind – bezahlen arme Länder im globalen Süden – die maßgeblich unter der Klimakrise leiden –, an ihrer statt CO2 zu sparen. Das hat doch ein gewisses Geschmäckle.

 

Und das ist sogar immer noch nicht das größte Problem an dem neuen Zwischenziel, denn so wie es aussieht, bringen viele dieser Auslandseinsparungen gar nichts. Woher ich das wissen will? Nun, ein sehr reiches europäisches Land außerhalb der EU macht das bereits: die Schweiz. Sie hat dafür Verträge mit Ländern wie Ghana, Senegal, Malawi oder Vanuatu geschlossen.

 

Das ist laut Pariser Klimaabkommen erlaubt, demnach müssen die Klimaprojekte in diesen Ländern aber neu, also nicht schon in Planung gewesen sein, sonst würden sie ja keine zusätzlichen Emissionen einsparen. Und sie sollten auch dem Partnerland etwas bringen, also bislang unzugängliche Technologien finanzieren und nicht simple Dinge, die das Land auch ohne fremde Hilfe hätte umsetzen können.

 

Tja, also in Ghana stecken Reisbäuer:innen für die Schweiz nun Plastikrohre in den Boden, um damit Wasser und Emissionen zu sparen – weder ist das eine ansonsten unerreichbare Technologie noch ist sie in Ghana neu. Das Ganze spart also vermutlich keine zusätzlichen Emissionen ein, die Schweiz rechnet sie sich trotzdem an – und spart dabei auch noch Geld.

 

„Bi de Riiche lernt mä spaare“, sagt man in der Schweiz – bei den Reichen lernt man sparen. Und nun eifert der Rest Europas hinterher. Mit am lautesten Beifall klatscht dafür die deutsche CDU – die hatte sich diese Auslandskompensationen nämlich auch schon in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Mark Helfrich, klimapolitischer Sprecher von CDU/CSU, lobt sie als „Flexibilisierungsinstrument“ und findet es „unumgänglich“, in „Entwicklungs- und Schwellenländern“ CO2 zu sparen statt zu Hause.

 

Die vorherige Bundesregierung hatte so etwas noch ausgeschlossen. Früher war nun wahrlich nicht alles besser, aber manches eben doch.


der Freitag 2025


Schutz der Meere: Nizza 2025 soll wie Paris 2015 werden

Zeiten gab es, da war es legal, selbst radioaktiven Müll in die Meere zu werfen. Noch bis Anfang der 1990er versenkte die Menschheit Atomfässer und U-Boot-Reaktoren im Pazifik, im Atlantik und in der Arktis, ohne das verwerflich zu finden. Platsch und weg.

 

Das würde uns heute nicht mehr passieren! Denn mittlerweile haben wir verstanden, wie wichtig gesunde Ozeane für den gesamten Planeten sind. Und dass es mit 71 Prozent der Erdoberfläche ja sogar mehr Meer als Land gibt, worin die Algen den Großteil unseres Sauerstoffs produzieren – und auch, wie alles mit allem zusammenhängt, die Fische, die Korallen, das Mikroplastik und so weiter.

 

Wenn nun also dieser Tage die dritte UN-Ozeankonferenz in Nizza über die Bühne geht, dann können wir uns entspannt zurücklehnen, denn von allen Dächern pfeifen die Spatzen das Lied der Blue Economy, die unsere Meere schützen und gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen soll – easy.

 

Wenn man sich mal anschaut, was alles in letzter Zeit für den Schutz der Meere getan wurde, da fragt man sich doch, warum die sich jetzt noch einmal in Nizza treffen müssen, ist doch schon alles geritzt! So etwa das 30-mal-30-Ziel – dreißig Prozent der Meere bis 2030 unter Schutz zu stellen –, darauf hatte man sich bei der UN-Biodiversitätskonferenz 2022 geeinigt.

 

Gut, bislang sind nur 8,6 Prozent der Ozeane offiziell geschützt und nur 2,7 Prozent auch wirklich wirksam. Das mag auch daran liegen, dass nur etwas über eine Milliarde Dollar jährlich in den Schutz der Ozeane fließt – ein bisschen weniger als die knapp 16 Milliarden Dollar, die für das 30-mal-30-Ziel nötig wären. Dann gibt es aber auch noch das UN-Hochseeschutzabkommen von 2023, das Meeresschutzgebiete auf hoher See möglich macht. Okay, das ist bislang nicht in Kraft, weil es von mindestens sechzig Ländern ratifiziert werden muss. Da sind sie eben noch nicht dazu gekommen, auch Deutschland nicht. Aber, hey, vielleicht passiert das ja jetzt in Nizza?

 

Apropos Deutschland: Hierzulande nehmen wir den Meeresschutz sehr ernst. So sehr, dass wir seit 2022 sogar einen eigens dafür zuständigen Meeresbeauftragten haben. Obwohl: Die neue Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat diesen Posten

jetzt wieder abgeschafft. Dann ist wohl schon alles erledigt.

 

Aber keine Sorge: Frankreich peilt an, dass die UN-Konferenz in Nizza für den Meeresschutz so bedeutend werden wird wie damals die Klimakonferenz 2015 in Paris für den Klimaschutz – und wie wir alle wissen, ist das Klima ja seitdem erfolgreich geschützt.


der Freitag 2025


Ohne Superreiche wäre diese Welt viel kälter

Die Reichen haben unser Klima versaut. Das ist arg zusammengefasst das Ergebnis einer jüngst im Fachmagazin Nature Climate Change erschienenen Studie. All das Städtehopping im Privatjet, die Jachtausflüge, Cabrioletfahrten und Hubschrauberrundflüge, die zahlreichen Großanwesen mit beheizten Außenpools, Heimkinos, Garagen voller Oldtimer und XXL-Kühlschränken, die ausschweifenden Shoppingtouren, Dinnerpartys, Kaviar, Stopflebern und Wagyu-Steaks, finanziert von Spekulationen auf Erdöl- und Waffengeschäfte, haben ihre Spuren hinterlassen.

 

2019 waren die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung für fast die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Den Forschenden rund um die Leitautorin Sarah Schöngart gelang es aber nun zum ersten Mal, zu zeigen, inwieweit sie das für Klimafolgen verantwortlich macht. So, und jetzt schnallen Sie sich an: Laut den Berechnungen sind die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung für unglaubliche zwei Drittel der globalen Erwärmung seit 1990 verantwortlich! Das superreichste eine Prozent ist sogar für zwanzig Prozent der Erwärmung verantwortlich, das ultrareichste Promille für acht Prozent. Wenn die gesamte

Weltbevölkerung so viele Treibhausgasemissionen ausgestoßen hätte wie die untersten fünfzig Prozent, hätten wir heute nur eine minimale Erwärmung. Hätten aber alle so viel wie die oberen zehn, ein oder 0,1 Prozent ausgestoßen, wäre es im Vergleich zu 1990 heute 2,9, 6,7 oder 12,2 Grad heißer.

 

Zu den Dürren im Amazonasgebiet trugen die obersten zehn Prozent sechsmal so viel bei wie der Rest der Welt, das superreichste eine Prozent um das knapp 17-Fache. Jeff Bezos killt also mit seinen reichen Freunden fast im Alleingang das Gebiet, nach dem er seinen Onlinehandel benannt hat – toll, wie sich der Kreis manchmal schließt!

 

Und was bringen uns diese neuen Zahlen jetzt? „Die Quantifizierung des Zusammenhangs zwischen Wohlstandsgefälle und Klimaauswirkungen kann dem Diskurs über Klimagerechtigkeit helfen“, schreiben die Forschenden fast ketzerisch in ihrer Studie.

 

Meinen die etwa, die Reichen sollen für ihre Schweinereien bezahlen? Na, wenn das den oberen zehn, ein und 0,1 Prozent nicht die Sorgenfalten auf die Stirn treibt (keine Bange, die kann man sich ganz toll mit Botox und Hyaluronsäure unterspritzen lassen). Erinnern Sie sich noch an den Slogan „We are the 99 percent“ der Occupy-Wall-Street-Bewegung? Damals war die Klimakrise noch ein ferner Fiebertraum und den Demonstrierenden ging es noch um Geld und nicht um den Kollaps ganzer Ökosysteme – was waren das rückblickend für unbeschwerte Zeiten.


der Freitag 2025


Für die GroKo ist Klimaschutz ein Wirtschaftsprojekt

Mit dem Pathos eines Nachrichtensprechers ratterte Friedrich Merz vergangene Woche durch das Programm des Koalitionsvertrags. Ganz wie in der Tagesschau ging es sehr viel um Wirtschaft und am Ende noch schnell zum Wetter.

 

Während drei Männer lang niemand das Wort „Klima“ in den Mund nahm, fiel das der zuletzt sprechenden Frau Saskia Esken zu. „Wir sind überzeugt, die Klimaneutralität ist ein Wohlstandsversprechen“, sagte Esken dann allerdings – als sei die Klimakrise ein Aktienfonds, in den es nun unbedingt zu investieren gelte.

 

Klimaschutz wird unter dieser Regierung allenfalls ein Wirtschaftsprojekt, das wird auch beim Lesen des Koalitionsvertrags schnell klar. Dort taucht das Wort Klima nämlich schon auf Seite sechs auf, im Kapitel „Wirtschaftswachstum“ – angemessen. Man wolle auf gar keinen Fall so doll das Klima schützen, dass das die energieintensive

Industrie ins Ausland vergrault, schreibt die Koalition da. Zur Sicherheit dann auch gleich noch mal zu Anfang des Kapitels „Klima und Energie“ ein kleiner Luftkuss an die Industrie: „Wir wollen Industrieland bleiben und klimaneutral werden.“ Wirtschaft

first, Klima second.

