Invasion unter Wasser

Der Afrikanische Krallenfrosch zählt zu den schädlichsten invasiven Arten der Welt. In Westfrankreich versuchen Forschende, ihn aufzuhalten. 


Vier Gestalten laufen durch nasses Gras. Dichter Morgennebel umhüllt sie, über ihnen zeichnet sich die Sonne am Himmel ab wie ein kalter Mond. Vor einem Tümpel bleiben sie stehen und blicken auf die Wasseroberfläche. Eine friedliche Szene – wäre da nicht die Invasion der Allesfresser unter Wasser. Ab und an schnappen einige von ihnen nach Luft und zeigen für Sekundenbruchteile ihre glitschigen Körper.

 

Eine der vier Gestalten ist Dennis Rödder vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig, dem Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere. Er ist 800 Kilometer weit gefahren, um den Tümpel mit dem Allesfresser darin zu sehen. Vom Museum in Bonn aus erforscht er ihn schon lange, Xenopus laevis, den Afrikanischen Krallenfrosch. Er berechnet, wie er sich ausbreitet, prognostiziert die betroffenen Gebiete, sogar in seiner Heimat Südafrika hat Rödder den Frosch schon besucht. Nur hier noch nicht, im malerischen Loiretal in Westfrankreich, wo er nicht hingehört.

 

Gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Jean Secondi, einem kleinen drahtigen Mann mit kurzen Haaren und Brille aus dem gut eine Stunde entfernten Angers, lässt er sich von der Biologin Floreen Daunas und Mathilde Levielle von der örtlichen Gemeindeverwaltung die Tümpel zeigen, die der Frosch eingenommen hat. In seinem Kofferraum hat der hochgewachsene Biologe zwei große Styroporkisten mitgebracht, denn er will ein paar der Frösche mit zurück nach Deutschland nehmen – tiefgefroren, lebende Exemplare hat der Mensch schon genug auf der Welt verbreitet.

 

Der Afrikanische Krallenfrosch hat eine bewegte Vergangenheit: Als der Zoologe Lancelot Hogben in den 1930er Jahren an der Universität Kapstadt befand, dass der Frosch sich gut als Versuchstier eigne, da stellte er auch fest, dass die weiblichen Frösche auf das menschliche Schwangerschaftshormon reagierten: Spritzt man ihnen den Urin einer schwangeren Frau unter die Haut, legen sie binnen weniger Stunden Eier. Als lebendiger Schwangerschaftstest wurde der Frosch bis in die 1960er Jahre um die Welt geschickt, bis er von den heute gängigen Teststreifen abgelöst wurde. Als Modellorganismus ist er bis heute in der Forschung beliebt, denn er ist extrem robust, kann über zwölf Monate ohne Nahrung auskommen und zeugt sehr schnell sehr viele Nachkommen.

 

Im Labor sind das überzeugende Eigenschaften. Draußen – das sollte sich bald zeigen – sind sie ein Problem.

 

Weltweit entkamen die so robusten wie fortpflanzungsfreudigen Frösche aus Laboren, Zuchtbetrieben und privaten Aquarien. Und breiteten sich in Freiheit rasend schnell aus. Mittlerweile gibt es Populationen in Nord- und Südamerika, Japan, Sizilien, England, Portugal und Frankreich. In der Nähe von Lissabon etwa spülte sie eine Flut aus den Laborräumen eines Instituts in den Fluss Laje, im Westen Frankreichs entließ sie ein Zuchtbetrieb in den 1980er Jahren in einen nahe gelegenen künstlichen Teich. In der Folge verbreiteten sie sich ungehemmt: den Fluss hinauf, von Teich zu Teich, durch Bäche und über kurze Strecken über Land.

 

Rund 20 Jahre lang blieb das unbemerkt. Denn die Frösche verbringen die meiste Zeit unter Wasser. Aus einem Teich mit tausenden Afrikanischen Krallenfröschen ist kein Quaken zu hören, erst wenn man ein Mikrofon unter die Wasseroberfläche hält, hört man ihren infernalischen Lärm – sonst nichts. Nicht etwa, weil sie die anderen Tiere übertönen. Sondern weil es da, wo sie sind, kaum noch andere Tiere gibt.

 

„Ich nenne sie Terminator“, scherzt Jean Secondi über die plumpen Frösche, die ein wenig so aussehen, als hätte sie jemand platt getreten. „Sie sind eine neue Spezies in Europa“, sagt er. „Und sie werden bleiben“, ergänzt Dennis Rödder. Das heißt: Xenopus laevis ist eine invasive Art. Er ist hier eigentlich nicht heimisch, doch breitet sich nun so stark aus, dass er seinem neuen Lebensraum damit schadet. Anders als in Südafrika, wo Schlangen, Vögel und größere Fische sie jagen, haben die Frösche hier kaum natürliche Feinde. Sie werden handtellergroß und somit größer als heimische Amphibien.

 

Wenn sie also einen Teich neu besiedeln, dann stellen sie sich nicht gut mit ihren neuen Mitbewohnern. Sie fressen alles auf, was kleiner ist als sie – durchaus auch ihre eigenen Nachkommen. Noch dazu überträgt der Krallenfrosch eine Pilzerkrankung, gegen die er selber immun ist. Für andere Amphibien ist der Erreger Batrachochytrium dendrobatidi dagegen tödlich. Die Weltnaturschutzunion beobachtet ein durch ihn ausgelöstes alarmierendes Artensterben unter Amphibien. So gelten Afrikanische Krallenfrösche als eine der schädlichsten invasiven Amphibienarten der Welt. Die große Frage ist: Wie kommt man gegen sie an?

