Als Kind Soldat

Kindersoldaten sind Opfer schwerster Kriegsverbrechen. "Asylrelevant" ist das in Deutschland jedoch nicht. Deshalb leben hier hunderte traumatisierte Jugendliche mit der Angst vor Abschiebung. Einer von ihnen ist Idrissa Bangura aus Sierra Leone


Er rennt, so schnell er kann, ohne Pause. Getrieben von der 
Angst vor den Männern mit ihren Gewehren. Sie feuern 
wahllos auf die Dorfbewohner. Er flüchtet vor den 
Rebellen. Sie nehmen ihm seine Mutter, seine Kindheit, seine Heimat. Er rennt.


Idrissas Augen zucken, das blaue Licht des Fernsehers flackert auf seiner Haut. Er kann schon wieder nicht schlafen. Das ist kein Albtraum, das ist sein Leben. Das Leben eines ehemaligen Kindersoldaten aus Sierra Leone. Unter Lebensgefahr floh der heute 20-Jährige nach Deutschland und zerbrach beinahe an dem harten Asylsystem. 
Seit drei Jahren ist er nur „geduldet“ und lebt mit der Angst vor der Abschiebung.


Idrissas Bett ist groß und hat goldene Zierleisten, sogar ein Radio ist im Rückenteil 
eingebaut. Er hat es von einem Gebrauchtwarenhändler. Und er benutzt es nie. Meist schaut er bis tief in die Nacht fern, irgendwann nickt er für wenige Stunden 
ein. Er schläft nicht gern. Manchmal streunt er durch die dunklen Straßen seiner 
neuen Heimat Westerburg in Rheinland-Pfalz – ziellos, gelangweilt, einsam. Dann und wann verirrt er sich in Spielkasinos, wechselt ein paar Worte und drückt Knöpfe, ohne Geld einzuwerfen. Eigentlich hasst er diese Orte, weil er Muslim ist und das Glücksspiel verabscheut. Doch in dem 5600-Einwohner-Städtchen gibt es sonst nicht viel. Wenn er mit den Nachbarskindern Fußball spielt, dann lacht Idrissa, vergisst die Angst, in das Land seiner Vergangenheit zurück zu müssen. Die Angst, die ihn im kalten Wohnzimmer auf dem Sofa wieder einholt.


Derzeit leben in Deutschland 3000 bis 5000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, also Kinder und Jugendliche, die ohne Familie hierher kamen. Das katholische Jugendsozialwerk schätzt, dass unter ihnen 200 bis 300 ehemalige Kindersoldaten sind, sie werden statistisch nicht erfasst. Dazu kommt die weitaus größere Zahl derer, die inzwischen das Erwachsenenalter erreicht haben. Im Krieg haben sie Furchtbares erlebt, sind meist schwer traumatisiert und bekommen dennoch nicht die Hilfe und Zuwendung, die sie bitter nötig haben. In Deutschland müssen sie um eine Aufenthaltsgenehmigung kämpfen wie jeder andere Asylbewerber auch. Der Staat verschärfte die Bedingungen 1993 so, dass es fast unmöglich wurde, als Asylbewerber in Deutschland anerkannt zu werden. In den letzten fünf Jahren hatten durchschnittlich 1,3 Prozent der 
Antragsteller Erfolg.


Vor dreieinhalb Jahren landete Idrissa im Hamburger Hafen, damals war er 16. Er hatte sich in Freetown, der Hauptstadt seines Heimatlandes, auf ein Frachtschiff geschmuggelt, ohne zu wissen, wohin es fuhr. Auf der wochenlangen Überfahrt fürchtete er um sein Leben: „Wenn sie dich erwischen, werfen sie dich über Bord“, hatte er gehört. Doch damals glaubte er, dass nun endlich alles besser werden würde. Ein Irrtum. In Hamburg fragte er einen afrikanisch aussehenden Mann um Rat, der 
schickte ihn zur Asylbehörde, dort musste er seine Fingerabdrücke abgeben und wurde nach Trier geschickt – ein Quotenschlüssel verteilt Flüchtlinge nach Prozentsätzen und Nationalitäten auf die Bundesländer. Der sogenannte Königssteiner Schlüssel berechnet die Verteilung zu zwei Dritteln aus dem Steueraufkommen und zu einem Drittel aus der Bevölkerungszahl der Bundesländer. Daneben haben 
sich manche Städte mit Dolmetschern auf bestimmte Nationalitäten spezialisiert.


