Mit Lehm gegen Macheten

Jedes Jahr leisten tausende Schulabgänger und Studenten Freiwilligenhilfe in fremden Ländern und tauchen ein in eine andere Welt. Können sie etwas bewegen? Oder wollen sie doch nur sich selbst finden? Ich traf zwei von ihnen in Tansania


Durch den Wald über Ngudjini fliegt der metallene Klang von Machete auf Holz. Sechs Jungen in zerschlissener Kleidung und ausgelatschten Flipflops schlagen Brennholz für ihre Mütter. An guten Tagen verkaufen sie ein paar Bündel für 1000 bis 2000 Schilling – 50 Cent bis einen Euro. Der Älteste von ihnen ist 16, der Jüngste gerade einmal acht. Die Großen schlagen mit den unterarmlangen Buschmessern die Äste von den Stämmen, die Kleinen tragen die Bündel.


Machete und Feuer zerstören jedes Jahr mehr als 4000 Quadratkilometer von Tansanias Wald. Er weicht der Landwirtschaft und Tagebauen, verbrennt unter den Kochtöpfen, wird zu Häusern, Möbeln, die Rinde zu Schuhcreme. Was ihn retten kann, sind ein konsequenter Waldschutz, Bildung und der Klumpen Lehm, den Janis Hanf in seinen Händen wiegt. Der 23-Jährige studiert eigentlich Umwelttechnik in Berlin, aber das ist jetzt ein Jahr und 7000 Kilometer weit weg. Tansania liegt an der Ostküste Afrikas kurz unterhalb des Äquators, das Klima ist das ganze Jahr über angenehm warm bis unerträglich heiß. Im Nordosten des Landes arbeitet Janis als Freiwilliger für den Umweltschutz, und dafür wühlt er an diesem sonnigen Tag im August im Matsch. Hinter der schiefen Hütte in dem kleinen Bergdorf Ngudjini hat er Lehmerde mit einer Hacke aus dem Hang geschlagen und mit Wasser zu einem schmatzenden Brei vermischt. Daraus baut er einen Ofen, der mehr als doppelt so effizient ist wie eine traditionelle Feuerstelle. Hunderte davon haben er und seine tansanischen Kollegen von der Hilfsorganisation Smecao in der Kilimandscharo-Region schon gebaut und damit den Wald ein bisschen langsamer schrumpfen lassen.


Freiwilligenarbeit ist weltweit verbreitet, ihr Nutzen nicht unumstritten. Seit ein paar Tagen wird Janis von der 18-jährigen Amina Koß unterstützt. Zu Smecao kamen beide über „Weltwärts“, den Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Kurz nach Beginn des Programms im Jahr 2007 kochte die Kritik in den Medien hoch: Die Jugendlichen könnten keine vollwertige Entwicklungsarbeit leisten und machten Abenteuer-Egotrips auf Staatskosten. Der BMZ-Dienst fördert geprüfte Entsendeorganisationen aus ganz Deutschland mit monatlich bis zu 580 Euro pro Freiwilligem. Für die Jugendlichen ist der Aufenthalt kostenlos. Amina und Janis werden von der Glücksburger Organisation Solivol betreut – mit Seminaren, organisatorischer Hilfe, ständiger Kontaktmöglichkeit und einem Taschengeld von 100 Euro im Monat. In einem der ärmsten Länder der Welt ist das viel Geld.


Tansania ist im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten zwar einigermaßen politisch stabil. Seit sieben Jahren regiert der frei gewählte Präsident Jakaya Kikwete die ehemals britische und davor deutsche Kolonie. Doch in dem von Korruption zerfressenen Land leben knapp 70 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut, fast die Hälfte hat keinen Anschluss an Trinkwasser, gut zwei Drittel der Menschen können nicht lesen und schreiben.