 

Floreen Daunas und Mathilde Levielle führen Dennis Rödder und Jean Secondi an drei Klärbecken entlang. Es ist einer der ersten frischen Herbsttage und der Nebel hat sich in dicken Wassertropfen auf die Grashalme gelegt, durch die sie mit ihren Gummistiefeln streifen. In den Becken wird das Wasser des nahe gelegenen Dorfes Saint-Martin-de-Sanzay geklärt. Dass sich in ihrem Abwasser eine Froschplage ausgebreitet hat, davon ahnen die meisten der 1.000 Dorfbewohner nichts.

 

Daunas und ihre Kollegen versuchen ein System zu entwickeln, um die Froschpopulation irgendwann kontrollieren zu können – nicht auszulöschen, denn das sei fast unmöglich. „Es reicht, wenn ein einziges Paar übrig bleibt“, sagt Dennis Rödder. Floreen Daunas stimmt ihm mit einem Nicken zu. Sie kommt beinahe jeden Tag hierher, um die Fallen zu überprüfen. Allein im vergangenen Jahr fingen sie mit Fischfallen 4.106 Afrikanische Krallenfrösche. Die Tiere lagern sie in einer Tiefkühltruhe ein. Manche werden zu Forschungszwecken wieder aufgetaut, etwa für Biologie-Erstsemester, die an ihrem Beispiel den Aufbau eines Organismus kennenlernen sollen. Viele werden verbrannt. Damit in der Truhe Platz für die nächsten ist.

 

Ab diesem Winter wollen sie aufhören mit dem Fangen und Töten. Stattdessen haben sie einen engmaschigen Zaun um die Becken gezogen und den Ausfluss des letzten Beckens in den nahe gelegenen Bach für die Frösche unpassierbar gemacht. Den Bach haben sie zwar schon längst besiedelt, aber die Biologen wollen die Becken – für die Tiere ein perfektes Reproduktionsgebiet – isolieren. Die Frösche können sich darin zwar vermehren wie sie wollen, aber sie kommen nicht mehr raus. An anderen Tümpeln arbeiten sie mit freiwilligen Helfern zusammen. Floreen Daunas zeigt ihnen, wie die invasiven Frösche aussehen, und bringt ihnen bei, sie zu fangen. 38 Anwohner helfen schon mit. Um eine Chance gegen den Frosch zu haben, brauchen sie noch viele mehr.

 

Die Herausforderung ist: Die Gegenmaßnahmen müssen möglichst günstig sein, denn das betroffene Gebiet ist riesig. Allein in Westfrankreich hat sich Xenopus laevis bereits auf einer Fläche von mindestens 4.500 Quadratkilometern ausgebreitet. Die Landschaft ist wie gemacht für ihn: Fast jeder Hof hat einen künstlichen Teich, aus dem die Weidetiere trinken. Zwischen ihnen fließen Bäche und die münden in Flüsse. „Wenn die Frösche in einen Strom gelangen, kann man sie nicht mehr stoppen, das ist für die wie eine Autobahn“, sagt Dennis Rödder. „Wir machen uns ein bisschen Sorgen um die Loire“, sagt Jean Secondi. Sie haben bereits Frösche bei Nantes gefunden, rund 100 Kilometer stromabwärts.

 

„Eine Invasion kann genauso gut in Deutschland passieren“, sagt er dann. „Die Chancen dafür sind sogar hoch.“ Dennis Rödder arbeitet gerade an einer Europakarte, die darstellt, welche Regionen den physiologischen Fähigkeiten des Frosches entsprechen – also, wo er sich potentiell ausbreiten könnte. Er ruft sie auf seinem Handy auf und zeigt sie seinen Kollegen: Ganz Südeuropa ist blau eingefärbt, außerdem Südengland und Irland. Den Klimawandel hat er bei diesen Berechnungen noch nicht einmal berücksichtigt, er würde die Grenze noch weiter nach Norden verschieben. Giovanni Vimercati hält sich entsetzt die Hand vor die Augen. „Das ist ein bisschen beängstigend“, murmelt er.

 

Dass sie den Afrikanischen Krallenfrosch auch mit ihrer Forschung nicht besiegen können, ist den Forschern bewusst. „Wir können uns nur Zeit kaufen“, sagt Jean Secondi. Zeit, in der der Frosch sich vielleicht an seine neue Heimat anpasst und weniger Eier legt, weil er hier mit weniger Nachwuchsausfällen rechnen muss als in Südafrika. Zeit, in der sie die Populationen der heimischen Amphibien stärken können.

 

In die sogenannte Unionsliste, in der die EU-Kommission invasive Arten verzeichnet, hat man den Afrikanischen Krallenfrosch trotzdem noch nicht aufgenommen. Es würden dann nicht nur verschiedene Gegenmaßnahmen gestartet, auch Besitz und Vermarktung der Tiere würden verboten. So aber wird Xenopus laevis noch immer in Zoohandlungen verkauft. Der deutsche Anbieter Interaquaristik etwa bietet ihn für 8,95 Euro das Stück an und gibt Zuchttipps. Er bewirbt ihn als „für Anfänger geeignet“.

 

leibniz magazin 2020

ILLUSTRATIONEN Joe Villion