Schwere Geburt

Im Kreißsaal werden Frauen oft zu Gebärmaschinen, auf die man keine Rücksicht nehmen muss. Das liegt auch an der Logik der medizinischen Geburtshilfe 


WARNHINWEIS

Wenn Sie ein Kind erwarten oder dies für die Zukunft planen, dann kann dieser Artikel verstörend auf Sie wirken. Im Folgenden werden Szenen psychischer und physischer Gewalt bei der Geburt geschildert. Angesprochen sind aber nicht nur Gebärfähige, son­dern auch ihre Partnerinnen und Partner, denn auch Gewalt zu bezeugen kann belastend sein. Ziel dieses Artikels ist nicht, Ihnen Angst zu machen. Ziel ist es, dass Ihnen solche Erfahrungen erspart bleiben. Soll­ten Sie schon Gewalt bei der Geburt erfahren haben, so kann dieser Artikel ein nicht verarbeitetes Trauma wachrufen. Und zuletzt ein Hinweis an all jene, die sich noch nicht angesprochen fühlen: Bei einer Geburt waren Sie in jedem Fall dabei – bei Ihrer eigenen. Haben Sie sich jemals gefragt, wie die abgelaufen ist?

 

Diese Erzählung beginnt nachts in einem Schlafzimmer im November 2017. Sie beruht auf den Erinnerungen von Pia, die eigentlich anders heißt. «Das Magazin» hat ihren Erinne­rungsbericht so weit wie möglich mit dem Partogramm – der Dokumenta­tion des Geburtsverlaufs – und dem Wochenbettbericht abgeglichen.

 

Es ist vier Uhr morgens. Pia wird von Schmerzen geweckt, es ist der Tag vor dem errechneten Geburtstermin des Mädchens in ihrem Bauch. Als die Schmerzen regelmässiger werden, stoppt ihr Mann Sandro, der eigentlich auch anders heisst, mit dem Handy die Zeiten dazwischen. Drei Minuten. Sie rufen im Spital an und bekommen den Rat, noch zu Hause zu bleiben. Pia geht nach einer Weile in die Bade­wanne, sie mag es, im Wasser zu ent­spannen. Gegen halb acht platzt die Fruchtblase, sie lässt das Fruchtwasser zusammen mit dem Badewasser in den Abfluss laufen. Wieder rufen sie im Spital an und bekommen nun den Rat, sich auf den Weg zu machen.

 

Sandro will das Auto holen, aber Pia kann jetzt nicht mehr sitzen. Sie wohnen in einem Dorf am Zürichsee, zum Spital ist es nicht weit. Sie be­schliessen, zu Fuss zu gehen. Er trägt die Kliniktasche, sie ächzt hinterher. Bei jeder Wehe muss sie sich etwas zum Abstützen suchen, aber die Bewe­gung tut ihr gut. Um viertel nach neun kommen sie im Spital an. Auch Pias Mutter trifft ein und bringt Cola und Gebäck mit. Alle stellen sich darauf ein, dass es lange dauern könnte.

 

Pia und ihre ungeborene Tochter be­ finden sich nun in der Eröffnungs­phase. In dem Partogramm, das die Hebamme für ihre Geburt anlegt, wird diese mit «EP» abgekürzt. Die Wehen öffnen in dieser Phase den Mutter­mund, jedes Mal ein Stückchen mehr. «MM Dilatation: 2 cm», notiert die Hebamme. Sie schnallt Pia einen We­henschreiber an, der wummernd die Herztöne des Babys in ihrem Bauch wiedergibt, dann will die Hebamme ihr einen venösen Zugang legen. Das ist Routine, denn oft wird dieser später für die Gabe verschiedenster Mittel benutzt – um Schmerzen zu lindern, um die Geburt zu beschleunigen oder um sie zu verlangsamen. Das macht aber auch routinemässig aus gesunden Frauen Patientinnen und kann verun­sichern,was die Wehen erst mal wieder bremsen kann.