Janis stört das alles nicht. Er hat sich verliebt. In das Land, in eine Frau, er bleibt. Inzwischen spricht er die Landessprache Kisuaheli fließend, ein halbes Jahr hat er dafür gebraucht. Sein Flug zurück nach Deutschland wäre heute gegangen, aber schon im Februar wusste er, dass er nicht einsteigen würde. Er will ein halbes Jahr länger bleiben. „Ich habe gemerkt, dass mich nicht so viel nach Deutschland zieht“, sagt er. Zu Hause in Berlin wartet seine unvollendete Bachelor-Arbeit. Die würde er nun am liebsten über seine Arbeit hier in Afrika schreiben. Er hat Angst, dass der Magnetismus Tansanias in Deutschland vielleicht nicht mehr wirkt. Deswegen überlegt er jetzt schon, wie er möglichst schnell wiederkommen kann: Zuerst ein Auslandssemester, dann vielleicht ein Job bei einer größeren Nichtregierungsorganisation (NGO). Für immer? Er lächelt und zuckt mit den Schultern.


In Ngudjini macht Janis drei Tage „Feldarbeit“, eine willkommene Abwechslung zum manchmal drögen Büroalltag. So viele Häuser wie möglich sollen einen neuen Lehmofen bekommen. In den einen Meter langen und 50 Zentimeter breiten Kochstellen brennt das Feuer nur unter der ersten kreisrunden Aussparung, die zweite erhitzt der heiße Rauch. Der zieht über einen in die Hauswand geschlagenen Abzug ab. Athmani Subba, ausgebildeter Ofenbauer der Organisation, hämmert ein Stück Wellblech in Form, mit dem die 72-jährige Besitzerin Julietta Bamfili den neu gebauten Abzug regeln kann. Ihr ganzes Leben lang hatte sie den giftigen Rauch einatmen müssen, der von ihrer traditionellen dreisteinigen Feuerstelle ungehindert in den Raum waberte – die hölzerne Küchendecke glitzert tiefschwarz vom Ruß der Jahrzehnte. Der Lehm ist noch nicht getrocknet, da steht Athmani schon in der nächsten Küche bei den Nachbarn hangaufwärts. Er singt und tanzt auch ohne Musik, rennt die Berge rückwärts hoch und baut einen Ofen in weniger als zehn Minuten. Der Lehm spritzt meterweit und trotzdem bleiben seine weißen Lederschuhe und die beigefarbene Stoffhose sauber. Er kennt alles und jeden, scherzt mit den Kindern und schwatzt mit den Eltern. Janis ist ruhiger. Auf vieles antwortet er mit einem gedankenverlorenen „mhmh“, das hat er sich hier angewöhnt. Afrika hat ihn gelassener gemacht.


Janis wohnt in der Kleinstadt Same, nicht weit von Afrikas höchstem Berg, dem Kilimandscharo. Die Straßen sind aus Lehm, Wellblech bedeckt die Häuser und der Lebensrhythmus gleicht einem Sonntagsspaziergang. Karibuni ist das Wort, das man hier als Fremder am häufigsten hört – auf dem Markt, in den Straßen, im Vorbeilaufen, beim Ankommen, beim Weggehen, immer lachend, immer echt. Es heißt „willkommen“. Die afrikanische Fröhlichkeit ist ein so abgenutztes Klischee wie der blutrote Sonnenuntergang, das sich hier wie zum Trotz jeden Tag bestätigt.