In Trier stellte Idrissa seinen Antrag. Nach dem Ausländerrecht galt er mit 16 bereits als erwachsen und wurde auch so behandelt. Zwar verbietet die UN-Kinderrechtskonvention den Missbrauch von Menschen unter 18 Jahren als Soldaten. Doch Deutschland hatte sie bis vor kurzem nur unter Vorbehalt ratifiziert. Sie dürfe nicht so „ausgelegt werden, dass die widerrechtliche Einreise eines Ausländers in das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland“ erlaubt sei. Damit standen die hiesigen Ausländergesetze über internationalem Recht. Erst im Mai 2010 hob die Regierung den Vorbehalt auf – zu spät für Idrissa. Er musste beweisen, dass er schutzbedürftig ist, dass er eine Rückkehr in sein Heimatland psychisch nicht überstehen würde. Bei Anhörungen durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) musste er seine Situation und 
seinen Fluchtweg glaubhaft darstellen. Diese Interviews verlaufen nach einem festen Fragenkatalog – unverständlich und zuweilen unfreundlich. „Die Dolmetscher kommen häufig aus anderen Ländern, sie haben mich manchmal gar nicht verstanden“, erzählt Idrissa. Dreimal wurde er für solche Interviews in die Behörde bestellt.


Er musste all das erzählen, worüber er bis heute nur schwer sprechen kann. Während des Bürgerkriegs in Sierra Leone (1991 bis 2002) überfiel die Rebellengruppe Revolutionary United Front (RUF) sein Dorf. Sie kämpfte mit Unterstützung des liberianischen Kriegsherrn Charles Taylor gegen die wechselnden Regierungen des Landes. Die Milizionäre nahmen Geiseln, töteten wahllos, zündeten Hütten an, in die sie vorher Dorfbewohner getrieben hatten. „Überall war Feuer“, sagt Idrissa. Er musste mit ansehen, wie seine schwangere Mutter mit einem Messer ermordet wurde, da war er neun. Seit seiner Geburt herrschte Krieg im Land.


Irgendwann schnappten ihn die Rebellen und zwangen ihn, für sie zu arbeiten. „Die Regeln waren so einfach: Entweder du hast getan, was sie dir sagten, oder sie hackten dir die Arme ab. Manchmal erschossen sie zur Abschreckung ein paar Jungen“, erzählt Idrissa stockend aus seiner Zeit als Kindersoldat. Mit Drogen machten die Rebellen 
die Kinder gefügig und gleichgültig, bis sie töteten. Er musste schwere Lasten schleppen. Als ein Freund von ihm eine Kiste kurz außer Acht ließ, um 
sich zu erleichtern, erschossen ihn die Aufseher: Sie feuerten ihre Magazine leer. In der Kiste waren Blutdiamanten.


Noch immer schätzt die Menschenrechtsorganisation „terre des hommes“ die Zahl der Kindersoldaten auf 250.000 bis 300.000 weltweit. In der EU-Leitlinie zu den sogenannten Pariser Verpflichtungen heißt es: „Kinder leiden besonders in bewaffneten Konflikten unverhältnismäßig stark, auf verschiedenste Weise und mit lang andauernden Folgen.“ Doch Deutschland gewährt ehemaligen 
Kindersoldaten keine Sonderbehandlung. Im Bundesinnenministerium beruft man sich auf die „besondere Schulung und Sensibilisierung der Entscheider und Entscheiderinnen des Bundesamts sowie der Sprachmittler“, welche „unter Berücksichtigung der Besonderheiten des jeweiligen Einzelfalls“ über den Asylantrag entscheiden.


Idrissa war schwer traumatisiert und allein, als er in Trier seine Aussagen machte. Er wurde in eine sogenannte Erstaufnahme-Einrichtung verwiesen – ein schäbiges Heim mit Acht-Bett-Zimmern und ohne psychologische Betreuung. „Es war eine Katastrophe“, erzählt er und rauft sich die kurzen Haare. Er wurde behandelt wie ein Erwachsener. Das Jugendamt nennt das „Inobhutnahme“ in einer „anderen Wohnform“. Drei Monate blieb er dort. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Idrissa stellte 2008 einen Folgeantrag, in dem er neue Gründe für eine Bewilligung nennen musste. Anders als beim ersten Mal konnte er psychologische Gutachten zu seinem Trauma vorweisen. Seitdem hat er einen Anwalt, den er selber bezahlen muss – mit dem Geld für Asylbewerber, das mehr als 35 Prozent unter den Hartz-IV-Sätzen liegt, ist das kaum zu bewältigen.