 

Auf der Habenseite: Die SPD konnte der Union ihre Träume von einer Rückkehr zur Atomkraft ausreden, und aus der Kohle will Schwarz-Rot nach wie vor bis spätestens 2038 aussteigen. Dafür soll es aber mehr Gaskraftwerke geben, die auch die umstrittene und teure Technik der CO2-Abscheidung und -Speicherung nutzen dürfen. Schlauer wäre es, Emissionen zu vermeiden, anstatt sie dann wieder einfangen zu müssen.

 

Hellhörig macht aber noch eine andere Passage: Die Koalition wolle das europäische Klimaziel unterstützen, schreibt sie, und zwar auch durch „hoch qualifizierte, zertifizierte und permanente Projekte (maximal drei Prozentpunkte des 2040-Zwischenziels) in außereuropäischen Partnerländern“. Das heißt: Die deutsche Regierung will künftig andere Länder dafür bezahlen, CO2 zu vermeiden, damit sie es nicht selbst machen muss. Das spart Aufwand und Geld – und widerspricht dem internationalen Klimarecht. Die Schweiz macht das bereits im großen Stil, sie lässt zum Beispiel Reisbauern in Ghana auf klimafreundlichere Bewässerungsmethoden umschulen, und in Zürich fahren weiter alle SUV.

 

Vor zwei Jahren hat die damalige deutsche Regierung so etwas noch ausgeschlossen. Die neue will jetzt aber teure Spielereien, wie etwa den Hyperloop – Elon Musks Hochgeschwindigkeitsrohrpost für Menschen –, und das Geld wächst ja nicht auf den Bäumen.


der Freitag 2025


Der Klimawandel raubt Satelliten im Weltall den Platz

Wir zerrütten mit der globalen Erwärmung das Leben auf Erden. Diese unangenehme Wahrheit haben fast alle Menschen akzeptiert – außer wirklich Unbelehrbaren wie Donald Trump, der nun leider in der Position ist, die weltweite Klimapolitik zu zerrütten. Wir anderen trösten uns mit dem Gedanken, dass zumindest das Weltall unbefleckt bleibt, von wo traulich die Satelliten funkeln.

 

Aber selbst die sind vor den Folgen unserer fossilen Schweinereien nicht sicher. Wie nun eine neue MIT-Studie zeigt, wird es für die Satelliten eng. Die globale Erwärmung verkleinert den verfügbaren Platz für sie in der Erdumlaufbahn, denn: Der gleiche Treibhauseffekt, der die untere Atmosphäre erwärmt, kühlt die oberen Schichten ab, wo die Satelliten sind. Durch diese Abkühlung schrumpft die „Thermosphäre“ genannte Schicht, ihre Dichte nimmt ab und damit auch der Luftwiderstand. Der ist wichtig, denn der zieht normalerweise Weltraumschrott zur Erde – das ist im Prinzip der Selbstreinigungsmechanismus der Erdumlaufbahn, weil alles, was in die untere Atmosphäre gezogen wird, beim Eintritt verglüht. Das ist auch deswegen nett, weil das dann aussieht wie Sternschnuppen. Das neue Phänomen der Thermosphäre nennen die Forschenden sympathisch „Sky Fall“, nicht zu verwechseln mit dem James-Bond-Film.

 

Aber es bräuchte jetzt ehrlich gesagt schon einen größenwahnsinnigen Geheimagenten und einen Hollywood-Plot-Twist, um die katastrophalen Folgen noch aufzuhalten.

 

Denn die Forschenden rechneten aus, dass die Kapazität für Satelliten in der Höhe von 200 bis 1.000 Kilometern bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 66 Prozent abnehmen wird. Das heißt, das Risiko für Kollisionen und Massenkarambolagen steigt. Mehr als 10.000 Satelliten umkreisen die Erde, und es werden täglich mehr. Elon Musk will 34.000 Starlink-Satelliten in die Erdumlaufbahn schießen, China 38.000, Amazon 3.000 – und da hört die Liste noch lange nicht auf. Dazu kommen Millionen von Trümmerteilen und alles bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von rund 25.000 Kilometern pro Stunde. Man muss kein Pessimist sein, um zu prognostizieren: Das wird nicht gut gehen. Von den Satelliten hängen nur leider ziemlich wichtige Dinge ab.

 

Beispielsweise das Internet, unsere Kommunikation, Navigation, die Wettervorhersage und Bankgeschäfte. „Let the sky fall / When it crumbles / We will stand tall / Face it all together“, singt Adele im Song „Skyfall“. Packen Sie für den Fall am besten schon mal einen Kompass ein, kramen die alten Überweisungsformulare raus und entstauben Ihren Brockhaus.


der Freitag 2025


Na toll, jetzt gibt es eine Brandmauer gegen das Klima?

Im Sauseschritt nähert sich die Bundestagswahl und angesichts des politischen Desasters der letzten Wochen sucht das Volk zunehmend verzweifelt nach Orientierung. Nachdem Friedrich Merz (CDU) in seinem Gieren nach Macht das Unverzeihliche getan und den Rechtsextremen die Hand gereicht hat, wird in diesem Land so viel über eine Mauer geredet, wie seit 1989 nicht mehr. Momentan 79 Prozent der Wahlberechtigten – das sind alle abzüglich jener, die Stand heute die AfD wählen würden – fragen sich besorgt, ob sie noch steht, denn diese Mauer soll nicht fallen.

 

Sie soll gegen rechts mauern, aber wie Mauern, das so an sich haben, sind sie nicht wählerisch, und so mauert sie auch alle anderen Themen, wie zum Beispiel die Klimakrise.

 

Im TV-Duell der beiden Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD) und Friedrich Merz spielte die dann auch einfach keine Rolle, sie ist aber leider ein viel größeres Problem als ein machtgeiler CDU-Politiker, der zur Not auch mal mit Rechtsextremen schmust.

 

Klimapolitische Orientierung kann man stattdessen im Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für Politische Bildung finden. Acht von 38 Fragen beschäftigten sich direkt oder indirekt mit der Verhinderung oder Umarmung der Klimakrise, je nach dem, wie sich die

Parteien zu ihnen verhalten. Die Begründungen könnten stellenweise äußerst unterhaltsam sein, wäre die Sache nicht so ernst. Gegen ein generelles Tempolimit etwa spricht sich die Union aus, weil sie „in der individuellen Mobilität den Inbegriff von Freiheit“ sehe (was im Grunde einfach nur traurig ist) und unterschiedliche Verkehrsmittel nicht gegeneinander ausspielen wolle. Heißt das, die CDU will wenn dann auch ein Tempolimit für Fahrräder, Züge und Flugzeuge? Die FDP lügt „ein Tempolimit würde keine entscheidende Reduzierung des CO₂-Ausstoßes bewirken“, obwohl das Umweltbundesamtes ausgerechnet hat, dass ein Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde jährlich rund 6,7 Millionen Tonnen CO₂ einsparen würde – aber die FDP verabschiedet sich eh in die Irrelevanz.

 

Weitaus beunruhigender ist, dass die CDU, kaum dass Angela Merkel weg ist, wieder in die Kernenergie einsteigen will. Man wolle jetzt mal prüfen, ob man einige AKWs nicht doch wieder hochfahren kann, knapp zwei Jahre, nachdem das letzte abgeschaltet wurde. Das Ziel, klimaneutral zu werden, will die CDU einhalten, eben mit der Kernenergie, aber auch nur mit wirtschaftlichem Wachstum, klar. Sollte das schwierig werden, halte ich es mit der satirischen „Die Partei“ von Martin Sonneborn. Die fragt: „Was haben wir denn schon zu verlieren, außer dass Frankreich im Atlantik versinkt?“


der Freitag 2025


Shitstorm gegen Veggie-Days? DieZeiten sind vorbei!

Der Teller ist unser privates Reich. Wir haben das Gefühl, es geht niemanden etwas an, wie es darauf aussieht, Kritik an Portionsgrößen oder Zusammensetzung unseres Speiseplans verbitten wir uns. Von unserem Teller wollen wir uns sprichwörtlich nicht die Wurst ziehen lassen. Denn für 88 Prozent von uns Deutschen versammeln sich Kartoffeln, Erbsen und Salatgarnitur um ein Herzstück in der Form von Wurst, Schnitzel, Gehacktem oder Geschnetzeltem: Fleisch.

 

Dieses Fleisch wächst in Deutschland noch nicht in Petrischalen, sondern es wird immer noch aus den Körpern von 750 Millionen Tieren pro Jahr geschnitten. Diese Tiere fristen zum Großteil trostlose und kurze Leben, ihre Haltung ist einer der Haupttreiber für die Klimakrise, den Verlust der Biodiversität und die Rodung der letzten Regenwälder. „Global betrachtet, verursacht das Ernährungssystem je nach Schätzung 21 bis 37 Prozent der anthropogenen Treibhausgasemissionen, wobei bis zu 80 Prozent davon auf die Tierproduktion entfallen“, schreibt die Juristin Saskia Stucki. Und: „Die einst privat gedachte Fleischfrage ist politisch geworden.“ Will sagen: Der Teller ist nicht länger allein unser privates Reich, weil er ja nicht losgelöst vom Rest der Welt existiert, sondern sehr reale Auswir-

kungen hat.

