Die Hoffnung wächst rasant

  

Sie sollen das Klima retten, die Meere säubern und die Menschheit ernähren: Algen gelten als Heilsbringer der Zukunft. Zu Recht? Zu Besuch in Norwegen, Europas größtem Algenfarmer


Sie streifen hinterhältig um unsere Beine, wenn wir unsere Bahnen im Wasser ziehen. Sie belagern in faulenden Haufen die Traumstrände der Karibik, vergiften Badeseen, schleusen gefährliche Schwermetalle ins Sushi, sie stinken, wuchern und glibbern. »Nihil vilior alga«, schrieb der römische Dichter Vergil im ersten Jahrhundert vor Christus: Es gibt nichts Widerlicheres als Algen.

 

Aber die EU-Kommission nennt sie jetzt das »grüne Gold«, die Lobbygruppe Seaweed for Europe preist sie als »heimliche Helden« und eine bislang »übersehene Chance« der Ozeane, in einem Manifest mit dem Titel »Algenrevolution« schreibt ein Gremium der UNO: »Algen haben das Potenzial, einige der dringendsten Probleme der Welt zu lösen.«

 

Algen – im Englischen abfällig seaweed, Meeresunkraut, genannt – sollen die Welt retten, und zwar angebaut in Farmen. Dieser Anbau geschieht schon seit einer Weile, aber bislang hauptsächlich in Asien. Dort wachsen 99 Prozent der rund 36 Millionen Tonnen jährlich auf der Welt produzierten Algen, mehr als die Hälfte davon in China. Europa importiert den Großteil davon, denn wir essen Algen fast täglich. Sie riechen

und schmecken dann nicht mehr nach Alge, sondern verdicken und stabilisieren unter ihren Tarnnamen Alginat, Agar-Agar und Carrageen oder noch kryptischer als E400, E406, E407 alles von Süßigkeiten bis Zahnpasta.

 

Nun sollen Algen nicht mehr bloß verdicken und stabilisieren, sie sollen sehr viele Probleme auf einmal lösen: das Klima heilen zum Beispiel, die Meere säubern, die Ernährung von Menschen und Tieren umwälzen. »Die Algenzucht kann dazu beitragen, die Ziele der EU in Bezug auf Dekarbonisierung, Zero Pollution, Kreislaufwirtschaft, Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt, den Schutz der Ökosysteme und die Entwicklung von Umweltdienstleistungen zu erreichen«, schreibt die Europäische Kommission in einem Algen-Aktionsplan. Demnächst könnten Algen auch fossile Kraftstoffe und Plastik ersetzen, außerdem sollen aus ihnen nachhaltige Lebensmittel, Tiernahrung, Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel, Chemikalien und Kosmetik gemacht werden. Das be­deutet Geld (womöglich neun Milliarden Euro) und Jobs (vielleicht 85 000), rechnet die Kommission vor, und das aus einer »riesigen und zu wenig genutzten Ressource« – dem Meer.

 

Die EU-Kommission rechnet bis 2030 mit einem europäischen Algenbedarf von acht Millionen Tonnen jährlich, und der solle dann möglichst mit europäischen Algen gestillt werden, nicht mehr mit asiatischen. In Asien wird der Algenanbau wegen der Erd­erhitzung immer schwieriger, denn Algen mögen es kühl – 2022 brachen deswegen bereits die Ernten in China ein. Auch deswegen soll Europa jetzt Algenkontinent werden.

 

Länder wie Frankreich, Irland oder Norwegen haben einige Erfahrung damit, wild wachsende Algen zu ernten. Aber sie anzubauen kam kaum jemandem in den Sinn, die wenigen Algenfarmen in Europa produzieren derzeit gerade einmal 3000 Tonnen im Jahr. Um das zu ändern, will die EU-Kommission nun auch Menschen vom Fischfang zum Algenfarmen umschulen, erste Pilotprojekte laufen dazu. Niemand glaubt aber tatsächlich, dass sie in fünf Jahren acht Millionen Tonnen produzieren werden. Das Ziel ist wohl eher als Ansporn zu verstehen.

