Wie ein fremder Planet

3.400 Meter, so tief war Antje Boetius schon unter dem Meeresspiegel. In der Finsternis untersucht die Tiefseeforscherin Tiere und Ökosysteme, von denen die meisten Menschen noch nicht einmal wissen, dass es sie gibt. Sie kartiert Schlammvulkane, untersucht Seegurken, sucht Schwarze Raucher und beobachtet leuchtende Fische im größten Lebensraum der Erde.


Dass wir uns zum Gespräch nun 1.560 Meter über dem Meeresspiegel in den Schweizer Alpen treffen, liegt an der Konferenz Polar 2018 in Davos, auf der die Wissenschaftlerin einen Vortrag halten wird. Antje Boetius kommt selten zur Ruhe: Seit letztem Jahr leitet sie das Alfred-Wegener-Institut, sie hat bislang 49 Expeditionen absolviert, ist Professorin für Geomikrobiologie an der Universität Bremen und am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie. Im Juli 2018 verlieh ihr die Deutsche Forschungsgemeinschaft den „Communicator-Preis“.

 

Wir nutzen die einzige Lücke in ihrem Terminkalender und sprechen auf der 300 Meter höher gelegenen Schatzalp, bei grellem Sonnenschein, einer leichten Brise und dem Duft blühender Bergwiesen über einen Ort, an dem es weder Licht, Luft noch Pflanzen gibt.

 

Frau Boetius, wären wir hier an der Wasseroberfläche, dann läge Davos schon in der Tiefsee. Die Bewohner lebten in absoluter Dunkelheit, unter hohem Druck und in eisiger Kälte; sie wären größtenteils von organischen Abfällen abhängig, die von oben zu ihnen hinabsinken. Was zieht Sie an einen so lebensfeindlichen Ort, an dem Menschen ganz offensichtlich nichts verloren haben?

 

Das ist genau der Grund, die Neugierde auf das Unbekannte. Die Tiefsee ist wie ein fremder Planet im Planeten Erde. Wenn man dorthin hinabtaucht, dann hat man als Mensch wirklich das Gefühl: Eigentlich gehöre ich hier nicht hin. Wir würden sofort zerquetscht, wenn das U-Boot ein Loch bekäme, weil wir mit Lunge und Magen zu große Hohlräume im Körper haben. Ich will diese fremde Welt entdecken, erforschen, verstehen. Es gibt wesentlich mehr Lebensraum in den Tiefen als in den Höhen. Die Tiefsee ist also der größte Teil des belebten Raums der Erde, und wir sind ausgeschlossen, sie zu bewohnen. Trotzdem hinterlassen wir unsere Spuren, es gibt zum Beispiel keinen Flecken Ozean mehr ohne Plastikmüll.

 

Wie gefährlich können uns diese Spuren werden?

 

Unser Überleben hängt vom Funktionieren des Ozeans ab. Er ist die Lunge der Erde, mehr als die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen, kommt aus dem Meer. Er ist auch Heizung oder Kühlung – so war die dichte Besiedlung Europas nur möglich, weil der Golfstrom Wärme hierher transportiert. Und wir nutzen ihn mehr, als uns bewusst ist: Wir transportieren 90 Prozent unserer Güter über ihn, unsere Telekommunikation läuft durch ihn, wir essen seinen Fisch und benutzen ihn als Energiequelle. Die Gefahr ist sehr groß, dass wir ihn zu unserem Nachteil verändern.

 

Unterschätzen wir das Meer?

 

Ja, wir unterschätzen es in der Relevanz für unser gutes Leben. Wir stehen immer wieder vor großen Problemen: Gerade ist es neben dem Klimawandel und der Versauerung der Meere der Plastikmüll, und ich hoffe, dass da bald etwas passiert. Denn es ist wirklich unanständig, was wir mit dem Meer machen. Und es ist ja durchaus möglich, dass wir Menschen unsere Umweltsünden entdecken und sie beheben. Beim Ozonloch geht es nun gerade glimpflich aus. Und nicht nur wegen mehr Hautkrebs durch zu viel UV- Licht – dies schädigt auch das Phytoplankton, das für die Primärproduktion im Ozean verantwortlich ist, also für die Basis allen Lebens unter Wasser. Wir haben verstanden, dass wir FCKW bannen müssen, damit sich das Loch wieder schließt. Wir haben auch geschafft, Phosphat im Waschmittel zu verbieten, das fast die Nordsee zum Umkippen gebracht hat. Heute schwimmen wir wieder in allen Flüssen Deutschlands und der Nordsee geht es besser. Die Gefahr, alles Mögliche falsch zu machen, ist immer da – aber auch die Chance, es besser zu machen, wenn man sich auf die richtigen Regeln einigt.

