Wessen Leiden zählt wie viel?

Tierversuche sind in der Forschung noch immer der Standard – obwohl viele ungenau sind und es längst Alternativen gibt. Warum also müssen Tiere weiterhin leiden?


Es sind Ställe, nicht Labore, sagen die Ärzte. Doch der lange, grell beleuchtete Gang in dem unscheinbaren Gebäude auf dem Campus der Charité in Berlin sieht aus wie ein in die Jahre gekommener Spitalflur. Auf dem Boden erkennt man schmale Hufspuren, die kreuz und quer über das graue Linoleum verlaufen. Das hier ist der Spielplatz der Versuchstiere.


Schweinchen, so nennen die Ärzte ihre Probanden. Göttinger Miniaturschweine, so nennen sie die Züchter. 24 sind es, sie toben durch den Flur, plündern das Futter der Laborratten und zerren an den Schutzanzügen der Mediziner. Die Schweine sind hier, weil ihr Herz-Kreislauf-System dem von Menschen sehr ähnlich ist. In wenigen Wochen wird einem Grossteil der Minischweine ein Herzschrittmacher eingepflanzt. Der wird ihren Puls langsam steigern, die Herzmuskeln wochenlang überanstrengen und das Organ schwer schädigen. Die Forscher machen die gesunden Schweine krank, um dann eine neue Therapie an ihnen zu testen: Die Tiere werden einen Wirkstoff inhalieren, der ihre Herzen stärken soll. Gelingt dies, könnte er auch Menschen mit Herzinsuffizienz helfen, hoffen die Forscher. Sie sind überzeugt, das Richtige zu tun. Sie wissen aber auch, welcher Hass ihnen entgegenschlüge, würde man ihre Namen mit dem Versuch in Verbindung bringen. Darum bleiben sie in dieser Geschichte anonym. Und darum verrät auch kein Schild am Eingang des Gebäudes, welche Versuche hier stattfinden.

 

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Das Magazin 2021

FOTO Chris de Bode
CO-AUTORIN Julia Lauter