Dem Meer entrissen

Der Oktopus ist ein Geschöpf mit vielen Geheimnissen. Er ist intelligent, eigensinnig – und vollkommen anders als der Mensch. So wie es aussieht, wird der Oktopus aber bald den gleichen Zweck erfüllen wie so viele Tiere vor ihm: Rohstoff zu sein für die industrielle Massenproduktion von Fleisch


Choco frito ist Portugals Ver­sion von Fish and Chips. Es liegt in fettigen Haufen auf Lucas Martins’ Teller. Rechts in Pommesstreifen geschnittene Kartoffeln, links ein in Stücke geschnittener und frittierter Tintenfisch. Vor einer Stunde hatte Lucas am Meeresgrund noch seine kurzen, breiten Finger neben die sich immerzu windenden Tentakel eines Tintenfisches gehalten, in der Hoffnung, er möge sie berühren, aber das Tier hatte ihm den Gefallen nicht getan. Stattdessen hatte es zum Sprung an­gesetzt, eine Tinten­wolke ausgestoßen und war wie ein Pfeil davongeschwommen, seine Haut zu einem milchigen Weiß changierend.

 

Was wir Tintenfisch nennen, können verschiedene Arten von Kopffüßern sein: Auf Lucas’ Teller liegt eine Sepia (zerstückelt), unter Wasser traf er einen Oktopus an (am Stück). Dass das eine Tier generisch weiblich ist und das andere männlich, ist so irrelevant wie bei dem Hund und der Katze, das ist einfach so. Eine Sepia sieht ein wenig aus wie eine ­fliegende oder eher schwimmende Untertasse, mit zehn Tentakeln um den Mund wie ein Bart. Ein Oktopus hat einen sack­artigen Körper, an der Unterseite einen Mund, der Schnabel genannt wird, und acht Tentakel, die davon rundherum in alle Richtungen abgehen. »Ich mag es, die Tintenfische da unten zu treffen«, sagt Lucas Martins. »Aber ich mag sie auch auf meinem Teller.«

 

Dies ist eine Geschichte der Widersprüche, des Unwissens und der Heimlichkeiten. Und dies ist die Annäherung an ein Tier, das schon für so vieles als Projektionsfläche herhalten musste, für den Tod, das Monströse, die List oder die Lust. Vielen gilt es als das Wesen, das einem Alien am nächsten kommt, zumindest unserer Vorstellung davon. Weil es ganz und gar anders ist als wir. Diese Geschichte erzählt davon, wie die Menschheit nun glaubt, die Unterwasser-Aliens genug verstanden zu haben, um aus ihnen ein weiteres kalkulierbares Produkt ihres kapitalistischen Industriesystems zu machen.

 

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Süddeutsche Zeitung Magazin 2022

FOTOS Roman Pawlowski