 

Obwohl der Ozean für uns so wichtig ist und unsere Erde zum Großteil aus ihm besteht, wissen wir über ihn weniger als über die Rückseite des Mondes. Warum?

 

Das hat einen ganz simplen Grund: Das Wasser, das die Erdoberfläche bedeckt, verhindert, dass wir per Satellit oder Kamera den Meeresboden im Detail vermessen können. Beim Mond können wir zumindest die Morphologie der Oberfläche viel einfacher kartieren.

 

Macht diese Ungewissheit Tiefseeexpeditionen gefährlicher als Raumfahrtmissionen?

 

Nein, bei Tiefseetauchgängen ist noch niemand zu Schaden gekommen. Der gefährlichste Tauchgang war wohl der von dem berühmten Regisseur James Cameron. Der hat sich 2012 in einer Ein-Mann-Plastikkapsel mit einem daran befestigten Gewicht im Marianengraben knapp 11.000 Meter zum tiefsten Punkt der Erde hinabsinken lassen. Aber auch er ist heile wieder hochgekommen.

 

James Cameron gestand, dass ihm bei seiner Tauchfahrt zwischendurch das Herz stockte bei dem Gedanken, was alles schief gehen könnte. Kennen Sie diese Angst?

 

Bei meinem allerersten Tauchgang sah ich auf den ersten Metern auf einmal Wassertropfen durch das Bullauge quellen. Die Piloten haben ganz aufgeregt einen Werkzeugkoffer rausgeholt, und da ist auch mir für einen Moment das Herz stehen geblieben. Doch dann haben sie sich kaputt gelacht, es war ein Anfängerscherz: Beim Abtauchen vom warmen Oberflächenwasser ins Kalte entsteht Schwitzwasser. Vom ersten Schreck abgesehen war ich aber voller Glück. Man arbeitet ja schon lange, bis man so eine Forschungsexpedition zusammen hat – die Fördermittel, die Leute, das Schiff. Dieser Moment, wenn man im U-Boot über die Reling gehoben wird und dann vom Draht abgeklinkt frei im Wasser taucht, gehört für mich zu den schönsten überhaupt im Leben.

 

Was macht es mit Ihnen, da unten gewesen zu sein?

 

Es ist wahrscheinlich ähnlich, wie im Weltall gewesen zu sein. Ich habe mich mal mit dem Astronauten Chris Hadfield darüber unterhalten. Man bekommt sehr viel Respekt davor, wie unsere Erde funktioniert. Die Astronauten zoomen raus und sehen die kleine blaue Murmel Erde, ich zoome richtig rein – auf einmal bin ich in diesem riesigen schwarzen leeren Raum nur eine Mikrobe. Die Tiefsee gibt es schon so lange, dort ist das Leben wahrscheinlich entstanden. Das wirft Fragen auf: Wie kommen wir klar mit dieser Welt, die wir ständig verändern? Wie schützen wir uns vor uns selbst? Wie sichern wir unsere Zukunft?

 

Ihre Sicht ist in der Finsternis auf die Scheinwerferkegel begrenzt. Wie fühlt es sich an, so viele fremdartige Wesen um sich zu wissen?

 

Toll. Uns Wissenschaftlern geht es da genauso wie jedem anderen Menschen, es ist einfach erstaunlich, Neues zu entdecken. Wir haben diese Lebewesen noch nie vorher gesehen. Dann freut man sich und lacht und denkt: Warum hat das Tier diese seltsame Form? Wie bewegt es sich? Von was lebt es? Sehe ich es jemals wieder? Ist es einzigartig?

 

Träumen Sie manchmal davon?