Auf Anweisung des Sozialamts muste Idrissa oft seinen Wohnort wechseln. Den drei Monaten in Trier folgte zunächst ein halbes Jahr in Niederroßbach. 822 Einwohner, ein Bach und das Asylbewerberheim – Deutschland schickt seine Asylbewerber gerne dahin, wo kaum jemand sie sieht. Der Verein „Pro Asyl“ beobachtet, dass Flüchtlinge „durch nachrangigen Zugang zum Arbeitsmarkt oder sogar Arbeitsverbote, Residenzpflicht und mangelnde Versorgung bewusst an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden“. Sie können kaum eigenes Geld verdienen und leiden oft unter verheerenden Lebensumständen. Idrissa darf sein Bundesland nicht ohne Erlaubnis der Ausländerbehörde verlassen.


Niederroßbach war für ihn der Tiefpunkt. Der Bus fuhr nur einmal am Tag, häufig war Idrissa gezwungen, mehrere Kilometer in den Nachbarort zum Einkaufen zu laufen. Er musste Sozialarbeit leisten: Friedhöfe säubern, Straßen kehren – acht Stunden am Tag, sonst wäre ihm sein ohnehin magerer Unterhalt gekürzt worden. Ihm ging es schlecht. „Manchmal konnte ich drei Tage nichts essen, war immer drinnen, bin nie rausgegangen. Wenn ich schlief, kamen die Albträume.“ 
Trauma und Isolation: Idrissa zerbrach beinahe daran. Zweimal versuchte er, sich umzubringen. Als er sich mit Batteriesäure vergiften wollte, hielt ihn eine Vision 
davon ab. Er sagt, es sei Allah gewesen. Beim zweiten Versuch wollte er sich die Pulsadern aufschneiden – da klopfte der syrische Hausmeister an seine Tür. Mit ihm traf er sich manchmal zum Gebet. Der Glaube spendete ihm Kraft, doch das allein reichte nicht.


Nur durch Zufall erfuhr der junge Flüchtling von einer Therapiemöglichkeit. Bei den Behörden hatte man 
ihm nie davon erzählt. Die medizinische Versorgung ist für Asylbewerber in den ersten vier Jahren auf die Behandlung „akuter Erkrankungen und Schmerzzustände“ reduziert – und „akut“ ist ein dehnbarer Begriff. Erst nach anderthalb Jahren in Deutschland begann Idrissa eine therapeutische Behandlung. So versucht er bis heute, sein Kriegstrauma aufzuarbeiten.


Dem Heim in Niederroßbach folgte eine Sozialwohnung mit mehreren Mitbewohnern in Westerburg. „Es war schlimm: schlechte Leute, Drogen, Alkohol, Dreck, ständig Partys“, erinnert sich Idrissa. Als er schon nicht mehr dort wohnte, fiel ihm eines Tage im Vorbeigehen ein weit offen stehendes Fenster auf. Er sah nach und entdeckte seinen ehemaligen indischen Mitbewohner. Der Mann war seit mehreren Tagen tot. Vermutlich hatte er sich umgebracht, weil er die Angst und die Perspektivlosigkeit nicht mehr aushielt. Sein Schicksal blieb in der Kleinstadt unbemerkt – es ist, als existierten in Deutschland zwei Welten nebeneinander.


Mit der Hilfe engagierter Menschen lernte Idrissa schließlich Deutsch, ging zur Schule und machte seinen Realschulabschluss. Im August begann er in einem Großbetrieb eine Ausbildung zum Bäcker. Die Arbeitserlaubnis dafür konnte er nach einem Jahr in Deutschland bei der Ausländerbehörde beantragen. Manchmal schiebt er zwei Schichten an einem Tag. Es ist nicht sein Wunschberuf, aber das selbst verdiente Geld macht ihn unabhängig und stolz. Der geregelte Alltag gibt ihm auch psychische Stabilität. Weil er die Routine-Fragen des Jugendamts nicht mehr beantwortet hatte, teilte man Idrissa einen festen Vormund zu: Galiza kommt auch aus Sierra Leone. Mittlerweile nennt Idrissa ihn und dessen ehemalige Lebensgefährtin Papa und Mama. Im örtlichen Jugendzentrum betreut er manchmal Kindergruppen. Und er spielt im Fußballverein. „Ich habe Ziele und will etwas erreichen“, erklärt er, am liebsten würde er Sozialpädagogik studieren.