 

Ein Land, auf dem besonders große Hoffnungen ruhen, ist Norwegen. Dank seiner vielen Fjorde und Inseln hat es mit mehr als 100 000 Kilometer Länge nach Kanada die zweitlängste Küstenlinie der Welt. Und zwischen diesen Fjorden und Inseln bauen norwegische Algenfarmer den Großteil der kultivierten Algen in Europa an. Wenn man so will, ist Norwegen das China Europas.

 

Dort, auf der Insel Frøya, zweieinhalb Autostunden von der nächstgelegenen Stadt Trondheim entfernt, gut 350 Kilometer südlich des Polarkreises, macht sich ein in die Jahre gekommenes, rechteckig geschnittenes Schiff namens »Ugly Viking«, häss­licher Wikinger, auf den Weg raus aufs Meer, den Algen entgegen. Die Menschen an Bord sind in neongelbe Overalls gehüllt, darauf die Aufschrift: »Seaweed Solutions«, um Lösungen soll es hier gehen.

 

Um welche genau, ist noch nicht ganz klar. Die erste Idee des Unternehmens war es, aus Algen Biokraftstoff zu machen. Als es sich 2009 gründete, hieß es deswegen noch Seaweed Energy Solutions. Das mehrheitlich staatliche Öl- und Gasunternehmen Statoil, heute Equinor, investierte 2010, die Stimmung war euphorisch. Das Potenzial dafür wäre enorm, wie eine Studie 2015 zeigen sollte: Kraftstoff aus der Algengattung Ulva könnte die fossilen Brennstoffe im Transportsektor vollständig ersetzen, vorausgesetzt man baute sie in allen Regionen der Weltmeere an, in denen das innerhalb der nächsten fünfzig Jahre dank des technologischen Fortschritts möglich sein werde. Jedes Auto, jeder Lastwagen und jedes Flugzeug könnte rein theoretisch mit Algenkraftstoff laufen – eine Welt mobilisiert von Algen. Doch nach drei Jahren sprang Statoil wieder ab, und Seaweed Energy Solutions kam zu der Überzeugung, dass sich mit Biokraftstoff nicht genügend Geld verdienen lässt; 2020 strich es »Energy« aus seinem Namen.

 

Die Menschen in Norwegen sind es gewohnt, viel Geld zu machen: erst mit Öl, dann mit Lachs.Norwegen ist der größte Lachsproduzent der Welt. Und mit den kreisrunden Farmen konkurrieren die Algen nun um Platz. Die »Ugly Viking« fährt vorbei an kleinen Schären und großen Lachsfarmen. Das Schiff wurde ursprünglich für die Lachsindustrie gebaut. Kristian Cato Haugen, der es steuert, war früher Lachsfarmer. Und die Farm, zu der sie nun fahren, war mal eine Lachsfarm. Auf Frøya sitzen einige der größten Lachsproduzenten der Welt. Die Hoffnung ist, dass die Algen nach dem Öl und den Lachsen das nächste große Ding werden könnten – nur in noch besser.

 

Denn Algen haben kein CO2-Problem, wie das Öl, und kein Verschmutzungsproblem, wie die Lachse. Sie könnten sogar bei beiden Problemen helfen: Zum Wachsen brauchen sie nur Licht, Nährstoffe – wozu auch der Schmutz aus den Lachsfarmen zählt – und Kohlendioxid. Je mehr sie wachsen, desto mehr Nährstoffe und Kohlendioxid ziehen sie aus ihrer Umgebung und desto mehr Sauerstoff produzieren sie. Dabei sind Algen nicht mal Pflanzen. Algen sind nur Algen. Sie wachsen durchschnittlich rund zehnmal schneller als Pflanzen, wobei die Größenunterschiede der etwa 50 000 bekannten Arten beträchtlich sind: von der mikroskopisch kleinen Kieselalge bis zum Riesentang, der mit bis zu 45 Meter Länge zu den am schnellsten wachsenden Organismen der Erde zählt. Mit ihrer Photosynthese erzeugen Algen zwischen fünfzig und neunzig Prozent des welt­weiten Sauerstoffs – weil das schwierig zu berechnen ist, gehen die Meinungen da etwas auseinander. Klar ist aber: Wir alle atmen Algensauerstoff.