 

Ja, ich träume manchmal von Expeditionen in die Tiefe. Der häufigste Traum ist jedoch: Ich will auf Expedition gehen, und ich komme nicht am Schiff an – ein typischer Stresstraum. Ich habe auch schon geträumt, dass das Schiff umkippt, sodass ich überall kopfüber laufen muss. Und öfter bin ich im Schlaf in der Kapitän-Nemo-Situation: In einem U-Boot, das nicht auftauchen muss. Ich kann also eine Reise über mehrere Tage unter Wasser machen, das fühlt sich gut an.

 

Nemo kehrt in Jules Vernes Roman 20.000 Meilen unter dem Meer dem Leben an Land frustriert den Rücken zu und findet in den Tiefen des Meeres Zuflucht. Sein Paradies ist in Gefahr. Sie haben mal gesagt: Wir forschen langsamer, als sich die Welt dort unten durch den Klimawandel verändert.

 

Das betrifft vor allem die Polarregionen, da messen wir wirklich eine sehr schnelle Erwärmung und auch gigantische Temperatursprünge. Seit ein paar Jahren beobachten wir, dass es dort jeden Winter an einzelnen Tagen sogar Plusgrade gibt, etwa auf Grönland und sogar am Nordpol. Diese Veränderung der Wettermuster ist für uns sehr schwer vorherzusagen und zu begreifen. Für das Leben auf der Erde kann sie enorme Folgen haben. Zum Beispiel sind einige Fischlarven auf Plankton als Nahrung angewiesen. Wenn das Plankton aber durch den früheren Rückgang des Meereises zu einer anderen Zeit blüht, als die Larven schlüpfen, dann verhungern sie. Räubern, die diese Fische fressen, fehlt dann auch die Nahrung – eine Kettenreaktion.

 

Schauen wir zu spät hin?

 

Sicherlich. Wir hätten sofort große Forschungsprogramme aufsetzen müssen, als wir erkannt haben, dass der CO2-Anstieg menschengemacht ist, und dass wir es mit einer Veränderung zu tun haben, die wir in dieser Geschwindigkeit aus der Erdgeschichte nicht kennen. Da sind wir besonders im Meer ordentlich hinterher, weil wir keine großen international abgestimmten Observatorien haben, die es bräuchte, um genau zu verstehen, wie das Leben auf den Klimawandel reagiert.

 

Woran liegt das?

 

Die Meeresforschung ist erstmal national aufgestellt. Viele Forschungsprogramme beschäftigen sich nur mit der sogenannten ökonomischen Zone der Länder bis 200 Meilen vor den Küsten, danach beginnt die sogenannte Hohe See. In internationalen Gewässern forschen nur sehr wenige – denn das braucht große Forschungsschiffe und ist teuer. Doch dort liegt das gemeinsame Erbe der Menschheit, und das hat eben leider kein eigenes Forschungsinstitut, kein Monitoring, keine Umweltpolizei.

 

Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) soll dieses gemeinsame Erbe verwalten. Sollte so etwas überhaupt „verwaltet“ werden?

 

Auf jeden Fall. Ein ungeschützter Raum ohne Regeln ist kein gemeinsames Erbe, sondern Niemandsland. Die ISA hat allerdings nur den Auftrag, die mineralischen Ressourcen des Meeres zu verwalten, nicht aber die Vielfalt des Lebens. Sie wird sich darum bemühen, Auflagen für eine ökologisch vertretbare Ressourcengewinnung zu entwickeln. Doch es braucht viel mehr: Der Ozean ist eine gigantische Ressource für das Leben auf der Erde und wir müssen viel genauer hinschauen, wie unser Handeln an Land ihn verwandelt.

 

Stattdessen bedienen sich alle gierig an ihm: Schon heute stuft die Welternährungsorganisation dreißig Prozent der Fischbestände als überfischt ein. Vermutlich wird es 2050 mehr Plastik als Fisch im Wasser geben.