 

Pia hasst Spritzen, sie bekommt Angst. Pia hat zudem den Eindruck, dass die Hebamme hektisch wird. Tat­sächlich gelingt es dieser nicht, den Zugang zu legen, sie ruft stattdessen eine Kollegin. Pias Wehen werden in­tensiver, halb stehend, halb kniend verarbeitet sie die Schübe. Als die an­ gekündigte Kollegin hereinkommt, stellt sie sich nicht vor, sondern ruft ihr entgegen, ob sie schon über eine Periduralanästhesie – kurz PDA – nach­ gedacht habe, eine Narkose im Bereich der Lendenwirbelsäule.

 

Pia empfindet ihren Ton als rup­pig, sie fühlt sich überrumpelt und lehnt ab, die Hebamme legt den venö­sen Zugang an der Hand und geht wie­ der. Pia weiss: Mit dieser Frau möchte sie ihr Kind nicht gebären. Als die ers­te Hebamme wiederkommt, greift sie diese am Arm und fleht sie an, die Ge­burt mit ihr zu machen. Das ist eigent­lich nicht ihre Art, aber Pia ist jetzt voll vom körpereigenen Oxytocin – dem wichtigsten Hormon für die Geburt, denn es steuert die Wehen – und auch ein wenig Adrenalin – dem gefährlichs­ten Hormon für die Geburt, denn es kann die Wehen stoppen.

Pias Wehen stoppen nicht, sie wer­den immer stärker. Sie stellt sich vor, dass es sich so anfühlen muss, wenn man angeschossen wird. Sie traut sich nicht zu, das noch lange durchzuhal­ten. Die Hebamme spritzt ihr Buscopan ins Gesäss, ein krampflösendes Mittel, das gegen die Schmerzen hel­fen soll. Bei Pia zeigt es keine Wirkung. Sie trinkt jetzt die Colaflasche leer, die ihre Mutter mitgebracht hat, es ist vier­ tel vor zehn. Die Hebamme gibt ihr ein stärkeres Schmerzmittel, das die We­henspitze brechen soll. Was ihr die Hebamme nicht sagt: Dieses Mittel ist Meptid, ein Opioid. Zu den sehr häufi­gen Nebenwirkungen zählen Übelkeit, Erbrechen, Euphorie und deren Gegenteil Dysphorie, zu den gelegent­lichen Nebenwirkungen Benommen­heit und Halluzinationen.

 

Pia hat nun das Gefühl, an der De­cke zu schweben und sich selbst von oben zu betrachten. Sie kann deswe­gen nicht mehr stehen, doch im Liegen kann sie schlechter mit den Wehen mitgehen. Sie muss sich jetzt bei jeder Wehe übergeben. Das kann vom Mep­tid kommen, es kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass nun die aktive Eröffnungsphase beginnt. Der Mutter­mund hat sich drei bis vier Zentimeter geweitet, er muss sich etwa zehn Zen­timeter öffnen, damit das Kind hin­ durchpasst.

 

Plötzlich hat Pia das Gefühl, je­mand stülpe ihr von hinten einen schwarzen Sack über den Kopf und zie­he ihn zu. Sie hört sich schreien, ohne das kontrollieren zu können. Sandro und ihre Mutter, die mit ihr im Raum sind, kann sie das nicht erklären. Sie hat Angst. Bei der nächsten Vaginaluntersuchung kündigt die Hebamme an, das Kind komme nun. Das ist sehr schnell, Pia ist erst seit einer Stunde und fünfundzwanzig Minuten da. Es bleibt noch nicht einmal Zeit, in ein Geburtszimmer umzuziehen. Die Hebammen räumen Sessel und Bei­stelltisch aus dem Zimmer.