„Das deutsche Asylrecht ist auf Abschreckung ausgelegt“, sagt Dima Zito, die Autorin der Studie „Kindersoldaten als Flüchtlinge in Deutschland“. Sie kennt Idrissa durch ihre Arbeit als Therapeutin im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf. Landsleute hatten ihn mitgebracht, eine Therapie dort wurde ihm aber von der Behörde verwehrt. „Er leistet viel, um sich hier zu integrieren, umso frustrierender ist das Warten auf das Ungewisse für ihn.“


Idrissa versucht, ins Leben zurückzufinden. Doch da ist abends auf dem Sofa diese Angst, dass auch sein zweiter Asylantrag abgelehnt wird und alles wieder vorbei sein könnte. Solange er das fürchten muss, kann er sein Trauma nicht bewältigen, ist die Hoffnung auf Heilung utopisch. Wenn das kalte Licht des Fernsehers auf seiner Haut flackert, die Sorgen vor der Abschiebung ihn wach halten und mit dem Schlaf die dunklen Erinnerungen kommen, dann ist er nur noch der ehemalige Kindersoldat – mit Angst vor dem Gestern und dem Morgen.


//Kindersoldaten – zum Töten gezwungen

„Kindersoldaten sind Personen unter 18 Jahren, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder benutzt werden oder wurden, egal in welcher Funktion oder Rolle, darunter Kinder, die als Kämpfer, Köche, Träger, Nachrichtenübermittler, Spione oder zu sexuellen Zwecken benutzt werden.“ So lautet die Definition der Vereinten Nationen. 
Die Mädchen und Jungen werden sowohl von offiziellen Armeen als auch von Rebellenverbänden größtenteils zwangsrekrutiert, häufig sind sie fester Bestandteil der militärischen Strukturen. Die meisten Kindersoldaten gibt es in afrikanischen Ländern. Die Menschenrechts­organi­sation „terre des hommes“ listet aber zum Beispiel auch Kolumbien, Afghanistan, Indien, Burma und die Philippinen auf. Schätzungen von Hilfsorganisationen zufolge gibt es derzeit etwa 250.000 Kindersoldaten weltweit. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 verbietet es, Kinder unter 15 Jahren an Kämpfen zu beteiligen. 
Ein Zusatzprotokoll aus dem Jahr 2000 erhöhte das Alter auf 18. 
Bis heute haben es nicht alle Mitgliedsstaaten ratifiziert.


//Asylrecht in Deutschland ausgehöhlt

Nach Artikel 16a des Grundgesetzes haben politisch Verfolgte Anspruch auf Asyl in Deutschland. Doch der „Asylkompromiss“ von 1993 hat 
eine Bewilligung fast unmöglich gemacht: Wer über einen „sicheren 
Drittstaat“ einreist, kann ohne inhaltliche Prüfung abgelehnt werden. Sichere Drittstaaten sind die EU-Staaten sowie Norwegen und die Schweiz. Die „Dublin II“-Verordnung von 2003 hat dieses Prinzip EU-weit festgeschrieben. Deutschland ist also von sicheren Drittstaaten und 
Mitgliedern des Dubliner Abkommens umgeben, eine Einwanderung mit Asylberechtigung ist daher in der Regel nur noch per Flugzeug oder Schiff möglich. Die meisten Flüchtlinge kommen aber im europäischen Süden an. Insbesondere Griechenland ist mit dem Zustrom längst 
überfordert, geordnete Asylverfahren finden dort kaum noch statt. 
Viele Antragsteller sind obdachlos und erhalten keine Sozialleistungen. 
Es gibt kaum Dolmetscher. Mitte Januar hat das Bundes­innenministerium die Abschiebung nach Griechenland für ein Jahr ausgesetzt. Wurden 
in Deutschland 1992 knapp 440.000 Asylanträge gestellt, waren es 
im vergangenen Jahr nur noch rund 44.000. Lediglich 1,4 Prozent davon wurden bewilligt. Rund zehnmal so viele Flüchtlinge erhielten einen befristeten Abschiebeschutz, weil ihnen in ihrem Land Gefahr droht.

greenpeace magazin 2012