 

Die großen Räuber der Meere haben wir schon stark überfischt. Wir wissen immer noch nicht, wie sehr Fischerei nicht nur auf die befischten Arten wirkt, sondern auch andere Arten beeinflusst. Wir müssen uns Ziele setzen: Wieviel können wir uns aus dem Meer rausnehmen, damit den künftigen Generationen mindesten die gleiche Menge und Vielfalt erhalten bleibt? Ich bin sehr dankbar, dass die EU vor zwei Jahren zumindest für Bodenschleppnetze unterhalb von 800 Metern ein Verbot ausgesprochen hat. Aber auch in den produktiven, flacheren Schelfmeeren braucht es Schutzkonzepte für den Meeresboden.

 

Um herauszufinden, wie sensibel der Meeresboden auf Veränderungen reagiert, pflügte eine deutsche Forschergruppe 1989 vor Peru eine elf Quadratkilometer große Fläche in mehr als 4.000 Metern Tiefe im Pazifik um und simulierte damit die Ernte von Manganknollen – heiße Kandidaten für die künftige Gewinnung von Kupfer, Nickel und Kobalt. 25 Jahre später kehrten Sie mit den Forschern zurück. Was fanden Sie vor?

 

Wir waren erstaunt, dass man die Pflugspuren genauso wiederfinden konnte wie damals. Wir haben festgestellt, dass sich die Umwelt über 25 Jahre eben nicht erholt hat. Viele Lebewesen sind nicht zurückgekommen, obwohl es ja nur eine kleine Fläche war.

 

Die Tiere hätten das Gebiet also leicht wiederbesiedeln können.

 

Genau, aber nicht mal die Bakterien sind vollständig zurückgewachsen. Es ist schon bemerkenswert, wie viel langsamer eine Selbstheilung des Bodens in der Tiefsee gelingt als an Land.

 

„Besorgniserregend” wäre wohl das treffendere Wort.

 

Sicher. Aber für Handys, E-Mobilität und Solarpaneele brauchen wir wertvolle Metalle, von denen es an Land nicht genug gibt. Wir sind noch ganz schlecht im Recyceln, da liegen wir bei ungefähr zwanzig Prozent und könnten bei achtzig Prozent sein. Ich denke auch nicht nur über das Meer nach: Wer mal Bilder vom Umfeld von Metallminen in Afrika oder Südamerika gesehen hat, wo Kinder im giftigen Abfall spielen, der kommt schon ins Grübeln. Mir hat einmal ein Ressourcenforscher gesagt: „Wenn wir Metalle aus dem Meer gewinnen, gibt es weniger kranke Kinder. Also opfern wir lieber einen Teil der Tiefsee.“ Ich meine, wir brauchen ein System, das weder die Kinder noch die Tiefsee opfert.

 

Und doch strecken immer mehr Länder die Finger nach Rohstoffen in der Tiefsee aus. Obwohl es aufwendig, teuer und gefährlich ist, fördern wir schon längst Öl und Gas aus dem Meeresboden. Die ISA hat für die Erkundung von Manganknollen, Mangankrusten und Massivsulfiden bereits 29 Lizenzen vergeben. Und auch das Interesse an Methanhydrat wird größer: in Eiskäfige eingeschlossenes Methan, das sich nur bei genügend Druck und Kälte bildet.

 

Noch gibt es keine kommerzielle Förderung, sondern nur ein paar Testläufe, zum Beispiel von Japan. Bislang ist unklar, ob diese Ressourcen gewinnbringend geschöpft werden können, besonders wenn man die möglichen Schäden mitdenkt. Es ist auch gefährlich: Unter den Gashydraten lagert freies Gas, ohne das sich die Hydrate gar nicht bilden könnten. Bei einem Abbau kann es zu Hangrutschungen oder Explosionen kommen. Wir Wissenschaftler warnen davor, denn niemand kann in der Tiefsee etwas reparieren, das wissen wir spätestens seit dem Ölunfall im Golf von Mexiko. Die Meinung der meisten Wissenschaftler, die ich kenne, ist: Wir brauchen zuerst Regeln für die nachhaltige Bewirtschaftung der Meere einschließlich der Lebensvielfalt.

 

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass die Industrie auf Sie hört?