 

Die Austreibungsphase – kurz AP – beginnt. Pia soll ihre Beine in die Hüf­ten der Hebammen links und rechts vom Bett stemmen. Sie schreit, er­bricht und presst. Dann kommt die As­sistenzärztin rein, untersucht sie und sagt: Wir brauchen mehr Platz. Pia weiss nicht, was das bedeutet. Die Hebammen schauen sich an und sa­gen: bei der nächsten Wehe. Da spürt Pia einen brennenden, metallischen Schmerz und begreift: Das war ein Dammschnitt. Ohne Betäubung, ohne Einverständniserklärung, die sie rechtlich gesehen hätte geben müssen, es sei denn, sie hätte sich in einer Not­situation befunden. Dann geht es schnell, um 11.04 Uhr ist ihre Tochter da. Erst als der warme, kleine Men­schenkörper auf ihrer Brust liegt, hat Pia das Gefühl, wieder in ihren Körper zurückzukehren.

 

«Rasche Geburt eines lebens­frischen Mädchens», steht im Wo­chenbettbericht. Ein gesundes Kind, das ist doch die Hauptsache, oder? Pia glaubt das lange auch. Erst Jahre später begreift sie, dass ihr die Bevormun­dungen und der Schmerz zu Unrecht angetan wurden.

 

Auf Kosten der Mutter

Pia ist mit ihren Erfahrungen nicht al­lein. Bei einer Online­Umfrage der Berner Fachhochschule im Jahr 2020 gab mehr als ein Viertel von über 6000 Frauen an, bei der Geburt ihres Kindes informellen Zwang erlebt zu haben. Das bedeutet, sie fühlten sich einseitig informiert, unter Druck gesetzt, eingeschüchtert oder waren mit einer Behandlungsentscheidung nicht ein­verstanden. «Viele Frauen auf der gan­zen Welt erleben während der Geburt in Einrichtungen eine respektlose, missbräuchliche oder vernachlässi­gende Behandlung. Dies stellt einen Vertrauensbruch zwischen Frauen und ihren Gesundheitsdienstleistern dar und kann sie auch stark davon ab­ halten, Gesundheitsdienste für Mütter in Anspruch zu nehmen», stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2015 fest.

 

Was Frauen im Kreisssaal erleben, geht aber oft deutlich über «respektlose Behandlung» hinaus. Es handelt sich um Gewalttaten. Dubravka Šimonović, bis 2021 Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Gewalt gegen Frauen, reichte 2019 einen UN-Son­derbericht über Gewalt bei der Geburt ein. Sie hielt Expertentreffen ab und wertete Erfahrungsberichte aus. Ein zentrales Problem: Frauen wird – wie im Fall von Pia – häufig das Recht ver­weigert, selbst eine informierte Entscheidung über medizinische Eingriffe zu treffen, auch dann, wenn keine Not­lage besteht.

Auf Anfrage sagt Šimonović: «Das ist eine Menschenrechtsverletzung.» Gerechtfertigt würden Grenzüber­schreitungen oft mit dem Argument, dass die Geburt etwas sei, das Leiden aufseiten der Frau erfordere. «Den Frauen wird gesagt, dass sie sich über ein gesundes Baby freuen sollen – ihre eigene körperliche und emotionale Gesundheit wird nicht gewürdigt», schreibt Šimonović in ihrem Bericht.

 

Das war nicht immer so. Der Bio­ethiker Tobias Eichinger von der Uni Zürich sagt, dass in einer Zeit, in der Frauen sehr viel mehr Kinder zur Welt brachten als heute, die Gesundheit der Mutter möglicherweise an höherer Stelle stand. Es war zwar traurige Nor­malität, dass nicht alle Kinder überleb­ten, den Müttern aber musste es gut gehen, damit sie noch mehr Kinder zur Welt bringen konnten. Mit dem Wan­del des Rollenbilds der Frau veränder­te sich auch, wie mit ihr medizinisch umgegangen wird. Eichinger beobach­tet, wie sich das seit Mitte des 20. Jahr­hunderts in den westlichen Ländern verschob. «Weil die Menschen wenige Kinder haben, hat das einzelne Kind enorm an Bedeutung gewonnen», sagt er.