 

Wie viel Spaß es indes macht, den Fleischkonsum in Deutschland zu kritisieren oder einzudämmen zu versuchen, zeigte zum Beispiel der Shitstorm, der die Grünen überrollte, als sie 2013 versuchten, einen Veggie-Day in öffentlichen Kantinen einzuführen – und damit dann auch krachend scheiterten. Zusammen mit dem Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht lud Saskia Stucki trotzdem vor Kurzem zur „Defund Meat“-Konferenz nach Heidelberg. Dort wagten sich internationale Expert:innen an die heilige Kuh und diskutierten Möglichkeiten, den Fleischhunger der Menschen zu verkleinern, ohne die Moralkeule zu schwingen. Man könnte der Tierindustrie zum Beispiel den Geldhahn zudrehen, allein in Deutschland bekommt sie jährlich je nach Schätzung fünf bis 13 Milliarden Euro an Subventionen.

 

Oder man kann auch einfach einen Veggie-Day an jedem Tag einführen. Das hat die Stadt Freiburg 2023 an allen Grundschulen gemacht. Der Gesamtelternrat hatte danach dort weit mehr mit skandalwitternden Medienanfragen zu tun, als mit eventuell besorgten Eltern. Die Bild-Zeitung versuchte es mit der Schlagzeile „Freiburg will

Fleisch an Schulen verbieten“, aber der Shitstorm blieb aus. Die Zeiten ändern sich. Auch auf unseren Tellern.



Traum wird wahr – ein Kabel für alle Elektrokleingeräte!

Wir träumten einen schimmernden Traum, als wir noch auf Klapp-, Schiebe- und Klotz-Handys Snake spielten, bis der Akku leer war. Wie toll wäre es, so träumten wir, wenn wir nur alle unsere Klapp-, Schiebe- und Klotz-Handys mit demselben Kabel laden könnten! Wie viel einfacher wäre das für uns und die Welt insgesamt, sinnierten wir, keine chaotischen Schubladen, Kisten und Beutel voller Ladekabel mehr; verknotet, zerborsten und zu Geräten gehörend, die wir schon lange nicht mehr besaßen. Und dann das klamme Gefühl, wenn wir sie irgendwann beschämt auf den großen Elektroschrotthaufen der Konsumgesellschaft entsorgen mussten, wohl wissend, dass es so nicht sein und bleiben sollte.

 

Denn dieser Haufen ist groß, giftig und wertvoll – würden wir uns die Mühe machen, ihn auseinanderzudividieren –, und er ist Sinnbild für unsere gedankenlose Wegwerfwelt, in der es wirtschaftlich mehr Sinn macht, seltene Rohstoffe zu verschrotten, als sie wieder zu verwerten.

 

2022 schmiss die Weltgemeinschaft 62 Milliarden Kilogramm Elektronikmaterial weg, informiert der Global E-Waste Monitor der Vereinten Nationen. Das ist annähernd doppelt so viel wie 2010 und entspricht 7,8 Kilogramm pro Person. „Die Welt erlebt eine bedeutende Elektronifizierung“, heißt es in dem Report unheilvoll. Ist der Traum einer elektronifizierten Zukunft, in der Uhren telefonieren, Zimmer sprechen und Fahrräder fast von selbst fahren, also in Wahrheit ein Albtraum? Brauchen wir statt Schubladen, Kisten und Beuteln bald Schränke, Garagen und ganze Dachböden für die Aufbewahrung all der neuen Ladekabel für all die neuen Elektrogeräte? Wir wagten ihn kaum noch zu träumen, den Traum der einheitlichen Ladeanschlüsse.

 

Aber nun, aufgewacht! Das Träumen hat ein Ende: Ab dem 28. Dezember dieses Jahres dürfen nur noch elektronische Kleingeräte mit USB-C-Stecker verkauft werden. Ja ganz recht, EIN Kabel für ALLE Kleingeräte, also Handys, Tab- lets, Kameras, Lautsprecherboxen, Kopfhörer, Headsets, tragbare Spielkon- solen, Tastaturen, E-Reader, Navigationsgeräte und allerlei weitere Geräte, die in dieser Größenordnung liegen.

 

Den Weg dahin hat das Bundeskabinett geleitet, indem es einer Änderung des Funkanlagengesetzes zustimmte, dessen Name so klingt, als sei es Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst worden. Tatsächlich aber stammt es aus dem gar nicht so weit zurückliegenden Jahr 2017. Mit der Gesetzesänderung setzt das Kabinett eine EU-Vorgabe von 2022 um, die wiederum eine Stellschraube im großen Green Deal ist und sowieso „maßgeblich auf die Initiative Deutschlands“ zurückgehe, wie Umweltministerin Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen) mit stolzgeschwellter Brust verkündete.

 

Die Idee ist, dass durch die Einheitlichkeit Ladegeräte nicht automatisch mit neuen Geräten mitverkauft werden, sondern nur bei tatsächlichem Bedarf dazugekauft werden. Ab 2026 soll das Gesetz auch für Laptops gelten. Ladegeräte würden derzeit noch zu jährlich 11.000 Tonnen Elektroschrott führen, teilt die Bundesregierung mit, aber jetzt werde alles besser.

 

Nun ja, der 28. Dezember liegt nicht nur neckische vier Tage nach dem größten Konsumfest des Jahres – das seit der Geburt Jesu alle Jahre wieder daran gemessen wird, wie viel Umsatz der Einzelhandel gemacht hat –, sondern auch schüchterne 16 Jahre nach der ersten Absichtserklärung für einheitliche Ladekabel. Ja, schon 2009 haben die damals 14 führenden Technik-Unternehmen erklärt, die gleichen Ladekabel verwenden zu wollen. Maßgeblich hat Apple blockiert, dass daraus auch was wurde.

 

2009 trugen wir Hüfthosen und bauchfreie T-Shirts – kommt alles wieder, nur Snake leider nicht, dafür gibt es noch nicht mal eine Absichtserklärung.


der Freitag 2024


Ist Trump ehrlicher als all die anderen Regierungschefs?

Mit Aserbaidschan lädt dieser Tage zum zweiten Mal in Folge ein autoritärer Ölstaat zur Klimakonferenz. Bis zum 22. November wird die COP29 in der Hauptstadt Baku ausgetragen. Und wieder einmal wird es darum gehen, ob die Staatengemeinschaft das selbst entfachte Inferno noch löschen wird – oder nicht. Wobei ans Löschen streng genommen ja niemand mehr so richtig glaubt.

 

Es geht vor allem um eine dringend nötige Vervielfachung der internationalen Klimafinanzierung. In diesem Jahr sollten die Vertragsstaaten 100 Milliarden bis eine Billion Dollar für die Entwicklungsländer lockermachen, falls sie sich entfernt Mühe geben wollen, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Ungünstig, dass Deutschland gerade sein Finanzminister abhanden gekommen ist und dass der Rest der Regierung sich nur mit Mühe und Not noch auf den Beinen halten kann. Macht sich nicht so gut

in harten Verhandlungen.

 

Natürlich auch ungünstig, dass mit Donald Trump soeben ein US-Präsident wiedergewählt wurde, der schon mal aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten ist und das nun wieder angekündigt hat. Er will außerdem die Öl- und Gasproduktion ausweiten, den Umweltschutz zurückfahren und staatliche Anreize zur Förderung erneuerbarer Energien und von Elektrofahrzeugen abschaffen – macht Sinn für einen Klimawandel-Leugner wie Trump.

 

Und ist es vielleicht auch einfach ehrlicher? 2024 wurde gerade zum „heißesten Jahr der Geschichte“ gekürt, die globalen CO2-Emissionen kletterten, statt zu sinken, auf ein Rekordhoch. Und auch die Abkommen zu einem Abholzungsstopp und zu einer Senkung des Methan-Ausstoßes haben bislang das genaue Gegenteil zur Folge: mehr Abholzung und mehr Methan.

 

Zur selben Zeit verschickt die Fluggesellschaft Easyjet ihren neuen Newsletter: „Städtereise? Gemütlicher Kurzurlaub? Was auch immer Sie suchen, sichern Sie sich Ihren Platz, bevor er weggefegt wird.“ Und es liest sich, als seien damit nicht die Plätze, sondern die Reiseziele gemeint, wie der Süden von Spanien, der gerade von Fluten zerstört wurde, oder Teile der USA, weggefegt von mehreren Hurrikans.

 

Der Blick aus meinem Fenster geht auf ein sehr hässliches Gebäude, aber dort auf einem Fenstersims kann ich zwei Tauben beim Turteln zusehen. Das gilt als „Symbol großer, andauernder Liebe“, erklärt der Naturschutzbund. Was ich damit sagen will: Auch inmitten von großer Scheiße gibt es noch die schönen Dinge. Die verschwinden zum Glück nicht einfach so.


der Freitag 2024


Der eitle deutsche Wald wird zur Kohlenstoffquelle

Poetisch-metaphorisch-dystopisch hat Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) jüngst verkündet: „Das grüne Herz unseres Landes gerät aus dem Takt.“ Er meinte damit nicht seine Partei (bei der man angesichts des aktuellen Umfragetiefs mindestens von Herzrhythmusstörungen sprechen kann), sondern den deutschen Wald. Der war seiner vierten Inventur unterzogen worden, Özdemir stellte die Resultate vor – Spoiler: nicht so dolle –, als handle es sich bei diesem Wald um einen leistungsschwachen Subunternehmer des großen Joint Ventures „Klimarettung“, nicht um lebendige Bäume, Moose, Farne, Pilze, Häschen, Rehe und all das.