Die zweistöckige Wohnung von Janis ist bunt, gemütlich und grenzt an eine kleine Töpferwerkstatt. Durch den Hof picken zwei Hühner, die er und seine Freundin Rehema sich vor kurzem gekauft haben. Vor einem halben Jahr hatte er sie in der zwei Busstunden entfernten Stadt Moshi in einer Bar kennen gelernt, zwei Wochen später zog sie bei ihm ein. „Ich habe immer gerne meine Wäsche gewaschen, das hatte so was Meditatives. Jetzt muss ich richtig darum kämpfen, weil Rehema das immer macht“, erzählt Janis. Dass der Haushalt in Tansania reine Frauensache ist, will er nicht hinnehmen. Auch nicht, dass hier die meisten Freundschaften nur oberflächlich sind. „Vielleicht, weil die Familie so wichtig ist“, vermutet er. Er hat trotzdem drei enge Freunde, für die er oft der Einzige ist, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können, weil die Familie es nicht wissen darf: ein zu hoher Brautpreis, eine Schwangerschaft ohne Ehe, Beziehungsprobleme. Meistens treffen sie sich in einer der Bars an der Hauptstraße, in denen die Musik zu laut ist und die Bedienung unfreundlich. Aber es gibt kühles Bier und für die Hartgesottenen Konyagi, einen 35-prozentigen Gin, der alles vergessen lässt, wie Janis’ Freund Bernard schmunzelnd erklärt.


Amina ist auch mitgekommen heute Abend. Fürs Erste schläft sie bei Janis und Rehema. Ihr Freiwilligenjahr ist erst ein paar Tage alt, alles ist noch provisorisch. Bernards Konyagi-Angebot lehnt sie lachend ab. Sie bleibt lieber bei Bier, denn sie will nichts vergessen, dafür ist alles viel zu neu und aufregend. Die Berlinerin hat gerade das Abitur gemacht, nun will sie ihre Wurzeln kennenlernen. Ihr Vater kommt aus Tansania, sie selbst kennt das Land bislang nur aus Urlauben. „Ich kann meine tansanischen Großeltern nicht alleine besuchen, weil ich ihre Sprache nicht spreche“, sagt sie. Das will sie nun ändern. Im Moment heißt das aber noch viel Lächeln und Nicken.


Macht ihr die Aussicht auf ein Jahr in der Ferne Angst? Ja. Ekelt sie sich vor den von Fliegen umsurrten Plumpsklos; vor ihrer staubigen Kleidung, die sie nun mühsam per Hand waschen muss; vor der Dusche, die mangels fließenden Wassers ein Eimer mit Schöpfbecher ist? Ja. „Ein bisschen Abhärtung ist auch mal ganz gut“, sagt Amina. Mehr Angst macht ihr im Moment, dass sie bald Gleichaltrige unterrichten soll. Sie will keinem tansanischen Lehrer einen Arbeitsplatz wegnehmen – ein Balanceakt, mit dem viele Freiwillige zu kämpfen haben. Sie wollen die lokalen Strukturen stärken und ergänzen, nicht verdrängen. Deswegen würde Amina am liebsten einen Umweltclub gründen – einen wie in der Ngudjini Secondary School.


Hinter ihrem schlichten Schulgebäude haben die Schüler eine Baumschule angelegt. Das Saatgut spendet Smecao. „Wir wollen, dass sie unabhängig von uns werden“, erzählt Janis, „die Samen können sie sich von den Bäumen holen. Aber sie wollen immer Sachen von uns haben. Das ist schwer manchmal.“ Der Umweltclub aus Ngudjini steht in einer 30-jährigen Tradition von sogenannten Malihai-Clubs im Norden Tansanias. Malihai ist Kisuaheli und bedeutet „lebendige Ressourcen“. Mehr als eine Million Bäume wurden hier seit den 80er-Jahren von Kinderhand gepflanzt. Seit fünf Jahren hat die Secondary School auch einen Smecao-Ofen. Vorher brauchten sie drei Tonnen Brennholz im Monat, jetzt nur noch eine, erklärt der 18-jährige Schülersprecher Patrick Laurent. Von der Küche aus schweift sein Blick über den nahe gelegenen Hang: Er ist schwarz. Vereinzelte Baumstämme ragen kahl und abgeknickt aus der Asche wie das Gerippe eines toten Tiers. Der Hang wurde brandgerodet wie so viele andere in der Gegend, um ein Feld anzulegen. Es ist eines der obersten Ziele von Smecao, so etwas zu verhindern.