 

Heute muss es in erster Linie dem Kind gut gehen – zur Not auf Kosten der Mutter. Lange Zeit hätten Frauen über ihre Gewalterfahrungen ge­schwiegen, schreibt Dubravka Šimonović, oft aus Angst vor Stigmati­sierung. Die Flut von Erfahrungs­berichten zu diesem Thema vergleicht sie mit der #MeToo­Bewegung. Und auch diese Bewegung hat ihren eige­nen Hashtag: #RosesRevolution. Jedes Jahr am 25. November legen Frauen weltweit Rosen vor den Spitälern nie­der, in denen sie Gewalt erfahren ha­ben.

 

«Hör auf mit dem Theater!»

Aber nicht alle finden, dass es sich hier um Gewalt handelt. Viele Menschen – und auch viele Frauen, die selbst Kin­der zur Welt gebracht haben – sehen diese Klagen als übertrieben an. Sie sagen, im Krankenhaus sei man nun mal fremden Händen ausgeliefert und es werde dort getan, was getan werden müsse. Und natürlich ist die Empfin­dung von Gewalt etwas Subjektives. Wie eine Frau mit Grenzüberschrei­tungen umgeht, ist es auch. Pia emp­fand den unangekündigten Damm­ schnitt als schlimm. Ihre Mutter, die ihr währenddessen die Hand hielt und die bei ihren zwei Geburten auch Dammschnitte bekommen hatte, fand das ganz normal.

 

Diese unterschiedliche Sichtweise von zwei Generationen bildet auch die Emanzipationsgeschichte ab, denn es ist ja noch nicht lange her, dass sich Frauen in allen Lebensbereichen be­vormunden lassen mussten – dass Frauen in der Schweiz erst seit 1971 das Stimm-­ und Wahlrecht haben, ist nur ein Beispiel. Und auch, dass im Krankenhaus grösstenteils männliche Ärzte das Sagen hatten, war lange Zeit vollkommen normal.

 

Pia aber ist in einer Zeit aufge­wachsen, in der das Patriarchat tiefe Risse bekommen hat. Wie viele Frau­en in ihrer Generation fordert sie eine selbstbestimmte und natürliche Ge­burt, während die Generation ihrer Mutter froh sein musste, von dem technischen Fortschritt zu profitieren, der die Mütter­ und Säuglingssterb­lichkeit auf einen historischen Tiefst­stand senkte. Pias Mutter kam gar nicht auf den Gedanken, sich über ihre Behandlung zu beklagen.

 

Bis heute stossen Frauen, die dies tun, auf Unverständnis oder Ableh­nung. Viele Ärztinnen, Ärzte und Heb­ammen – aber auch Frauen, die selbst unnötig leiden mussten – dürften sich bis heute schwer mit dem Gedanken tun, dass sich die gebärende Frau nicht mehr schicksalsergeben einer klini­schen Prozedur aussetzen muss. Auch bei Pia hat es eine Weile gedauert, bis sie zu dieser Einsicht kam. Und sie hat­te Glück, es ging ihr trotz der Übergrif­fe gut nach der Geburt. Andere Frauen behalten von ähnlichen Erfahrungen körperliche oder seelische Schäden zurück.

 

So wie die Frauen, deren Erfah­rungsberichte die deutsche Soziologin und Autorin Christina Mundlos in ihrem Buch «Gewalt unter der Ge­burt» zusammengetragen hat. Diese Frauen erzählen darin von Herabwür­digungen, unnötig schmerzhaften Untersuchungen, Eingriffen ohne Einverständnis, Nähen von Dammschnit­ten ohne Betäubung oder Nötigungen zu Kaiserschnitten. «Ich fühlte mich entmündigt, ausgeliefert und miss­braucht», schreibt eine Frau, die im Spital unter Druck gesetzt wurde, da­mit sie einem Kaiserschnitt zustimm­te, für den es keine medizinische Notwendigkeit gab. Sie litt danach unter einer posttraumatischen Belastungs­störung und hatte Schwierigkeiten, eine Beziehung zu ihrer Tochter aufzu­bauen, schreibt sie.