 

Algen sind das Versprechen auf ein gutes Geschäft ohne schlechtes Gewissen. Daran glaubt auch Seaweed Solutions. Nach seinem gescheiterten Anlauf mit Kraftstoff schwenkte das Unternehmen auf Lebensmittel um. Einer der ersten Abnehmer für die Algen aus Frøya war das deutsche Unternehmen BettaF!sh, das aus ihnen vegane Thunfisch- und Lachsalternativen macht. Auch Schwergewichte wie Nestlé und Unilever sind an den Algen interessiert – wofür, ist noch Geschäftsgeheimnis. Sie brauchen aber größere Produktionsmengen, um zuzusagen, und die Farmen feste Zusagen, um mehr zu produzieren – der große Durchbruch der Algen scheitert bislang noch am Henne-Ei-Problem.

 

»Hunderte Hände winken in den Wellen. An langen schmalen Handgelenken winken sie tagaus, tagein der Küste und sich selber zu, ein Unterwasser-Applaus«, schrieb die niederländische Dichterin Miek Zwamborn. Hier vor Frøya winkt nichts, die Algen halten sich unter der Wasseroberfläche versteckt zwischen den Bojen, die ihre Position markieren, und zeigen sich erst, als die Menschen in den neongelben Overalls sie per Kran herauszerren. Matt und schlaff hängen sie dann am Seil, ihrer Leichtigkeit beraubt. Erst im Oktober 2024 als winzige Sporen auf Seile geklebt und ins Wasser gehängt, sind sie jetzt, sieben Monate später, schon fast so groß wie die Menschen, die sie ernten.

 

Diogo Raposo, bei Seaweed Solutions verantwortlich für die Saatgutversorgung und den Anbau, bricht die Algen mit geübten Handgriffen vom Seil, schon bald werden ihm Algenfetzen und Salzkrusten im Gesicht kleben. Stundenlang ziehen er und die anderen die unter dem Gewicht der Braunalgen ächzenden Seile aus dem Wasser, die Seilwinde quietscht elendig, als beschwere sie sich über die Last. »Wir bauen hier Zuckertang und Flügeltang an«, erklärt Raposo. »Diese braunen Algenarten sind am einfachsten anzubauen und geben am meisten Biomasse.« Vergleicht man den Algenanbau mit dem von Gemüse, dann bauen sie nun die Kartoffeln und Möhren unter den Algen an.

 

Hier würden auch andere Arten gedeihen, wie der rote Purpurtang, dessen Sporen in dieser Gegend im Meer treiben und sich ab und zu zwischen den Tang auf die Seile schummeln. Besser bekannt ist er unter dem Namen Nori – gekocht (wobei er sich dabei grün verfärbt), zermahlen, getrocknet und in rechteckige Blätter gesiebt um Sushi gewickelt. Purpurtang ist aber schwieriger anzubauen, und anders als Japan hat Norwegen keine jahrzehntelange Erfahrung im Algenanbau. Und um das nicht zu unterschlagen: Auch deutsche Firmen bauen Algen an, allerdings bislang ausschließlich Mikroalgen wie Chlorella und Spirulina in Becken an Land, aus denen zum Beispiel Nahrungsergänzungsmittel hergestellt werden.

 

Die europäische Algenindustrie befindet sich, wie die EU-Kommission es formuliert, noch im »Embryonalstadium«. Deswegen gibt es für sie auch noch keine Regeln, keine Standards, keinen etablierten Markt – und erst den Beginn einer Aufgabenverteilung. Ähnlich wie in der Landwirtschaft ist es sinnvoll, sich auf Saatgut, Anbau oder Weiterverarbeitung zu spezialisieren, damit nicht alle alles machen müssen. Die jüngste Idee von Seaweed Solutions ist es nun, sich als Saatguthersteller zu etablieren.

 

Am Firmensitz in Trondheim führt Maren Sæther, zuständig für Geschäftsentwicklung und Innovation, in die in rotes Licht getauchte Sporenbank. »Das Rotlicht verhindert die Befruchtung«, erklärt sie, »bei normalem Licht würden die Sporen sich fortpflanzen.« Die Sporen – so heißen die Samen der Algen – ruhen in handbeschrifteten Glaskolben, auf ihnen sind Ländernamen von Grönland bis Portugal zu lesen. Man kann nicht einfach die gleichen Algenarten in ganz Europa anbauen, denn sie könnten heimische Arten bedrohen. Farmen aus ganz Europa schicken deswegen Mutterpflanzen hierher, aus denen die Norweger Sporen gewinnen und diese zurücksenden.