 

„Der deutsche Wald hilft uns nicht mehr in dem Maße, wie wir es bislang gewohnt waren, bei der Erreichung unserer Klimaziele“, tadelte der Minister die Underperformance des Waldes. Klar, da müssen auch mal klare Worte her, das weiß jede gute Führungsperson. Man kann sagen, der deutsche Wald hat es ein bisschen schleifen lassen in den vergangenen Jahren, dafür bekommt er nun – zu Recht, keine Frage – öffentliches Shaming, das kann ja auch anspornend wirken. Die Inventur besteht in allererster Linie aus Zahlen und fügt so die Bäume, Farne, Moose, Pilze, Häschen, Rehe und all das fachgerecht in das marktwirtschaftliche Raster ein. 15.000 Hektar Zuwachs, 11,5 Hektar Gesamtfläche, darauf 100,4 Milliarden Bäume größer als 20 Zentimeter mit einem „Holzvorrat“ von rund 3,6 Milliarden Kubikmetern. Und da muss man auch mal Worte des Lobes sprechen: „Damit ist Deutschland immer noch das vorratsreichste Land Europas in absoluten Zahlen gesehen“, sagte Thomas Riedel, der Leiter der Bundeswaldinventur vom Thünen-Institut, und man stellt sich unweigerlich eine Lagerhalle mit normgerechten und durchnummerierten Holzlatten in deckenhohen Regalen vor.

 

So, jetzt kommt’s aber: Es gibt Vorratsverlust. Und das bedeutet, dass im deutschen Wald seit der letzten Kohlenstoffinventur 2017 – das ist so eine Art Mini-Zwischeninventur – der Kohlenstoffvorrat um 41,5 Millionen Tonnen abgenommen hat. In einem animierten Video zur Inventur fliegen hoffnungsfroh kleine orangene CO2-Zeichen in grüne Bäume. Aber die Richtung ist falsch, sie müssten rausfliegen, denn der deutsche Wald ist damit von einer Kohlenstoffsenke zu einer Kohlenstoffquelle geworden. Es geht mehr CO2 raus als rein! Dem eitlen deutschen Wald kann man da ruhig mal drohen, dass wir uns sonst eben andere (und billigere!) Subunternehmer im Ausland suchen. Und auf keinen Fall den Führungsstil ändern, daran liegt es sicher nicht.


der Freitag 2024


Warum Wein nicht mehr duftet, dafür aber ballert

Jetzt reicht’s. Dass die globale Erwärmung Wälder niederbrennt, Küsten flutet und Menschen vertreibt, ist unschön. Aber ein Glas – oder auch mal eine ganze Flasche – Wein hüllten die angesichts solcher Hiobsbotschaften aufsteigende Klimaangst bislang verlässlich in wohliges Vergessen. Ein frohlockendes Entkorken, ein wonniges Dekantieren, den Rotwein noch etwas chambrieren, die Tränen im Glas studieren, das Bukett erschnuppern und dann der erste genüssliche Schluck. Mon Dieu! Welch saftiger Körper, welch überraschende aromatische Wendungen, welch ausgefeiltes Frucht-Säure- Spiel und welch grandioser Abgang mit filigranem Nachhall! Bislang ließ sich noch der schweißtreibendste Hitzerekord zumindest vorübergehend zwischen rassiger Mineralität und subtilen Strukturen ertränken. Aber die Stunden dieser Wonnemomente sind gezählt!

 

Denn jetzt schmeckt selbst der Wein nicht mehr. Schuld daran ist, klar, die Klimaerwärmung. „Der Klimawandel wirkt sich auf den Ertrag, die Zusammensetzung und die Qualität der Trauben aus“, schreibt ein Forschungsteam im Fachmagazin Nature Reviews Earth & Environment. Die Forschenden kommen aus Bordeaux und dem Burgund, den zwei wohl berühmtesten Weinregionen der Welt – noch. Denn: „Infolgedessen verändert sich die Geografie der Weinerzeugung.“ Die Folge: „Etwa 90 Prozent der traditionellen Weinanbaugebiete in den Küsten- und Tieflandregionen Spaniens, Italiens, Griechenlands und Südkaliforniens könnten bis zum Ende des Jahrhunderts vom Verschwinden bedroht sein, weil der Klimawandel zu übermäßiger Trockenheit und häufigeren Hitzewellen führt.“ Quelle catastrophe!

 

Und was der geneigte Connaisseur schon jetzt erschmecken mag: Die steigenden Temperaturen verderben den Geschmack der edlen Tropfen. Statt des Aromas frischer Früchte tragen sie nun Noten von gekochtem und überreifem Obst. Sie haben weniger Säure und daraus resultierend eine geringere mikrobiologische Stabilität, die Folge: Fehlgeschmack! Der junge Rotwein ist blass, der Sauvignon Blanc duftet nicht mehr und einige australische Weine tragen dank der immer häufigeren und größeren Waldbrände bereits einen verbrannten und an Asche erinnernden Rauch-Beigeschmack.

Ein gutes hat die Klimaveränderung allerdings: Die Hitze steigert den Zuckergehalt der Weine, macht sie „kopfiger“ und „heißer“, das ist Weinkritiker-Fachvokabular für mehr Alkoholgehalt. Das heißt ganz einfach ausgedrückt: Die Weine ballern mehr. Das können wir ja wiederum ganz gut gebrauchen.


der Freitag 2024


Klimaangst: So verheizen wir die Forschenden

Es ist ja oft die Rede davon, dass wir Ihnen, unseren geneigten Leser:innen, nicht so viel Negativität zumuten können. Denn das macht Sie nachrichtenmüde. „Jeder Zehnte versucht oftmals aktiv, Nachrichten zu vermeiden“, schreibt das Leibniz-Institut für Medienforschung, das dazu eine Studie gemacht hat. Wenn ich hier also zu viel von der Klimakrise schreibe, dann schauen Sie weg. Sie können – statt hier weiterzulesen – zur Kultur weiterblättern, das Dschungelcamp einschalten oder sich online ein neues T-Shirt kaufen. Und dann ist die Klimakrise einfach nicht da, la-la-la.

 

Es gibt aber Menschen, die nicht einfach so wegsehen können, weil es ihr Job ist, hinzusehen. Und denen geht es zunehmend schlechter. Denn es ist ein bisschen anstrengend, die Weltgemeinschaft jahrzehntelang vor einer vermeidbaren Katastrophe zu warnen, wenn die sich dann bloß „nachrichtenmüde“ abwendet und sagt: „och nö, das ist mir jetzt echt zu negativ und weltuntergangsmäßig“, und dann eben zum Kulturteil weiterblättert / das Dschungelcamp einschaltet / ein T-Shirt kauft.

 

Mit derlei Vermeidungsstrategien verheizen wir nicht nur die Erde, sondern auch die Menschen, die vor ihrer Verfeuerung warnen. Damit meine ich nicht nur die Klimaforschenden, die die gefürchteten schlechten Nachrichten mit ihren Feldforschungen und Berechnungen ja erst herausfinden, sondern auch diejenigen, die ihre Nachrichten dann weiterverbreiten, also Aktivist:innen, Autor:innen und Journalist:innen.

 

Ich möchte hier aber nicht darauf hinaus, wie ich mich verheizt fühle, sondern darauf, wie es den zur Neutralität verdammten Forschenden geht. Klimaangst ist unter Klimaforschenden so weit verbreitet, dass sich für sie Organisationen wie die „Climate Psychiatry Alliance“ oder das „Good Grief Network“ gegründet haben, die ihnen dabei helfen wollen, mit ihrer Angst und Frustration besser umzugehen. Wie weit die unter ihnen verbreitet ist, zeigte eine Umfrage unter den Hauptautor:innen der Weltklimaberichte. Nur sechs Prozent der befragten Forschenden glauben, dass das 1,5-Grad-Ziel noch erreicht werden kann.

 

Klimaangst kann Bluthochdruck, Depressionen, Suchtverhalten oder andere stressbedingte Krankheiten auslösen. „Sie [die Klimaforschenden] sind eine gefährdete Bevölkerungsgruppe, eine Gruppe, die der Realität des Klimawandels auf sehr ernste Weise ausgesetzt ist“, sagt Robin Cooper von der „Climate Psychiatry Alliance“. Wissenschaftler:innen sehen auf ihren Forschungsreisen mit eigenen Augen, wie die Gletscher schmelzen, der tropische Regenwald verbrennt oder die Korallen sterben. Das ist nicht ganz einfach zu verarbeiten. Versicherungen für Forschungsreisen schließen aber keine Psychotherapie ein, weil Emotionen in der Forschung ja keine Rolle spielen dürfen.

 

Der Australier Joe Duggan gab ihnen mit seinem Projekt „Is This How You Feel?“ dennoch einen Raum, indem er Klimaforschende aus der ganzen Welt bat, ihre Emotionen in handschriftlichen Briefen festzuhalten. Rohan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, schrieb: „Unsere Forderungen führen im Grunde genommen bestenfalls zu marginalen Veränderungen ... Mein Gefühl dazu? Nun, tiefe Frustration.“ Sein Kollege Stefan Rahmstorf fühlt sich „traurig“ und ist von einem Albtraum geplagt: Er entdeckt ein abgelegenes brennendes Bauernhaus, daraus rufen Kinder um Hilfe, er ruft die Feuerwehr. „Aber die kommt nicht, weil ein Verrückter ihnen immer wieder sagt, dass es ein falscher Alarm ist.“

 

Aber ich sage Ihnen, bald werden wir Ruhe haben. Es gibt dann einfach keine Klimaberichte mehr, weil alle Klimaforschenden krankgeschrieben sind. Und wir können wieder sorgenfrei online shoppen und Trash-TV schauen.


der Freitag 2024


Möge die Macht der Klimakrise alle Zeit mit dir sein!

Mehr Zeit, wünschen wir uns das nicht alle? Ich kann Ihnen verraten, wir wurden erhört – nur aus einer überraschenden Ecke. Denn es ist ausgerechnet die Klimakrise, die uns mehr Zeit schenken wird. Und da ist dann auch gleich der Haken: Will man in einer Krise mehr Zeit haben oder will man nicht viel eher, dass sie einfach schnell vorbei ist?