 

Eine andere Frau berichtet davon, wie ihr die Hebamme den Mutter­mund ohne Ankündigung mit den Fin­gern öffnete: «Ich schrie und heulte, und sie schrie auch: ‹Hör jetzt auf mit deinem Theater!›» Sie litt danach unter einer Depression und begann später eine Therapie. Auch Mundlos, die Autorin des Buches, hatte Gewalt bei der Geburt ihres Kindes erlebt: «Die neue Hebamme quittierte meine Angst und meine Tränen mit einem gehässigen Lachen. ‹Hast du geglaubt, Geburt geht ohne Schmerzen, oder was?›»

 

Auch Hebammen berichten in dem Buch anonym von ihren Erfah­rungen. «Für mich glichen viele Situa­tionen sexuellen Misshandlungen», schreibt eine von ihnen. «Ich bin zu­tiefst schockiert über die Geburtshilfe, die ich miterlebe. Es heisst, man muss ein guter Verkäufer sein. Den Frauen das aufschwätzen, was man selbst ge­rade möchte», berichtet eine Hebam­menschülerin. Eine weitere Schülerin glaubt, beobachtet zu haben, wie eine Hebamme bei einer Frau den Mutter­mund während der Kontraktionen per Hand öffnete: «Frau V. versucht, die Hand der Hebamme wegzuschieben und schreit. (...) Ich fühle mich, als würde ich bei einer Vergewaltigung zu­ sehen.»

 

Pia machte zwei Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes eine Aus­bildung zur Doula, das ist eine Ge­burtsbegleiterin, die zwischen der ge­bärenden Frau und den Hebammen und Ärzten vermittelt. Ein Bestandteil der Ausbildung ist, die eigenen Ge­burtserfahrungen zu reflektieren, um sich davon später nicht beeinflussen zu lassen. Erst da begriff Pia, was ihr pas­siert war. Sie bat in dem Spital, in dem sie ihr Kind geboren hatte, um ein Nachgespräch und den Zugang zu ihrem Geburtsbericht – beides wurde ihr verwehrt, beides steht Frauen in der Schweiz eigentlich zu.

 

Als Doula ist Pia in das Kranken­haus zurückgekehrt, in dem sie die ge­waltsamen Erfahrungen gemacht hat. Sie stand sogar schon mit ihrer dama­ligen Hebamme im Kreisssaal. «Ich kann meine Erfahrungen ganz gut von meiner Arbeit als Doula trennen», sagt sie heute. Im Spital sieht sie sich als entlastende Person in dem Machtge­fälle zwischen dem Spitalpersonal und der gebärenden Frau. Auch wenn die Entscheidungshoheit zu jeder Zeit bei den Hebammen oder den Ärztinnen und Ärzten liege, könne sie allein durch ihre Anwesenheit grossen Ein­fluss ausüben: «Ich glaube wenn wir Doulas dabei sind, ist die Hemm­schwelle höher, übergriffig zu wer­den.»

 

Denn die Übergriffigkeit ist nicht nur Ausdruck eines überkommenen Rol­lenbildes der gebärenden Frau. Wenn man mit Menschen spricht, die in der Geburtshilfe arbeiten, stellt man fest: Niemand unter dem medizinischen Personal hat die Absicht, die Geburt für die Frauen schwieriger zu machen, als sie ist. Die schlechte Behandlung hat System.

 

Das Hebammen-Dilemma

Kantonsspital Olten: Christine Kauf­mann, die leitende Hebamme, hat für das Gespräch eines der sechs «poly­valenten Zimmer» gewählt, so nennt sie die Räume, in denen die Frauen vor der Geburt untergebracht werden. Ein Behandlungsbett steht hier, ein schwarzer Ledersessel, ein weiteres Bett an der gegenüberliegenden Wand, ein Tisch vor der Fensterfront, eine Salzlampe auf dem Beistelltisch.