 

Wenn nun alle immer mehr Algen anbauen und sich mit Nestlé und Unilever die größten Lebensmittelhersteller der Welt für sie interessieren, könnten sie vielleicht bald so selbstverständlich auf den Tellern liegen wie die Kartoffel. Auch die hatte es anfangs schwer in Europa: Als sie im 16. Jahrhundert von spanischen Seefahrern mitgebracht wurde, bedurfte es der sogenannten Kartoffelprediger, die zu ihrem Anbau aufriefen, weil die Menschen sich eher vorstellen konnten zu verhungern, als diese Dinger zu essen. Heute steht die Weltgemeinschaft vor der Herausforderung, immer mehr Menschen mit genug Pro­teinen zu versorgen. Weil die Tierhaltung jetzt schon knapp 15 Prozent zu den weltweiten CO2-Emissionen beiträgt, liegt die Hoffnung auf unkonventionellen Proteinquellen wie den Algen. Braucht es nun also Algenprediger?

 

Sie müssten es eigentlich leicht haben, denn Algen sind gesund. Sie nehmen zwar Schwermetalle wie Cadmium, Blei, Arsen und Aluminium aus dem Wasser auf und können grenzwertig viel Jod enthalten. Neben Proteinen enthalten sie aber auch Ballaststoffe, Eisen, Vitamine und Omega-3-Fettsäuren – diese Fettsäuren stecken auch deshalb nur in Fischen, weil sie Algen fressen. Algen reduzieren schlechtes Cholesterin und tragen so zu einem gesunden Herz bei, heißt es, sie sollen bei der Verdauung helfen, entzündungshemmend und entgiftend wirken, den Stoffwechsel regulieren und die Schilddrüsenfunktion verbessern. Weil sich außerhalb der Sushi-Küche aber noch kaum jemand an sie herantraut, gründete die EU-Kommission das Algen-Forum »EU4Algae«, und das bemühte die Prediger des 21. Jahrhunderts: soziale Medien. In etwas unbeholfenen Kampagnen gibt es nun Algen-Kochtipps wie »mit einem Gewürz Ihrer Wahl abschmecken«. So recht weiß kaum jemand was mit den Algen anzufangen.

 

Dabei lassen sie sich zu Salaten, Burgern, Suppen und sogar Nachtischen weiterverarbeiten, ein schon 2016 erschienenes Kochbuch mit dem trivialen Titel »Algen« bezeichnet sie als »unterschätzte Alleskönner«. Wie aber bringt man Menschen in Europa das Algenessen bei, wenn es hier keine Kultur dafür gibt? Nun, so ganz stimmt das nicht, eine Forschungsgruppe fand 2022 heraus, dass die Menschen in Europa von der Mittelsteinzeit bis ins frühe Mittelalter hinein sehr wohl Algen aßen. Die Forschenden hatten Zähne von archäologischen Fundstätten vom Süden Spaniens bis zum Norden Schottlands analysiert, und in allen Regionen fanden sie darin Algen. Heute aber fehlen uns schon die Worte, um ihr Aroma zu benennen. In einem Leitfaden für die europäische Algenindustrie rät eine Expertengruppe: »Es wird empfohlen, ein Vokabular zur Beschreibung des Geschmacks von Algen zu schaffen.« Ein Wort gäbe es eigentlich schon. Der japanische Chemiker Kikunae Ikeda erfand es 1908 für die Beschreibung des Geschmacks einer Seetang-Brühe: Umami. Auf Japanisch bedeutet es »köstlich« und beschreibt einen herzhaften Geschmack. Algen sind der Inbegriff von umami.

