Das große Zittern

In Teilen Südeuropas stehen gewaltige Erdbeben und Vulkanausbrüche bevor. Millionen Menschenleben sind in Gefahr. Doch Experten haben alle Mühe, ihren Warnungen Gehör zu verschaffen.


Der Erzbischof von Neapel steht vor der ungeduldigen Menschenmenge und dreht eine gläserne Ampulle in seinen Händen. Das heilige Blut muss flüssig werden, sonst beginnt das Inferno.

 

Am Strand von Lissabon baut ein Mann Figuren aus Sand. Wenn eine Welle kommt, werden sie sich in einzelne Körner auflösen. Wenn die große Welle kommt, wird die Stadt es ihnen gleichtun. 

 

Nahe Istanbul proben die Rettungsmannschaften den Ernstfall am Modell eines zusammengesackten Hauses. »Es ist wie damals«, raunt einer. »Nur der süßliche Geruch der Verwesung fehlt.« 

 

Die drei europäischen Metropolen Neapel, Lissabon und Istanbul eint das gleiche Schicksal: Sie werden ihre Bewohner zu Tausenden unter sich begraben und die Überlebenden in einen Horror stürzen. Für jede dieser Städte wird der Tag der Zerstörung kommen, nur vermag niemand zu sagen, wann. Denn während sich die Menschheit auf eine Expedition zum Mars vorbereitet, hat sie es noch nicht tiefer als zwölf Kilometer unter die Erdoberfläche geschafft. Und so können Wissenschaftler nur die Vorhersage geben, dass starke Erdbeben und Vulkanausbrüche die drei Städte verwüsten werden. Vielleicht werden die jetzigen Bewohner dann schon lange tot sein. Vielleicht trifft es sie auch schon morgen. 

 

Warum die Erde nicht so unverrückbar ist, wie wir es gern hätten, darüber wird seit Jahrtausenden spekuliert. Immanuel Kant verdächtigte, wie einige römische Gelehrte vor ihm, ein weltumspannendes unterirdisches Höhlensystem, in dem sich Gase abrupt gegenseitig verdrängen. Andere vermuteten unter- irdische elektrische Entladungen oder eine kurzzeitige Richtungsänderung der Schwerkraft. Erst vor einem halben Jahrhundert einigte sich die Forschungsgemeinschaft auf die Theorie, dass unsere gesamte oberirdische Welt auf riesigen, zwanzig bis 250 Kilometer dicken Kontinentalplatten ruht, die auf einer zähflüssigen Schicht schwimmen. Und diese Platten bewegen sich unentwegt. 

 

Die Oberfläche, auf der wir alle gerade sitzen, zittert deswegen ständig, nur meistens so sanft, dass wir es nicht merken. Erst wenn sich die Platten ineinander verkeilen, wird es gefährlich. Um zu verstehen, was dann passiert, können wir einfach mit den Fingern schnippen: Zwischen Daumen und Mittelfinger entsteht Druck, die Reibung erhöht sich immer stärker, bis der Mittelfinger ruckartig nachgibt und wegrutscht – »Schnipp«. So ähnlich verhalten sich auch die Platten tief in der Erde. Nur dass dieser »Schnipp« die Kraft hat, alles mit sich zu reißen. Häuser, Büros, Schulen, Fabriken, Kraftwerke, Brücken, Krankenhäuser, alles. 

 

Auch fern der Plattengrenzen können alte Risse die Erde erschüttern. Der Rheingraben in Deutschland ist eine dieser Verwerfungen. Er zittert ständig leicht und bebt etwa alle zehn Jahre stärker. Der Vogelsberg in Hessen und die Vulkaneifel in Rheinland-Pfalz sind alte Vulkane, die wieder aktiv werden können. Sie alle sind Schwachstellen der Kontinentalplatte. Die größte Gefahr aber droht am südlichen Rand, dort wo die eurasische auf die afrikanische Platte stößt und die anatolische Platte von Osten herandrängt. In der Nähe haben Menschen große Metropolen errichtet. Erst im Juli wurde Athen von einem mittel- starken Beben erschüttert. Und Neapel, Lissabon und Istanbul müssen sich auf einen »Schnipp« gefasst machen. Wie leben ihre Bewohner mit der unsichtbaren Bedrohung, wie bereiten sich Gesellschaften auf unausweichliche Katastrophen vor? [...]

 

 

Mehr hier.

Süddeutsche Zeitung Magazin 2019

FOTOS Rafael Krötz
KO-AUTORIN Julia Lauter