Geld oder Liebe

Der Macht der Scheine und Münzen will sich Raphael Fellmer nicht unterwerfen. Er lebt mit seiner Familie vom Überfluss der anderen. Sein Traum ist eine Welt ohne Geld. Ist das visionär oder bloß naiv?


Seit Raphael Fellmer ohne Geld lebt, ist es ihm wichtiger geworden als je zuvor. Er denkt, spricht und schreibt über kaum etwas anderes als Geld, besser gesagt: über dessen Abwesenheit. Denn der 29-Jährige will die Welt davon überzeugen, dass es auch ohne geht.


Montagabend, Viertel vor elf, Berlin-Zehlendorf. Im dunklen Hinterhof eines Bio-Supermarkts hängt Raphael kopfüber in einem Abfallcontainer. Als er auf seine Füße zurückspringt, hält er triumphierend einen Sojajoghurt in der Hand. Er stellt ihn zur restlichen Beute: Croissants, Buttermilch, Quark, Eiersalat, Wurst, Sojaschnitzel, Baumkuchen, sogar Salz und Schminke. „Wow, it’s amazing“, wispert Silvia beeindruckt. Sie müssen leise sein, denn streng genommen begehen sie Diebstahl. Silvia kommt aus Tschechien und lernt in dieser Nacht zusammen mit Jana, wie man „containert“ – oder Lebensmittel rettet, wie Raphael es nennt. Das weiße Licht der Kopflampen schwirrt über die hellblauen Müllsäcke, die sie aus dem Container ziehen. Es riecht muffig, nach Schimmel und Vergorenem. Doch zwischen leeren Verpackungen und zermatschtem Gemüse finden die drei Lebensmittel im Wert von schätzungsweise hundert Euro – alles noch genießbar. Raphael reißt den Sojajoghurt auf, setzt an und trinkt. Demonstrativ; er will, dass man ihm glaubt.


Seit zwei Jahren lebt Raphael ohne Geldbörse, ohne Konto, ohne Notreserve. Er zahlt keine Miete, trägt gebrauchte Kleidung, fährt mit dem Fahrrad oder per Anhalter und isst das, was andere wegwerfen. „Es gibt alles im Überfluss: Lebensmittel, Transport, Unterkünfte“, sagt Raphael. Zusammen mit seiner Frau Nieves und der einjährigen Tochter Alma Lucia lebt er besser als so mancher mit festem Einkommen. Das vegane Essen hat Bioqualität, das Haus, in dem die Familie wohnt, ist geräumig und hat einen großen Garten, und ihren Urlaub verbringt sie gerne auf einem Segelboot. Das schaffen die drei natürlich nicht allein. Sie sind angewiesen auf Gönner, die ihnen helfen; bisher hat es immer funktioniert. Das Geheimnis dahinter ist simpel, erklärt Raphael: Liebe. Wenn man sie in den Menschen suche, finde man sie auch. Er glaubt an das Gute im Menschen – vielleicht etwas zu sehr.


Gerade ist er mit kistenweise Brot und Gemüse nach Hause gekommen, alles aussortierte Ware eines Bio-Company-Supermarkts. „Schau mal, heute habe ich richtig gute Sachen bekommen“, ruft er Nieves zu. Beide beugen sich über die Kisten wie über eine Schatztruhe. Die kleine Alma bekommt eine Banane, Papa isst die braunen Stellen – wieder demonstrativ. Die Lebensmittel bekommen sie seit April letzten Jahres von dem Biomarkt bereitgestellt. Seither berät Raphael im Austausch das Unternehmen, wie es nachhaltiger wirtschaften und den Müll reduzieren kann. Außerdem spannte er die Bio Company bei dem Netzwerk foodsharing.de ein, das im Dezember online ging. Auf der Internetplattform, die unterstützt von dem „Taste the Waste“-Regisseur Valentin Thurn entstand, können Privatpersonen, Händler und Produzenten überschüssige Lebensmittel tauschen.