Helfen heißt auch Zeuge sein. Auch von Dingen, die die eigenen Kräfte übersteigen. Zwei Motorradstunden von Same entfernt sitzen Amina und Janis in einem engen staubigen Wohnzimmer und hören zu. Die Bewohner des Bergdorfes Chome haben ihre beste Kleidung angezogen. Es ist Sonntag, da geht man in die Kirche. Sie vertrauen auf Gott, auch weil sie einen Anwalt nicht bezahlen können. Ihr ehemals fruchtbares Land ist trocken. Die Nahrung wird knapp, weil ohne Wasser nichts wächst, erzählen sie. Schuld daran ist das, was in den Shengena-Bergen passiert, zu deren Füßen sie wohnen. Mit großen Baggern wird dort Bauxit-Erde abgegraben. Der Rohstoff für Aluminium und Zement werde nach Kenia verkauft und von dort aus weiter verschifft. Was genau daraus hergestellt wird, wissen die Dorfbewohner nicht. Sie wissen nur, dass sich für die Folgen des Raubbaus niemand interessiert, auch nicht für das im Juni vom Premierminister verhängte Abbauverbot.


Amina und Janis wollen den Tagebau mit eigenen Augen sehen. Ihrer Chefin ist das zu heikel, sie haben ihr deswegen nichts von ihrem Ausflug erzählt. Janis prescht mit seiner dringend reparaturbedürftigen Yamaha AG 100 den steilen unbefestigten Weg hinauf in die Berge, Amina krallt sich hinter ihm am Gepäckträger fest. Ein Bewohner des Dorfes fährt voraus. Zweimal rutscht eines der Motorräder auf der losen Erde weg, zweimal kommen Maschine und Fahrer mit kleinen Kratzern davon. Die Straße wurde eigens für den Bauxit-Abtransport in den Berg gekerbt. Sie erleichtert nun auch Wilderern und Holzfällern den Zugang zu dem fruchtbaren Wald. Die Motorräder stoppen vor einer Ansammlung von Lastwagen und Baggern. Der Wald ist hier oben blanker roter Erde gewichen. Ein Arbeiter läuft ihnen durch die staubige Hitze entgegen. Sie sollen verschwinden, sonst mache er ihnen Probleme. Hinter dem nächsten Hügel liegt das Abbaugebiet, von dem Janis Beweisfotos machen wollte. Aber der grimmige Arbeiter lässt sie nicht weiterfahren. Keine Begründung, keine Diskussion.


Die Bewohner von Chome setzen große Hoffnungen in den Besuch der Weißen. Janis und Amina werden sie kaum erfüllen können, denn ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Sie sollen Projekte unterstützen, keine riskanten Kämpfe mit korrupten Firmen ausfechten. Sie bewegen sich zwischen unsichtbaren Grenzen, an die sie heute auf der Bergspitze gestoßen sind.


Die beiden Berliner schätzen ihre Rolle als freiwillige Helfer nüchtern ein. „Ich sehe das nicht so, dass ich mit meiner Arbeit hier groß die Welt verändern könnte“, sagt Amina. „Das zu denken wäre auch arrogant“, sagt Janis. Trotzdem sei die staatliche Förderung aber sinnvoll, denn es gehe um den Austausch, die Sprache, die Kultur, die Menschen, die Erfahrungen. Sie sehen sich nicht als Entwicklungshelfer, eher als Völkerverständiger. Und das helfe beiden Seiten – den Freiwilligen wie den Einheimischen.

 

Es ist später Nachmittag. Die Sonne steht tief und das Licht hat von gleißend zu golden gewechselt. Die beiden Deutschen kehren mit ihren tansanischen Kollegen von einer Wanderung durch den Wald zurück, in dem Janis am liebsten für immer geblieben wäre. Seine Freundin Rehema ist mitgekommen. Zusammen singen sie ein Lied auf Kisuaheli. Luca, der Fahrer von Smecao, grinst. „Janis is African, no German.“

greenpeace magazin 2012