 

Christine Kaufmann ist sechzig Jahre alt, sie arbeitet seit zweiund­zwanzig Jahren als Hebamme, die letz­ten acht Jahre davon in leitender Funk­tion. Sie hat schon mehr als tausend Geburten begleitet. «Aber das wird nicht zur Routine, das darf es nicht», sagt sie. Am Tag sind die Hebammen zu dritt eingeteilt, nachts zu zweit. Oft müssen sie sich um mehrere Geburten gleichzeitig kümmern. Dauert eine Geburt lange, muss die Hebamme der nächsten Schicht übernehmen. «Wir wollen am liebsten eins zu eins betreu­en», sagt Kaufmann. «Es ist auch für uns Hebammen schwierig, dass das in der Realität nicht immer gelingt.»

 

Der Grund, warum es nicht anders geht: Es gibt zu wenig Hebammen. Weltweit fehlen rund 900’000, das er­rechnete der UN-Bevölkerungsfonds. Eine vergleichbare Rechnung gibt es für die Schweiz nicht, aber der Mangel lässt sich am Zeitdruck auf den Ge­burtsstationen ablesen. An strengen Tagen betreue sie mehrere Frauen gleichzeitig, sagt Christine Kaufmann. Dann bleibe auch mal weniger Zeit für Erklärungen – Gewalt sei aber auch dann für sie nie ein Thema.

 

Das mag auch daran liegen, dass die Hebammen im Kantonsspital Olten weniger Druck haben als ihre Kolleginnen in den grossen Städten. Letztes Jahr kamen in den zusammen­geschlossenen Spitälern Olten und So­lothurn 1664 Kinder zur Welt, also durchschnittlich 2,3 pro Tag und Spi­tal. Nathalie Colling arbeitet als Sta­tionsleiterin der Gebärabteilung im Stadtspital Zürich Triemli, hier kamen letztes Jahr 2391 Kinder zur Welt, das sind durchschnittlich 6,6 pro Tag. Das Haus ist eines von vier Spitälern, die eine vom Schweizerischen Hebam­menverband anerkannte hebammengeleitete Geburtshilfe anbieten. Das heisst: Hebammen haben das Sagen, Ärztinnen und Ärzte werden nur in Notfällen hinzugezogen.

 

Eine deutsche Studie von 2020 zeigt, dass das die Zahl der operativen Eingriffe, Dammschnitte und PDAs verringert. Trotzdem kann Nathalie Colling den Frauen oft nicht so gerecht werden, wie sie es gerne würde. «In al­len Spitälern rennen wir», sagt sie.

 

Bevor Colling vor zwei Jahren ans Stadtspital Zürich Triemli kam, hat sie in verschiedenen Einrichtungen ge­arbeitet und dabei gelernt: «Man kann niemanden besser manipulieren als schwangere Frauen.» Colling hat er­lebt, wie männliche Ärzte Frauen Angst machten, etwa dass das Kind zu gross sein oder die Nabelschnur um den Hals gewickelt sein könnte – nur um sie zu einem Kaiserschnitt zu drän­gen, mit dem das Spital mehr Geld ver­dienen kann. Vor vielen Jahren wurde sie Zeugin der vielleicht perfidesten Gewaltanwendung bei der Geburt: des «husband stitch».

 

Der bezeichnet das zu enge Zunä­hen nach einem Dammschnitt, damit der Mann danach beim Sex mehr spürt. «Ich erinnere mich an die Situa­tion noch sehr genau. Der Arzt sagte zum Mann: Ich kann das noch ein biss­chen enger machen, damit die Empfin­dung besser ist», erzählt Colling. Das habe sie schockiert, auch weil das zu enge Nähen für die Frauen zu Schmer­zen beim Sex führen kann. Nathalie Colling hofft, solche Praktiken gehö­ren der Vergangenheit an, Zahlen dazu gibt es keine. Aber Rosen. In jedem Spital, in dem Colling bislang gearbei­tet hat, lagen am 25. November Rosen vor der Tür. Welche Art von Gewalt­erfahrung sie anklagen, steht manch­mal in den beigelegten Briefen, bleibt oft aber unklar.