 

In diesen Genuss kommen nicht nur Menschen: Eine Marktanalyse im Auftrag der Weltbank ergab, dass sich die Algen in naher Zukunft am ehesten als Nutz- und Haustiernahrung durchsetzen. Kühe, Schafe und Ziegen, die mit Algen gefüttert werden, geben mehr Milch, Schweine setzen mehr Fleisch und weniger Fett an, das Fleisch von Kühen wird zarter, Lachse wachsen schneller, Schafen wächst eine dickere Winterwolle, und ihre Lämmer werden kräftiger geboren. Auch unsere Vorfahren verfütterten schon Algen an ihre Tiere, der Knotentang heißt im Norwegischen deswegen grisetang, Schweinetang, Blasentang wird in Frankreich auch algue a vache genannt, Kuhalgen.

 

Im Magen der Kühe entfalten die Algen noch eine Zauberkraft: Sie können ihren Methanausstoß senken, vor allem die Rotalge Asparagopsis. Weil sie hier nicht heimisch ist, hatte sie das schwedische Start-up Volta Greentech in Tanks an Land gezüchtet. Das in den Algen enthaltene und für die Methansenkung verantwortliche Bromoform konnte allerdings auch in der Milch der Kühe enden, wegen Produktionsschwierigkeiten schwenkte das Unternehmen auf algenfreie Futtermittel um.

 

Können die Algen trotzdem die große Klimarettung sein, wenn auch vorerst noch nicht in den Mägen der Kühe? Jorunn Skjermo, Wissenschaftlerin am Forschungsinstitut SINTEF in Trondheim sagt: Ja – zumindest könnten sie ein Teil der Rettung sein. Das Institut hat seinen Sitz am Fähranleger mit Blick auf den Trondheimfjord, der an diesem wechselhaften Tag mal in der Sonne, mal im Regen liegt. »Algen können klimaschäd­liche Produkte ersetzen«, erklärt Skjermo, wie etwa Plastik. Die ersten Firmen produzieren bereits aus dem in Algen enthaltenen Mehrfachzucker Plastik für Verpackungen, Blumentöpfe oder Kleidung. Das Algenplastik ist vollständig kompostierbar, der Haken ist nur: Zersetzt es sich, kehrt das in den Algen gespeicherte Kohlendioxid zurück in die Atmosphäre. Viel überzeugter ist Jorunn Skjermo deswegen von etwas anderem. Sie holt ein Glas aus ihrem Büro, darin sind schwarze, leicht salzig riechende Flocken. »Wenn man Algen bei 600 bis 700 Grad unter Ausschluss von Sauerstoff verbrennt, kommt Biokohle dabei raus«, sagt sie. Im Verbrennungsprozess entweicht zwar etwa die Hälfte des Kohlendioxids, den Rest speichert die Biokohle aber langfristig. Und sie lässt sich auch noch sinnvoll weiterverwenden, auf Äcker ausgebracht, hilft sie zum Beispiel Böden, Wasser besser zu speichern.

 

Am besten wäre es für das Klima eigentlich, die Algen gar nicht zu nutzen und sie zum Meeresboden sinken zu lassen, wo sie sich zusammen mit ihrem Kohlendioxid für sehr lange Zeit zur Ruhe legen würden. Ein bisschen machen die Algen das selbst, denn ihnen bricht hier und da mal ein Stück ab, wie Blätter, die von Bäumen fallen. Wie viel, hat Jorunn Skjermos Kollegin Luiza Neves gerade für ihre Doktorarbeit untersucht. Sie stanzte Löcher in die Algenblätter, um deren Wachstum zu messen. Bislang hatten Forschende in regelmäßigen Abständen dafür die Länge der Algen gemessen – so war ihnen entgangen, wie viel in der Zwischenzeit abgebrochen und wieder nachgewachsen war. Die Brasilianerin Neves hat mit ihrer Methode eine bislang, wie sie sagt, »ungesehene, zusätzliche Erosion« sichtbar gemacht. »Ein Teil der abgebrochenen Algen zersetzt sich in winzige Fragmente«, erklärt Neves: in sogenannte gelöste organische Kohlenstoffe, die sich teilweise nicht mehr abbauen lassen. Einige davon wiederum können von Mikroorganismen in persistente, gelöste organische Kohlenstoffe umgewandelt werden, die sich gar nicht mehr abbauen lassen. Das bedeutet: Sie speichern Kohlendioxid für Jahrhunderte. Ein chinesisches Forschungsteam fand dieses Frühjahr heraus: Seetang entlässt fast genauso viel Kohlendioxid in Form dieser Teilchen ins Wasser, wie er enthält, wenn er geerntet wird. Er speichert also dauerhaft große Mengen Kohlendioxid im Meer, ohne dass irgendjemand etwas dafür tun müsste. Wie viel, variiert je nach Standort, Art und Jahreszeit, noch gibt es da keine hundertprozentig verlässlichen Daten.