 

Tja, wir werden es uns nicht aussuchen können, denn diese Krise schreibt ihre eigene Zeit, und die wird eben länger sein, jeden Tag. Mit unserem massenhaften Ausstoß von Kohlenstoffdioxid und Methan verursachen wir nämlich nicht nur den Treibhauseffekt, der wiederum höhere Temperaturen zur Folge hat. Wir verformen außerdem den Planeten. Wie das?

 

Die Erwärmung bringt das Eis in den Polargebieten zum Schmelzen, das sich in Wasser verflüssigt auf die Weltmeere verteilt. Und dieses Wasser fließt weg von den Polen in Richtung Äquator. Die Massenverteilung der Erde verändert sich also, unser Planet wird gewissermaßen dicker. Das hat Auswirkungen auf die Erdrotation, sie verlangsamt sich. Und das heißt: Die Tage werden länger.

 

Okay, der Effekt ist sehr klein: In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind die Tage klimabedingt um durchschnittlich 1,33 Millisekunden länger geworden. Das errechnete ein Forscherteam rund um den Geoforscher Mostafa Kiani Shahvandi von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich.

 

Die Forscher wagen auch einen Blick in die Zukunft – die natürlich maßgeblich davon abhängt, wie viel Treibhausgase wir in nächster Zeit noch so in die Atmosphäre blasen. Im Falle des „Weiter-so-Szenarios“ des Weltklimarates würden die Tage ab dem Jahr 2100 um 2,62 Millisekunden pro Jahrhundert länger werden.

 

Das klingt jetzt erst mal nicht so krass, dieser Effekt wäre aber größer als der des Mondes. Der wirkt mit seiner Schwerkraft ziemlich stark auf die Erde ein und verursacht damit Ebbe und Flut. Der Mond verlangsamt aber auch die Erdrotation, und zwar um 2,4 Millisekunden pro Jahrhundert.

 

Das Ergebnis von Mostafa Kiani Shahvandi und seinen Kollegen reiht sich ein in eine Reihe anderer besorgniserregender Funde: Forschende fanden heraus, dass wir mit der Umverteilung des Wassers auch die Rotationsachse der Erde verschieben und mit unseren Emissionen schrumpfen wir die Erdatmosphäre. Das sind Dinge, die sich sonst über einen Zeitraum von Milliarden Jahren verändern. Wir machen das in hundert Jahren. Nun nehmen wir es also mit der Macht des Mondes auf – Star Wars mal anders.


der Freitag 2024


Gewusst, wo: À la Gießkanne klappt Artenschutz nicht

Erinnern Sie sich an die US-amerikanische Fernsehserie Die Dinos? Darin polterte der wuchtige Dino-Papa Sinclair stets mit den Worten „Bin da, wer noch?“ herein, während das Dino-Baby „Nicht die Mama!“ brüllte und mit Kochtöpfen um sich schlug. Und wissen Sie auch, wie die Serie endete? Mit einer Verkettung ökologischer Katastrophen und dem Beginn einer Eiszeit, in der sich die Dino-Familie frierend zusammendrängt, während Dino-Papa Sinclair sagt: „Wir werden es bestimmt schaffen. Wär’ doch gelacht. Und außerdem: Wir Dinos leben schon seit 150 Millionen Jahren auf der Erde. Da werden wir doch nicht so mir nichts, dir nichts zu Flugsauriern.“

 

Ich denke, es ist kein allzu großer Spoiler, wenn ich Ihnen verrate, dass sie es nicht schaffen. Und jetzt kann man diskutieren, ob es makaber ist, aus dem fünften Massensterben auf der Erde eine Schlusspointe für eine Kinderserie zu machen. Ich möchte aber auf etwas anderes hinaus: Diese Serie ließe sich in Kürze neu auflegen, und zwar mit den Tierarten, die heute auf der Erde leben. Die werden nämlich gerade von dem sechsten Massensterben eine nach der anderen ausgelöscht. Wie wäre es etwa mit dem Marianen-Flughund als Papa, einem gelben Guambrillenvogel als bestem Freund, einem Gelbstirn-Waldsänger als Arbeitskollegen und einem langschnabeligen Schuppenkehlmoho als Widersacher? Das ist keine zufällige Auswahl. Sondern Tierarten, die allein letztes Jahr für ausgestorben erklärt wurden.

 

Bisschen traurig für die Kleinen? Nun, glücklicherweise ließe sich das verhindern, wenn auch nicht für die genannten Arten, die ja ausgestorben sind. Die können höchstens noch auf den Lazarus-Effekt hoffen, so nennt man das, wenn verschwunden geglaubte Tierarten wiederentdeckt werden – eher unwahrscheinlich. Ein Großteil der noch existierenden bedrohten Arten ließe sich laut einer gerade im Fachmagazin Frontiers in Science veröffentlichten Studie aber relativ leicht retten. Denn sie sind selten und kommen nur in kleinen Gebieten vor. Für ihren Erhalt müssten deswegen auch nur kleine Gebiete geschützt werden: 1,2 Prozent der Landoberfläche der Erde, so die Studie. Das entspricht 1,64 Millionen Quadratkilometern, was ziemlich genau der Fläche des Iran entspricht. Um das sechste weltweite Massensterben zu verhindern, müssen wir also nicht die ganze Welt schützen, sondern „nur“ ein mittelgroßes Land – aufgeteilt auf knapp 17.000 Orte auf der Welt.

 

Das klingt doch machbar, oder? Um das mal ein bisschen näher an Sie heranzurücken: Die durchschnittliche Körperoberfläche des Menschen sind 1,73 Quadratmeter. 1,2 Prozent davon sind gut zwei Quadratzentimeter, das ist also ungefähr die Fläche ihres Daumen- oder Fingernagels (je nachdem, wie groß ihre Finger sind). Um sich selbst vorm Aussterben zu schützen, müssten sie also nur ihren Daumen- oder Fingernagel schützen.

Wäre allerdings schon gut, wenn Sie wüssten, welchen denn nun. Einfach irgendeinen zu schützen bringt’s auch nicht. Klingt selbstverständlich? Nun, die Weltgemeinschaft macht gerade genau das. Vor zwei Jahren vereinbarte sie, 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz stellen zu wollen, was ja erst mal löblich ist. Sie schützt bloß die falschen Orte, denn nur sieben Prozent der in den letzten Jahren neu geschützten Flächen beherbergen stark bedrohte Arten. „Es ist fast so, als ob die Länder einen umgekehrten Selektionsalgorithmus anwenden und die nicht seltenen Gebiete auswählen, um sie zu den globalen Schutzgebieten hinzuzufügen“, sagt Eric Dinerstein, US-amerikanischer Umweltschützer und Leitautor der erwähnten Studie.

 

Also: ein bisschen besser konzentrieren beim Aufstellen der Schutzzäune. Um es mit Dino-Papa Sinclair zu halten: Wir werden es bestimmt schaffen. Wär’ doch gelacht.


der Freitag 2024


Woher kommt das Glyphosat in den Gewässern?

Johann Wolfgang von Goethe schrieb dereinst: „Des Menschen Seele / Gleicht dem Wasser: / Vom Himmel kommt es, / Zum Himmel steigt es“. Das war sicher romantisch gemeint – rauschende Ströme, die Reinheit, der Schaum und so weiter –, aber diese Worte sind von schneidend unangenehmer und recht unromantischer Aktualität. Denn die Seelen der Menschen gleichen dem Wasser darin, dass sie vergiftet sind.

 

Die Rede ist von Glyphosat, dem meistgenutzten Breitbandherbizid, über das es schon seit Jahren erbitterten Streit gibt. Denn nicht nur tötet es verlässlich alle Pflanzen ab, es steht auch im Verdacht, Krebs zu erregen. Die Europäische Kommission ließ es trotzdem für weitere zehn Jahre in der Landwirtschaft zu. Also sollte es nicht verwunderlich sein, dass sich Glyphosat auch in Gewässern findet, die sind für das Unkrautvernichtungsmittel ja nur einen Regenguss entfernt. Nur, hier wird es seltsam: Aus der Landwirtschaft kann es nicht kommen.

 

Diese Erkenntnis haben wir der Chemikerin Caroline Huhn von der Universität Tübingen zu verdanken. Sie sah sich die Glyphosat-Belastung an rund 70 Messstellen in Deutschland, Luxemburg, Frankreich und Schweden einmal genauer an und stellte fest, dass sie konstant war. Käme es von den Feldern, müsste die Konzentration aber mit den Jahreszeiten schwanken. Und nun ist die große Frage: Woher kommt das Glyphosat in den Gewässern dann? Die Deutsche Bahn versprühte es entlang ihrer Bahngleise, hörte damit aber vergangenes Jahr auf. Die Konzentration im Wasser blieb gleich.

Auf öffentlichen Flächen wie Spielplätzen oder Parks wurde Glyphosat großflächig versprüht, seit 2021 ist das aber verboten. Die Konzentration im Wasser blieb gleich.

 

Ja, fällt es denn vom Himmel, um bei Johann Wolfgang von Goethes Worten zu bleiben? Nein, es kommt wohl eher aus der Hölle, also im übertragenen Sinne: aus Kläranlagen. Diese Erkenntnis wiederum ist Silvia Venditti, Abwasserforscherin an der Universität Luxemburg, zu verdanken. Denn sie stellte fest: Aus Kläranlagen fließt viel mehr Glyphosat als in sie hinein.