 

Wie respektvoll ein Spital mit Frauen vor, während und nach der Ge­burt umgeht; wie sich der Ton der Heb­amme nach zehn Stunden Geburt ver­ändert; ob ein Arzt sich mit Namen vorstellt oder wortlos seine Finger zur Untersuchung in die Vagina der Frau einführt; ob die Tür dabei offen oder geschlossen ist – all das sind Dinge, die werdende Eltern schwerlich bei den Infoabenden mit Getränken und Häppchen herausfinden können, wie sie die meisten Geburtsabteilungen anbieten. Da geht es meist um die Ein­richtung, die Versorgung, den Blick aus dem Fenster. Pia erinnert sich an den Infoabend ihres Spitals als eine Art «Sales Event». Je mehr Geburten, des­ to mehr Einnahmen.

 

Die Ökonomisierung der Geburt

Betrachtet man eine Geburt aus buch­halterischer Perspektive, dann ist eine natürliche Geburt ohne Eingriffe das finanziell ungünstigste Szenario. Die Dauer ist unkalkulierbar, der personelle Aufwand hoch. Jeder Eingriff kann die Dauer einer Geburt verkürzen, vor allem aber lässt er sich extra abrech­nen.

 

Tatsächlich gibt es heute kaum interventionsfreie Geburten. «In den letzten zwei Jahrzehnten hat die An­wendung einer Reihe von Geburtsver­fahren zur Einleitung, Beschleuni­gung, Beendigung, Regulierung oder Überwachung des physiologischen Geburtsvorgangs erheblich zugenom­men», stellte die WHO 2018 fest. «Diese zunehmende Medikalisierung des Geburtsvorgangs schwächt ten­denziell das Vermögen der Frau, eigen­ständig Kinder zur Welt zu bringen, und wirkt sich negativ auf ihre Ge­burtserfahrung aus.»

 

Mit den Segnungen der modernen Hightech­-Medizin, die das Sterberisi­ko für Mutter wie Kind bei der Geburt auf ein nie da gewesenes Minimum reduzierte, zog auch die Logik der Ökonomisierung in die Kreisssäle ein. 98,3 Prozent der Frauen gebären in der Schweiz in einem Spital, diese Zahl stammt von 2017. Allein schon in einem Spital zu gebären erhöht die Wahrscheinlichkeit für medizinische Eingriffe, einfach weil es dort die Mög­lichkeit dazu gibt. Eine Intervention löst oft die nächste aus, das fängt schon mit der künstlichen Einleitung an – da­mit ist das künstliche Auslösen von Wehen mit Medikamenten oder durch die Öffnung der Fruchtblase gemeint. Allerdings ist auch schwer zu sagen, wie die Geburt ohne den initialen Ein­ griff verlaufen wäre.

 

Im Jahr 2017 wurden landesweit rund 26 Prozent der Geburten einge­leitet, im Kanton Genf waren es sogar 40 Prozent. Bestimmte Medikamente zur Einleitung stehen im Verdacht, unnötig starke Wehen oder in seltenen Fällen Wehenstürme auszulösen, mit denen Frauen ohne Schmerzmittel nicht mehr umgehen können. Eines dieser Medikamente ist Cytotec, das eigentlich für die Behandlung von Geschwüren im Magen-­Darm-­Trakt entwickelt wurde und für die Geburtseinleitung im Off­-Label-­Use verwen­det wird; es ist dafür also nicht offiziell zugelassen. Deutschland stoppte die Einfuhr des Medikaments, in der Schweiz wird es nach wie vor breit an­ gewandt. Bei seiner Verwendung spielt generell die Wirtschaftlichkeit eine Rolle, «da die Kosten meist tiefer sind im Vergleich mit registrierten (...) Präparaten», wie die Schweizer Ge­sellschaft für Gynäkologie und Ge­burtshilfe festhält.

 

Die meisten Frauen wissen nicht, welches Mittel ihnen zur Einleitung verabreicht wird. Entscheiden sie sich unter den verstärkten Wehen dann für eine PDA, kann das den Geburtsver­lauf ins Stocken bringen. Früher grif­fen die grösstenteils männlichen Ärzte zu Zangen oder Saugglocken – oder sie «kristellerten», das heisst, sie drück­ten ihren Unterarm in den Bauch der Frau, um das Baby tiefer in den Ge­burtskanal zu schieben. In den Neun­zigerjahren wurde der Handgriff noch bei fast jeder Geburt angewendet, weil er aber sowohl die Frau als auch das Kind verletzen kann und der Nutzen nie belegt werden konnte, gilt er heute in der Schweiz als verpönt.