 

Auf die warten Politik und Industrie sehnsüchtig, in der Hoffnung, künftig mit Algenfarmen CO2-Emissionen kompensieren zu können. Wenn solide Zahlen vorliegen, können Algenfarmen etwa CO2-Zertifikate an klimaschädliche Firmen verkaufen, die mit dem Kauf ihre eigenen Emissionen in dem Umfang ausgleichen, in dem die Algen Emissionen aus der Luft gezogen haben.

 

The Ocean Panel, ein Zusammenschluss von 18 Regierungschefs zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Meere, setzt ihre Hoffnung auf Algenfarmen, diese könnten bis 2050 bis zu eine Milliarde Tonnen Kohlendioxid pro Jahr speichern. Zum Vergleich: Deutschland stieß voriges Jahr knapp 650 Millionen Tonnen in die Atmosphäre aus. Die Algen kämen da gerade recht. Einige der größten Firmen der Welt schaffen nun Tatsachen: In der Lobby-Gruppe North Sea Farmers haben sich Unternehmen wie Ikea, Unilever, Shell, Vattenfall und Amazon zusammengeschlossen, um Algenprojekte zu finanzieren. Amazon etwa investierte zwei Millionen Euro in die fünf Hektar große North Sea Farm 1 vor der niederländischen Küste, die erste Algenfarm weltweit, die zwischen Offshore-Windrädern gespannt ist. Ist die Farm erfolgreich, sollen weitere Windparks folgen. Noch gibt es keine Regeln, wie groß eine Farm sein darf, der Algenrausch fängt ja gerade erst an. Im Aktionsplan der EU-Kommission findet sich dazu ein mahnender Satz: »Eine Ausweitung des Algenanbaus (…) sollte vermeiden, dass in den Ozeanen die gleichen Umweltfehler begangen werden, die historisch an Land gemacht wurden.«

 

Natürlich können Algenfarmen in industriellen Ausmaßen schlecht für ihre Umgebung sein. »Sie werden mit anderen Organismen um Nährstoffe konkurrieren, alles unter ihnen wird im Schatten liegen, von ihnen könnten sich Krankheiten verbreiten, und sie könnten sich im Sturm losreißen und das Ökosystem belasten«, zählt Kasper Hancke auf, er ist Meeresbiologe am Norwegischen Institut für Wasserforschung in Oslo. »In China lässt sich das schon beobachten.« Auch dass Algenfarmen den Schmutz der Lachsfarmen beseitigen, funktioniere nur bedingt: »Die Farmen stoßen die Nährstoffe im Sommer aus, wenn es heiß ist«, erklärt Hancke, »die Algen nehmen aber die meisten Nährstoffe im Winter auf, wenn es kalt ist.« SINTEF probierte das in einer wissenschaftlichen Studie mit einem Lachsfarmer aus – und trotz des unglücklichen Timings wuchs der Tang dort schneller, als er das normalerweise tut.

 

»Säumig, Algen am Strand, nachlässig treiben sie / Vor und wieder zurück, schleppen, was gestern war / In den heutigen Tag, so / Monoton und so unbeirrt«, dichtete die Schriftstellerin Marion Poschmann. Werden wir schon bald ein anderes Bild vor Augen haben, wenn wir an sie denken – eine Farm, Plastik, ein raffiniertes Gericht?

 

Algen könnten es den Menschen vielleicht auch ermöglichen, eines Tages auf dem Mars zu leben. Die Art CCCryo 101-99 aus Spitzbergen hat es schon mal 530 Tage an der Außenseite der Internationalen Raumstation ISS ausgehalten. Sollten sie also doch nicht die Welt retten, könnten Algen immerhin das Überleben der Menschheit jenseits der Erde begünstigen, als Quelle für Sauerstoff und Nahrung. In der Zwischenzeit soll aus CCCryo 101-99 erst mal Sonnencreme gemacht werden.

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FOTOS Andrea Gjestvang