 

Es muss also irgendwas in ihnen passieren. Manche haben den Klärschlamm in Verdacht, andere glauben, das Glyphosat entsteht dort aus anderen Chemikalien, zum Beispiel aus solchen, die in manchen Waschmitteln vorkommen. Da fragt man sich jetzt zum einen, warum das offenbar niemand kontrolliert, und zum anderen: was da wohl noch so alles entsteht. Neue Lebensformen, Massenvernichtungsmittel, der Schlüssel zur ewigen Jugend? Hat mal jemand nachgesehen?


der Freitag 2024


Arme Arielle: Wie wir die Ozeane weiter ausbeuten

Haben Sie noch das Titellied von Arielle, die Meerjungfrau im Ohr? Zu einer Calypso-Reggae-Melodie singt eine Krabbe: „Unten im Meer, unten im Meer / Bei jedem Wetter ist es viel netter und bietet mehr / Als dieses Land, das oben sitzt, wo jeder schuftet und nur schwitzt / Wir schwimmen besser hier im Gewässer.“ Das Originallied wurde Ende der 1980er verfasst. Es würde heute so nicht mehr geschrieben werden.

 

Die Ozeane sind so heiß wie nie – mit 21,1 Grad wurde diesen Februar die höchste globale Meerestemperatur aller Zeiten registriert. Erst vor wenigen Tagen verkündete die Wetter-und-Ozeanografie-Behörde der USA, das vierte globale Massensterben der Korallen habe begonnen. Rund ein Drittel der kommerziell genutzten Fischarten ist überfischt, 57 Prozent stehen an der Grenze dazu. Gleichzeitig wollen wir immer mehr – Norwegen hat Anfang dieses Jahres den Startschuss für den Tiefseebergbau gegeben. Ich könnte diese Liste ewig fortführen.

 

Aber: „Der Ozean ist Teil dessen, was wir sind, und er ist unsere gemeinsame Verantwortung.“ Diese balsamierenden Worte sagte der EU-Umweltbeauftragte Virginijus Sinkevičius auf der diesjährigen „Our Ocean“-Konferenz letzte Woche in Athen. Dort ging es vor allem darum, Geld für den Meeresschutz zusammenzukriegen. Die teilnehmenden 120 Länder sagten aber nur 9,4 Milliarden Euro zu, letztes Jahr war es noch fast doppelt so viel.

 

Kann es etwa sein, dass dem Großteil der Weltgemeinschaft der Meeresschutz doch nicht so wichtig ist? Die Antwort könnte schon im Namen der Konferenz liegen: „Our Ocean – An Ocean of Potential“. Also erst mal: Wer hat gesagt, dass der Ozean uns gehört? Und dann klingt das doch sehr danach, als wolle man den Ozean ordentlich wirtschaftlich nutzen, anstatt ihn endlich mal in Ruhe zu lassen.

 

Nein, werden Sie mir da widersprechen, wir haben doch seit letztem Jahr das UN-Hochseeschutzabkommen. Es deckt die Gebiete ab, die außerhalb der nationalen Hoheitsgewalt liegen – rund 40 Prozent der Erdoberfläche –, und ermöglicht dort Schutzgebiete. Es haben allerdings bislang nur vier Länder das Abkommen ratifiziert: Belize, Chile, Palau und die Seychellen. Und es tritt erst in Kraft, wenn es mindestens 60 Staaten ratifiziert haben.

 

Also, Arielle, kannst zu uns an Land kommen. Es schwimmt sich nicht mehr besser im Gewässer unten im Meer.


der Freitag 2024


Plantage oder Fabrik: Grünheides Baumhausfrage

Grünheide ist ein kleines Dorf in Brandenburg. Grünheide hat Gewerbeflächen. Anfang des Jahrtausends hätte dort mal fast der Autobauer BMW ein Werk errichtet. Hat er dann aber doch nicht. Auf den Gewerbeflächen wurden dann Kiefern in Monokultur angebaut. Kiefern wachsen schnell und sind relativ anspruchslos, aus ihnen kann man gut Karton herstellen – für Papier sind ihre Fasern zu lang –, sie sind deswegen nach Fichten die zweithäufigste Baumart in Deutschland.

 

Das hätte bis vor einigen Jahren wohl niemand voraussehen können, aber dieser Kiefernforst wird gerade zum nächsten Austragungsort des Stellvertreterkriegs zwischen Establishment und Anti-Establishment.

 

Das liegt daran, dass dann der Autobauer Tesla nach Grünheide kam, um dort eine seiner Gigafactories zu bauen. Also genau da, wo jetzt die Kiefern waren. Die mussten dann weg. Tesla musste allerdings versprechen, als Ausgleich woanders Bäume zu pflanzen, und zwar hochwertigeren Mischwald. Das fanden einige trotzdem schon damals nicht gut – die Grüne Liga klagte und bekam Feuerschutz ausgerechnet von der AfD. Ramona Pop, Berlins damalige grüne Wirtschaftssenatorin, kommentierte: „Wie abwegig, eine Kiefernplantage zu einem Wald zu erklären.“ Aber Grünheide wurde noch nicht zur neuen Frontlinie. Die oszillierte damals noch zwischen dem Hambacher Forst und Lützerath, zwei Orten, die dem Braunkohletagebau weichen sollten. In Grünheide hängten sich 2020 nur zwei Aktivistinnen für einige Stunden in die Bäume.

 

Jetzt sind es um die 80. Denn Tesla will seine Gigafactory erweitern und einen Güterbahnhof bauen. Und jetzt sind die Kämpfe im Hambacher Forst und in Lützerath ausgefochten. Weil Kiefern winzige Äste haben, hängen die Baumhäuser der Aktivist:innen dazwischen wie notdürftig gebaute Ufos. Auf den Bannern

steht „Saubere Autos sind eine dreckige Lüge“ und „Water is a human right“. Die Polizei will den Protest verbieten, dann erlaubt sie ihn unter der Auflage, die Baumhäuser abzubauen. Die Baumhaus-Aktivist:innen reichen einen Eilantrag ein, nun dürfen sie vorerst bleiben.

 

Die Polizei spricht von einer „Gefahrenprognose“ und vom gebotenen „Rückbau“ der Baumhäuser, als handle es sich um Atomkraftwerke und nicht um Hütten in Baumkronen. Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen (CDU) befürchtet, „bisher uninteressierte, gewaltbereite“ Menschen könnten sich angezogen fühlen, die sich ein „europäisches Zentrum gegen den Ökofaschismus“ wünschten. Die antikapitalistische „Vulkangruppe“ setzt einen Strommast in Brand und legt die Autoproduktion für mehrere Tage lahm.

 

Die Gemeinde Grünheide weht dazwischen mit der weißen Fahne und schlägt einen Kompromiss vor – nur etwa die Hälfte des Waldes zu roden –, aber der hört jetzt schon keiner mehr zu. Denn es geht hier natürlich niemandem um die Kiefern.

 

Es steht die Frage im Forst: Ist das hier der richtige Schauplatz? Nun, jeder gefällte Baum ist erst mal schlecht fürs Klima. Und bis ein neuer Ausgleichsmischwald gewachsen ist, dauert es mal gut und gerne 50 bis 100 Jahre. E-Autos sind zwar besser als Verbrenner, aber Tesla-Boss Elon Musk ist zugleich völlig irre und der Inbegriff einer kapitalistischen Hassfigur.

 

Natürlich gibt es gute Gründe, dagegen zu sein, dass sich das Establishment in Grünheide seinen Palast im grünen Tarnumhang ausbaut und sich einfach aus der Krise herauskonsumieren will, anstatt vielleicht mal gar nichts zu bauen. Und dagegen darf man protestieren und das darf auch für viele unangenehm sein. Sonst wäre das Baumhauscamp ja einfach nur ein neuer Hochseilgarten. Die machen zwar Spaß, aber auch nichts wirklich besser.


der Freitag 2024


Klimaschutz kann Ihnen das Essen vom Teller reißen

Angesichts der bereits fühlbaren Effekte des Klimawandels und der noch schlimmeren für die Zukunft prognostizierten ist es eigentlich ein „No-Brainer“, wie man im Englischen so schön sagt: Klimaschutz muss oberste Priorität haben. Allerdings mit einer Einschränkung: Es wäre gut, wenn wir das auch überleben würden – also nicht die drohende Klimakatastrophe, sondern den Klimaschutz, der sie verhindern soll. Wie eine neue im Fachmagazin Science veröffentliche Studie zeigt, könnte das aber eng werden.

 

Denn Regierungen weltweit setzen in ihren Klimaplänen zu viel darauf, der Atmosphäre CO2 zu entziehen – und zu wenig darauf, es gar nicht erst auszustoßen. Laut Analyse der Forschenden planen sie 2030 doppelt so viel CO2 auszustoßen, wie mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel wäre. Das versuchen sie wettzumachen, indem sie das Klimagas wieder aus der Atmosphäre ziehen.

 

Dabei setzen sie vor allem auf Wiederaufforstung und Bioenergie, verbunden mit CO2-Abscheidung und -Speicherung. Leider gibt es ein großes Problem: Die dafür benötigten Energiepflanzen wie Zuckerrohr und Mais, aber auch die vielen schönen Bäume müssen irgendwo wachsen. Und dafür brauchen sie Platz. Zu viel Platz.

 

Setzten die Regierungen ihre Pläne wie derzeit vorgesehen um, würden dafür bis 2060 rund zwölf Millionen Quadratkilometer benötigt, das ist fast die gesamte weltweit verfügbare Ackerfläche. Dann wäre zwar weniger CO2 in der Atmosphäre, es hätte halt aber leider auch niemand mehr etwas zu essen. Die Schuld an dieser Fehlplanung sehen die Leitautorin Alexandra Deprez vom französischen Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen und ihre Mitforschenden beim Weltklimarat. Der ermittelte zwar Grenzen für das technische Potenzial von Biokraftstoffen und Wiederaufforstung, ließ dabei aber das Risiko für Landwirtschaft, Lebensgrundlagen und die Artenvielfalt außer Acht.