Die Familie wohnt mietfrei in einer WG im „Friedenszentrum Martin Niemöller- Haus“. Die gebürtige Mallorquinerin Nieves und Raphael helfen im Haushalt, bei der Pflege des Gartens und bei sonstigen Arbeiten mit. Zum Beispiel haben die beiden für eine der Friedensorganisationen im Haus das Workcamp organisiert, an dem auch die Container-Neulinge Silvia und Jana teilnehmen. Zwei Wochen lang zeigen sie den Teilnehmern, wie man nachhaltig lebt, sich vegan ernährt und Gemüse anbaut. Als herauskommt, dass einige heimlich Fastfood gegessen und neue Kleider gekauft haben, wird Raphael kühl. Wut versucht er zu unterdrücken, seine Welt soll positiv bleiben.


Wenn größere Anschaffungen nötig sind, bietet das Paar bei Tauschbörsen und auf Auktionsplattformen Fensterputzen oder Staubwischen als Bezahlung an. Eine Waschmaschine machte Raphael zu einer kleinen Berühmtheit. Denn die Anbieterin war Journalistin, und seit sie in der Welt am Sonntag über ihn schrieb, macht seine Geschichte die Runde. Wie er ohne einen Cent von Holland nach Mexiko reiste, so auf die Idee des Geldstreiks kam und wie er Nieves kennenlernte. Längst hängen ihm auch Gerüchte an, etwa dass er auf dem Notsitz eines Flugzeugs umsonst mitgeflogen sei.


Der sonst so wortreiche Raphael wird fast einsilbig. Es langweilt ihn, immer wieder die gleichen Geschichten zu erzählen. Und es nervt ihn, wie oberflächlich die Medien sein Leben oft darstellen. Sie nennen ihn „den Mülltaucher von Berlin“ oder „den Geldlosen“. Sie verkennen, dass hinter seinem Verzicht auf Scheine und Münzen eine komplexe Weltanschauung steckt. „Der Wert des Geldes basiert auf dem Glauben daran“, holt er aus, „Geld ist eine Illusion, alle schulden allen irgendwas.“ Es entferne die Menschen voneinander, mache sie unmenschlich. Mit seinem Geldstreik wolle er auf die Verschwendung der Überflussgesellschaft aufmerksam machen, auf die Ungerechtigkeit in der Welt und die Zerstörung des Planeten. Er selbst lebt zwar von diesem Überfluss, Schmarotzertum will er sich aber nicht vorwerfen lassen. „Wenn ich jetzt wieder mit Geld leben würde, könnte ich mir eigentlich nichts kaufen, denn ich kann nicht mehr dahinterstehen“, sagt der junge Familienvater.


Doch selbst bei seiner Frau stößt er mit seiner Ideologie an Grenzen. Nieves benutzt noch Geld, wenn auch nur wenig, zum Bahnfahren, für Kosmetikartikel und für Alma. Sie hat auch ein Konto bei der sozial-ökologischen GLS Bank. Da landet das Kindergeld, von dem sie sich eine Krankenversicherung leistet. Sie muss zurückstecken für Raphaels Traum, für seine Kompromisslosigkeit. „Raphael macht, was er will“, sagt sie. Der 29-Jährige hält Vorträge im In- und Ausland, schreibt Internetbeiträge und jetzt sogar ein Buch, um seinen Entwurf einer besseren Welt publik zu machen.


In seiner Idealvorstellung existieren weder Währung noch Tauschhandel. Seine Utopie kennt keinen Arbeitszwang. Jeder Mensch folge seiner Berufung. Auf die Frage, wer dann unbeliebte Tätigkeiten wie die Müllabfuhr erledigen würde, hat er eine neue Utopie parat: Es werde keinen Müll mehr geben, alles werde wiederverwertet. Er macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt.


Eine Welt ohne Geld, ohne Müll, ohne Zwang, ohne Grenzen – solche Träume sind nicht neu. Raphael glaubt fest daran, dass sie erreichbar sind. „In sechs bis zehn Jahren werden wir dem Geld nicht mehr so viel Bedeutung beimessen“, ist er überzeugt, „der Gedanke ist abstrus, dass alles noch so ist wie heute, wenn Alma groß ist.“ Schon plant die Familie einen weiteren Schritt in Richtung Utopie: Sie will nach Italien auswandern und dort ein Ökodorf gründen. Ganz im Sinne Gandhis: „Sei der Wandel, den du in der Welt sehen willst.“

greenpeace magazin 2013

FOTOS Roman Pawlowski