 

Wir Wissenschaftler sind ja in verschiedenen Kommissionen als Experten geladen und stellen dort unser Wissen bereit. Ich habe mehrfach mit Vertretern der Industrie an einem Tisch gesessen, und die sind oft genauso besorgt um die Zukunft. Die haben ja auch Kinder und wollen auch keine versaute Umwelt hinterlassen. Das Problem ist aber, dass es uns noch viel zu sehr um den Wettbewerb und ewiges Wachstum geht. Das heißt, es wird gefordert, dass die Regeln, die die Staaten aufstellen, international gelten, damit keiner einen Wettbewerbsnachteil hat. Das dauert lang und ist schwierig.

 

Währenddessen laufen wir Gefahr, einen Kipppunkt zu erreichen.

 

Wenn es wärmer wird als die im Moment diskutierten 1,5 Grad...

 

...wovon auszugehen ist...

 

...dann setzen sich Hunderte von Millionen Menschen in Bewegung, weil sie nicht mehr dort leben können, wo sie jetzt leben. Wer denkt, dass der Kippschalter die Natur ist, der irrt. Der Kippschalter sind wir Menschen, wir gefährden uns vor allem selbst.

 

Es gibt nicht viele Tiefseeforscher wie Sie. Wie schwer lastet auf Ihnen die Verantwortung, im Sinne der Menschheit nichts zu übersehen?

 

Das fühle ich nicht so sehr als Verantwortung sondern als Chance. Ich rede viel mit anderen Tiefseeforschern darüber. Wir alle wollen entdecken, beschreiben, weiterkommen. So groß wie die Frage „Gibt es noch anderes Leben im Universum?“ ist ja auch die Frage „Woher kommt das Leben, und wie funktioniert Leben in der Tiefsee überhaupt?“ Immer mehr müssen wir uns aber natürlich auch mit Umweltproblemen beschäftigen.

 

Nächstes Jahr wollen Sie den arktischen Winter erforschen und dabei neue Erkenntnisse über den Klimawandel gewinnen. Dafür lassen Sie und eine Gruppe von Forschern sich mit dem Eisbrecher Polarstern festfrieren und driften mit dem Packeis ein Jahr lang durch die Arktis, so wie es Fridtjof Nansen Ende des 19. Jahrhunderts gemacht hat. Nansens Fram-Expedition brauchte drei Jahre, namhafte Experten warfen ihm im Voraus Verantwortungslosigkeit vor. Wieviel Risiko sind Sie bereit, für die Wissenschaft einzugehen?

 

Wir bereiten uns natürlich gut vor, denn wir fahren dort in eine unbewohnbare, extreme Gegend. Es wird im Winter um die Minus 40 Grad kalt, da geht es alleine schon um die richtige Kleidung – ich habe einmal nicht aufgepasst und hatte Frostschäden im Gesicht. Wir bereiten uns außerdem auf das Risiko vor, über das sich bewegende Eis zu laufen und zu fahren, wir brauchen auch eine Landebahn für Flugzeuge. Das Meereis ist aber durch den Klimawandel so dünn geworden, dass wir genau aufpassen müssen, wo es brechen kann oder sich übereinander schiebt. Dann haben wir vielleicht auch mit dem Eisbär zu tun. Im Winter soll der zwar eigentlich schlafen, aber wir müssen auf Begegnungen vorbereitet sein. Wir müssen alles sehr gut planen, denn dort oben werden wir recht abgeschnitten sein, es wird nur wenig Kommunikation über Satellit mit geringer Bandbreite geben.

 

Also darf eigentlich nichts schief gehen?

 

Es werden ein Arzt und Krankenschwestern an Bord sein, denn es kann natürlich immer Unfälle geben. Das Schlimmste, was Polarforschungsinstitute bislang zu bewältigen hatten, ist ein Helikopterabsturz. Aber andererseits: Unser Alltag mit schnellem Straßenverkehr ist statistisch gesehen viel gefährlicher, und wir benutzen die Straße ja dennoch.

 

Als Kind redeten Sie mit dem Meer wie mit einem Freund. Was sagen Sie ihm heute?

 

Immer noch das gleiche: „Ich grüße dich alter Ozean.“ Ich möchte mit aller Kraft meines Schaffens dazu beitragen, dass wir auch in Zukunft mit einem guten alten Ozean leben können.

Science Notes 2018

FOTOS Roman Pawlowski