 

„Das liegt daran, dass es nicht genug Land auf unserem Planeten gibt“, fasst Ko-Autor Paul Leadley von der Universität Paris-Saclay das Dilemma zusammen. Man kann also sagen, der Weltklimarat hat bei seinen Berechnungen leider vergessen, dass die Welt kein Computerspiel ist, bei dem man sich beliebig Flächen dazubauen kann. Sie ist ein realer Ort mit sehr realen Grenzen. Und da müssen wir im Zweifel entscheiden zwischen Energiemais, Bäumen oder Kartoffeln.

 

Aber kein Grund, in Fatalismus zu verfallen, denn zum Glück gibt es für all das

eine einfache Lösung: Wir müssen einfach so schnell wie möglich aus den fossilen Brennstoffen aussteigen. Warum machen wir das noch mal nicht?


der Freitag 2024


Klimaschutz ist Antifaschismus – und umgekehr

Das ganze Land ist geschockt, weil nun „rauskam“, dass die AfD so wirklich rassistisch ist. Das ist natürlich eigentlich gar nicht überraschend, die Nazipartei hatte das schon mal durchblicken lassen. Das hat für sie auch ökologische Gründe: Einwanderung ist aus Sicht der AfD nämlich unökologisch, damit schließt sie sich den Nationalsozialisten an. Wir erinnern uns an die Formel „Blut und Boden“, womit die Einheit von Bauern und Land gemeint war, was als Ideal für die gesamte Gesellschaft gelten sollte.

 

Es gibt einen Nazislogan, der heute gerne mal auf T-Shirts gedruckt wird: „Bäume haben Wurzeln, Menschen auch“. Alle sollen also da wohnen bleiben, wo sie umweltmäßig hingehören – warum der nächstbeste Vergleich für uns Menschen ausgerechnet Bäume sein sollen und nicht etwa irgendeine schicke Tierart, bleibt unklar.

 

Bäume also, die will die AfD schützen, die metaphorischen wie die tatsächlichen Gewächse. Und deswegen sind die Nazis auch gegen Klimaschutz und Energiewende, denn für Windräder werde der deutsche Wald zerstört. Diese Behauptung ist schlicht falsch, laut einer im Fachmagazin Nature veröffentlichten Studie wuchs die Waldfläche in Deutschland zuletzt sogar: Zwischen 2016 und 2018 breitete sie sich um sieben Prozent mehr aus als im Vergleichszeitraum 2004 bis 2015.

 

Windräder sind den Rechtsextremen dennoch irgendwie unheimlich, der AfD-Abgeordnete Stephan Brandner (der übrigens 2019 erstmals in der Geschichte des Bundestages wegen antisemitischer Äußerungen als Vorsitzender eines Bundestagsausschusses abgesetzt worden war) teilte anlässlich der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 seine Sorge, dass solche extremen Wetterereignisse dadurch ausgelöst werden, dass Windräder den Wind aus der Luft nehmen.

 

Die AfD hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen Windmühlen zu kämpfen. Gegen Klimaschutz sowieso. Dem Weltklimarat will sie nicht trauen: Der verschweige uns zum Beispiel „die positive Wirkung des CO2 auf das Pflanzenwachstum und damit auf die Welternährung. Je mehr es davon in der Atmosphäre gibt, umso kräftiger fällt das Pflanzenwachstum aus“, schreibt die Partei in ihrem Grundsatzprogramm.

 

Ich schreibe das hier explizit nicht, um mich zu belustigen, sondern um deutlich zu machen: Klimaschutz bedeutet Antifaschismus – und umgekehrt. Ließen wir die Nazis machen, dann könnten wir bald einer „Remigration reloaded“ zusehen, wenn die Klimakatastrophe Millionen Menschen zur Flucht zwingen würde. Und das können die Faschos ja nicht wollen – wegen der schönen Bäume und der Wurzeln und so.


der Freitag 2024


Ein arabischer Scheich kauft Wälder in Afrika

Klar, es wirkt alles ein wenig absurd. Dass die 28. Klimakonferenz ausgerechnet von den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgerichtet wird, legt einen recht profunden Interessenkonflikt nahe. Denn sie sind ein Ölstaat – und als solcher gewissermaßen der klimapolitische Antichrist. Aber wer sagt, dass man keinen Pakt mit dem Teufel schließen kann?

 

Okay, dass im Vorfeld der COP28 rauskam, dass Sultan Ahmed al-Dschaber – nicht nur der diesjährige COP-Präsident, sondern auch Chef des staatlichen Öl- und Gaskonzerns – die Konferenz für neue Öldeals nutzen wollte, ist nicht ganz ideal. Der Sultan dementierte das übrigens, er fand allerdings nicht den Vorwurf absurd, dass er in diesen Zeiten neue Öldeals abschließen wollte, sondern dass er dafür die Klimakonferenz brauche. Aber vielleicht sehen wir das alles falsch?

 

Immerhin wollen die Vereinigten Arabischen Emirate bis 2050 klimaneutral werden, zeitgleich mit der Europäischen Union. Wenn das kein Klimaschutz-Engagement ist! Oder zumindest das Versprechen dazu. Aber der Teufel – um bei unserem diabolischen Freund zu bleiben – steckt wie immer im Detail. Denn natürlich müssen die Arabischen Emirate gar nicht selbst klimaneutral werden,um klimaneutral zu werden. Wie das geht?

 

Da kommt Blue Carbon ins Spiel, ein gerade einmal ein Jahr junges Unternehmen, das Wälder schützen oder neue Bäume pflanzen will, um damit CO2 zu speichern. Zertifikate darüber will es an Unternehmen und Länder verkaufen, die eben jenes CO2 in die Atmosphäre blasen und damit sehr ungern aufhören würden. Und da stecken gleich mehrere Teufel in mehreren Details: Erstens sind solche Waldschutzprojekte weitgehend nutzlos, wie Recherchen im Januar offenlegten. Zweitens gehört Blue Carbon Scheich Ahmed Dalmook Al Maktoum, Mitglied der königlichen Familie der Arabischen Emirate, womit wir schon wieder einen Interessenkonflikt hätten.

 

Und drittens sollen diese Waldgebiete Menschen in Afrika weggenommen werden, die bislang in ihnen leben. Wir reden hier nicht von ein paar kleinen Wäldchen: Blue Carbon hat Pachtverträge für 25 Millionen Hektar afrikanischen Wald ausgehandelt. Das entspricht rund zehn Prozent der Flächen von Sambia, Tansania und Liberia und zwanzig Prozent von Simbabwe – eine Gesamtfläche so groß wie das Vereinigte Königreich. „Carbon Colonialism“ ist der neue Begriff dafür, den können Sie sich merken, denn den werden Sie in Zukunft häufiger hören. Weitere Deals will Blue Carbon auf der COP28 eintüten. Dafür ist die Klimakonferenz dann schon ganz praktisch.


der Freitag 2023


Die Satelliten von Elon Musk killen bald schon Leute

Mit folgenden Worten beginnt ein neuer Bericht namens Interconnected Disaster Risks der Universität der Vereinten Nationen: „Wir Menschen denken oft, dass Prozes­se einfach und vorhersehbar sind. Wenn wir Wasser brauchen, drehen wir den Hahn auf und es kommt Wasser heraus.“ Bei der dazugehörigen Presse­konferenz neulich wirft Jack O’Connor, Meeresökologe und einer der Leitau­tor*innen der Studie, mit Metaphern um sich, um auf möglichst vielfältige Art zu verstehen zu geben: Wir sind so gut wie am Arsch. Wir rasten mit einem Auto auf eine Klippe zu, sagt er, und wir zögen immer mehr Klötze aus dem Jenga­-Turm.

 

Wenn Ihnen „Jenga“ nichts sagt, ha­ben Sie die 80er und 90er verschlafen (oder Sie waren da noch nicht geboren). Es handelt sich um ein Geschicklich­keitsspiel, bei dem man Holzklötze aus einem Stapel zieht, bis dieser umfällt. Unklar ließ O’Connor, ob wir das gleich­zeitig tun, also ob wir im Auto sitzend und Jenga spielend auf die Klippe zu­rasen oder ob wir erst über die Klippe rasen und dann an ihrem Fuße im Auto­wrack Jenga spielen – oder umgekehrt.

 

Der erste Satz ist übrigens sowohl me­taphorisch als auch wörtlich gemeint: „Wir öffnen den Wasserhahn und plötz­lich kommt nichts mehr heraus. Dies wird als Kipppunkt bezeichnet, und Kipppunkte können irreversible, katast­rophale Auswirkungen für die Men­schen und den Planeten haben“, heißt es weiter im Bericht. Einer dieser Kipp­punkte ist eben die Erschöpfung des Grundwassers, mehr als die Hälfte aller unterirdischen Wasserreservoirs würden schneller erschöpft, als sie auf natürliche Weise wieder aufgefüllt werden könnten.

 

Weitere Kipppunkte, vor denen die Forschenden warnen, sind das eskalie­rende Artensterben (eine Million Tier-­ und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht), die Gletscherschmelze (die Hälfte der Gletscher weltweit werden bis 2100 vollständig geschmolzen sein), unerträgliche Hitze (rund 500.000 Men­schen sterben deswegen jedes Jahr), der Verlust von Versicherbarkeit (seit den 70ern haben sich die Kosten von Katastrophen versiebenfacht) und Welt­raumschrott.