 

Auch die Zahl der Dammschnitte geht zurück, weil sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass ein Riss besser heilt als ein Schnitt – ein Riss reisst ausserdem nur so weit und tief, wie er muss, ein Schnitt nicht. Trotzdem lag die Dammschnittrate in der Schweiz im Jahr 2017 noch immer bei siebzehn Prozent, die WHO empfiehlt eine Rate von zehn Prozent. Dabei ist längst ein ganz anderer Medizin­-Trend auf dem Vormarsch, schmerzloser für die Frau und lukrativer fürs Spital.

 

«Heute bricht man eine Geburt im In­teresse der Frau – und oft auch auf ihren Wunsch – eher ab», sagt die Heb­amme Christine Kaufmann. Soll heis­sen: Man schneidet der Frau das Baby aus dem Bauch. 2020 wurden in der Schweiz 27’368 der 84’063 geborenen Babys per Kaiserschnitt geholt, das ist knapp ein Drittel. Rund die Hälfte der Kaiserschnitte in der Schweiz ist ge­plant. Hierzulande wünscht sich aber kaum eine Frau diesen Eingriff, in der Befragung der Berner Fachhochschule waren es nur 6,2 Prozent – in anderen Länder sieht es anders aus, da zählt der Kaiserschnitt zur Wunschgeburt.

 

Nein sagen

Ein Kaiserschnitt birgt nicht nur höhe­re gesundheitliche Risiken für die Müt­ter, sondern vermutlich auch für die Babys: Eine Studie der deutschen Techniker Krankenkasse stellte fest, dass Kinder, die vaginal geboren wurden, seltener an chronischen Krankheiten oder Allergien leiden als Kinder, die per Kaiserschnitt geholt wurden. Die medizinische Notwen­digkeit des Kaiserschnitts ist zumindest in dieser Menge fragwürdig. Die WHO empfiehlt eine Rate von zehn bis fünfzehn Prozent.

 

Im Sommer letzten Jahres verab­schiedete das Europäische Parlament eine Resolution, in der es alle Mit­gliedsstaaten dazu aufrief, «alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Rechte und die Würde der Frauen bei der Geburt zu gewährleisten und kör­perliche und verbale Misshandlungen zu verurteilen und zu bekämpfen». So eine Resolution ist rechtlich nicht bin­dend, von ihr kann aber eine politische Wirkung ausgehen, sie hat auch Strahl­kraft in die Schweiz. Doch systemische Veränderungen brauchen Zeit. Sie kommen zu spät für die durchschnitt­lich 245 Frauen, die momentan in der Schweiz Tag für Tag ein Kind gebären.

 

Wie können Frauen sich bis dahin vor Übergriffen und unnötigen Eingriffen schützen? Sie können Nein sagen. Ein Eingriff ohne Einverständ­niserklärung ist ein Rechtsverstoss, Ärzte und Ärztinnen dürfen sich nicht über den Willen ihrer Patientinnen hinwegsetzen, das verbietet die Bundesverfassung, die jedem Menschen das Recht auf körperliche Unversehrt­heit einräumt. Wird dieses Recht ver­letzt, können Frauen Schadensersatz verlangen oder Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen die Ärzte­schaft erstatten. Besser wäre es je­ doch, wenn es nicht so weit kommen müsste.

 

Pia sagt, ihr sei klar gewesen, dass sie nach ihren Erfahrungen nie mehr im Spital gebären wolle. Aber es wäre ein bedenklicher Trend, wenn sich Frauen von den Spitälern abwenden würden, die ja eigentlich dazu da sind, ihnen zu helfen.­­­­

 

Das Magazin 2022

FOTOS Anja Wille-Schori