 

Bleiben wir mal bei diesem letzten Punkt. Vielleicht haben Sie die leuchten­den Ketten am Himmel gesehen, die Elon Musk mit seinem Unternehmen Starlink in die Erdumlaufbahn schießt. Laut der Federal Aviation Administrati­on sind es schon mehr als 5.000 Satel­liten. Sie warnt, dass deren Trümmer ab 2035 alle zwei Jahre einen Menschen töten oder verletzen könnten. Noch viel größer ist das Risiko einer Art Massen­karambolage im Weltraum: 34.260 Ob­jekte umkreisen die Erde, nur rund ein Viertel davon sind funktionstüchtige Sa­telliten, der Rest ist Müll. Dazu kom­men rund 130 Millionen Trümmerteile, die zwischen einem Millimeter und einem Zentimeter groß sind. Weil sie sich mit einer Geschwindigkeit von rund 25.000 Kilometern pro Stunde bewegen, können sie alle großen Schaden anrichten.

 

Bis zum Jahr 2030 könnten mehr als 100.000 neue Raumfahrzeuge in die Umlaufbahn gebracht werden, prognostizieren die Forschenden. „Ir­gendwann wird dies einen Punkt errei­chen, an dem ein einziger Zusammen­stoß eine Kettenreaktion auslöst, die dazu führt, dass unsere Umlaufbahn so dicht mit Schrapnellen bedeckt wird, dass sie unbrauchbar wird. Die bestehende Weltrauminfrastruktur würde schließlich zerstört werden, und künftige Aktivitäten im Weltraum könnten unmöglich werden.“

 

Ferdinand von Schirach hat mal in ei­nem Interview gesagt, er würde sich das Foto Pale Blue Dot anschauen, das die Erde winzig klein aus einer Entfer­nung von etwa sechs Milliarden Kilome­tern zeigt, um weltliche Probleme in eine andere Perspektive zu rücken. Gut, dass darauf der ganze Müll nicht zu erkennen ist.


der Freitag 2023


Hulapalu! Heißzeit in Bayern: das Klima und die Wahl

In Bayern lebe „es sich einfach bes­ser“, so überschreibt die CSU ihr Regierungsprogramm – die Land­tagswahl steht vor der Tür. Bayern sei „Glücksland, Zukunfts­ und Sehn­ suchtsort“. Hach, hach, im Postkarten­idyll Deutschlands, da fließt das güldene Bier in Strömen, da kann ein Mann noch ein Mann sein und den Damen in ihre prall geschnürten Dirndl­-Dekolle­tés luschern. Ach, und „Premiumland beim Klimaschutz“ sei Bayern übrigens auch, schreibt die CSU, denn man schütze das Klima, erhalte die Land­schaft und bewahre die Schöpfung.

 

Es fragt sich bloß, worauf die CSU diese Behauptung stützt, denn „Premi­umland“ würde ja eine Führungsrolle beim Klimaschutz im bundesdeutschen Vergleich suggerieren, tatsächlich ist das „Glücksland“ der Lederhosen und Weißwürschtl aber Schlusslicht. Liebe Bayer*innen – ich weiß, der bayrische Ministerpräsident Markus Söder ist kein Freund des Genderns, „eine Pflicht zum Gendern wird es im Freistaat de­finitiv nicht geben“, twitterte er, aber „je­der soll es persönlich halten, wie er es will“. Ich fühle mich bei diesem generi­schen Maskulinum einfach mal groß­zügig mitgemeint und gendere freistaat­lich raus: Also, liebe Bayer*innen, das wird jetzt ein bisschen wehtun, aber die Schöpfung hat es schwerer als gedacht im Südosten. Das fand der grüne Land­tagsabgeordnete Martin Stümpfig heraus, als er beim bayrischen Umweltministerium mal nachfragte, wie es in Sachen Klimapolitik so laufe, weil er keine aussagekräftigen offiziellen Zah­len dazu finden konnte.

 

Die Antworten sind ernüchternd: Zwar hat Bayern seine Treibhausgasemissio­nen in den vergangenen 30 Jahren senken können, im Vergleich mit dem Rest von Deutschland aber minimal: Während der Freistaat seine Emissionen seit 1990 von 112 auf 95 Millionen CO2-­Äquivalente reduzierte, was einem Rückgang von 15 Prozent entspricht, reduzierte Gesamtdeutschland seine Emissionen um rund 40 Prozent. Bis 2030 sollen es 65 Prozent weniger sein – das ist mehr als viermal so viel wie Bayerns „Leistung“. Ach so, Markus Söder will seinen „Sehnsuchtsort“ bis 2040 übrigens klimaneutral machen, fünf Jahre eher als der Rest der Bun­desrepublik, dafür müsste er das Klima­schutztempo aber mindestens ver­ zehnfachen, rechneten Martin Stümp­fig und sein Team aus.

 

Am meisten muss sich Bayerns Ver­kehr ändern, der macht nämlich rund 30 Prozent der Treibhausgasemissionen aus. Den größten Anteil daran hat wie­derum der Straßenverkehr. Statt zu sinken, sind die vom Verkehr verursach­ten Emissionen seit 1990 sogar um 5,5 Prozent gestiegen. Beim Bundeslän­derindex Mobilität und Umwelt der Allianz pro Schiene belegte Bayern denn auch wenig überraschend den letzten Platz. Sieht so der von der CSU beschwo­rene „Zukunftsort“ aus?

 

Oder ist es gemein, den Bayer*innen gerade jetzt eine Watschn zu geben, wo doch gerade alle damit beschäftigt sind, den Oktoberfesthit Hulapalu von Andreas Gabalier mitzugrölen – „Happy Hour, mittn in da Nocht / Sexy olles danzt, olles locht / 40 Grad am Dancefloor / Hulapalu sogst du in mei Ohr“. Die 40 Grad sind übrigens nicht aus der Luft gegriffen, wie der Bonner Meteorologe Karsten Brandt schon vor einigen Jahren analysierte: Die vielen feiernden Menschen heizen nämlich die Temperaturen an, auf der Wiesn könne es bis zu zehn Grad wärmer werden als anderswo in der Stadt.

 

Aber glücklicherweise ist man nebst all der Sauferei auch auf der Wiesn

am Zahn der Zeit: „Am Thema Nachhal­tigkeit arbeiten wir nicht erst seit ges­tern“, ließ Peter Inselkammer, der Spre­cher der Wiesn-­Wirte, verlauten. In spätestens fünf Jahren sollen alle Fest­zelte klimaneutral sein – das ist jetzt auch nicht gerade Lichtgeschwindigkeit. „Die Wiesn ist unsere Visitenkarte in der Welt“, twitterte Söder zum Anstich – schade eigentlich.


der Freitag 2023


Flugscham war gestern. Jetzt gibt es „Rachereisen“

Um das gleich vorwegzunehmen: Ich schreibe diesen Text auf einer Insel, die sehr weit weg ist, zu der ich also sehr lange geflogen bin, wobei ich folglich die Atmosphäre gemeinsam mit den anderen Fluggästen mit sehr viel CO2 belastete. Ich kompensiere meinen Flug, bin mir aber sehr wohl im Klaren, dass wir uns nicht einfach aus der Verantwortung kaufen können, auf dass etwas oder jemand anders klimafreundlicher wird, damit wir selbst es nicht werden müssen.

 

Ich bin auf diese Insel gekommen, um über die Folgen der globalen Erwärmung zu berichten und um hier Menschen zu treffen, die versuchen, diese einzudämmen. Und ich hoffe, dass der positive Effekt meiner Berichterstattung den negativen Effekt meiner An- und Abreise überwiegt.

 

Ich werde vermutlich nie erfahren, ob es so ist, ich leide also unter Flugscham, einem – wie ich dachte – äußerst zeitgenössischen Phänomen.

 

Kurzum, ich dachte, das schlechte Gewissen hätte endlich in den Flugreisetourismus Einzug gehalten. Bis ich hier einen neuen Begriff lernte: „Revenge Travel“, zu Deutsch: Rachereisen. Ich hörte ihn aus dem Mund einer Amerikanerin, die ich auf einem Tauchboot kennenlernte – meine Recherche beschäftigt sich mit der sterbenden Unterwasserwelt –, und während mir nach dem Tauchgang zum Weinen zumute war, sprach sie diesen Begriff vor mir aus: „Revenge Travel“.

 

Das bezeichnet ein Phänomen, das schon letztes Jahr Fahrt aufgenommen hat, als die Pandemie-Restriktionen heruntergefahren und die Menschen wieder herausgelassen wurden aus ihren heimischen Käfigen. Die Menschen nehmen seither Rache für die verlorene Zeit, die sie mit Serien-Marathons, Telefonkonferenzen und dem Erlernen und Verwerfen von Sauerteigbrotbacken herumgebracht haben. Sie nehmen Rache, indem sie umso mehr reisen.

 

Von November 2021 bis Ende Oktober 2022 verdoppelten sich allein die deutschen Ausgaben für Reisen von 28,8 Milliarden auf 58,6 Milliarden Euro. Für dieses Jahr erwartet der Deutsche Reiseverband noch mehr.

 

Auf der Insel, auf der ich diese Zeilen schreibe, habe ich mehrere Familien getroffen, die Weltreisen oder halbe Weltreisen unternehmen. Eine von ihnen jettete zwischendurch ein paarmal zurück nach Hause, nach Kalifornien, geht ja alles. Ich traf eine junge Australierin, die es sich zum Ziel gesetzt hat, bis zu ihrem 30. Geburtstag 50 Länder „gemacht“ zu haben, wie man im Englischen sagt, weil sie die Zahl so schön findet.

 

Und ich sah, welche Rache die Natur für diese „Rachereisen“ an uns nehmen wird. Glauben Sie mir: Sie wird grässlich sein.

der Freitag 2023