Sonne fürs Ego

Backpacking galt als Alternative zum Massentourismus. Das ist längst vorbei. Wer heute ökologisch und sozial reisen will, muss für unbequeme Lösungen offen sein  


Ein Morgen am Suvarnabhumi-Flughafen in Bangkok. Junge Reisende mit großen Rucksäcken auf den Rücken schleppen sich ins Terminal. Sie tragen Pluderhosen mit Elefantenmustern, Muskelshirts mit aufgedruckten Biermarken, einzelne Dreadlocks mit eingeflochtenen Perlen, die Festivalbändchen an den Handgelenken haben sie durch bunte Armbänder ergänzt. Die meisten sehen aus, als hätten sie nicht geschlafen, einige machen den Eindruck schon mehr als einen Tag am Flughafen festzuhängen, auffallend viele Unterschenkel ziert eine kreisförmige Brandwunde vom Auspuff eines Mietrollers, das berüchtigte Thailand-Tattoo. Sie treffen auf sonnenverbrannte Touristen mit Rollkoffern und in Luftpolsterfolie eingewickelten Buddhafiguren, an den Handgelenken tragen sie blitzende Uhren und die All-Inclusive-Bändchen aus dem Hotel. Auf dem Hinflug hatten sich die mit den Rucksäcken denen mit den Rollkoffern noch überlegen gefühlt, weil sie glaubten, es besser zu machen. Mittlerweile ist ihnen alles egal, Hauptsache nicht kotzen jetzt.

 

Dabei hatte es, als sich Rucksackreisende und Pauschaltouristen vor einigen Wochen am Flughafen voneinander trennten, wirklich kurz den Anschein gemacht, als reisten die mit den Rucksäcken nun der Wahrheit entgegen und die mit den Rollkoffern der bequemen Illusion. Denn die einen machten sich doch auf, das Land ganz ursprünglich zu erkunden mit nur dem Nötigsten auf dem Rücken, während die anderen sich in die schützenden Arme der Hotelmauern legten und die Augen vor der Realität dahinter verschlossen.

 

Individuell reisen, in die fremde Kultur eintauchen, sich mit Einheimischen anfreunden, unbeschrittene Pfade erkunden, nie Gesehenes sehen, nie Erlebtes erleben, das ist doch die Königsdisziplin des Reisens. Die idealen Rucksackreisenden wollen die Authentizität der Welt finden und dabei auch sich selbst, die realen aber verlieren sich in einem für sie errichteten Erlebnispark, in dem nichts authentisch ist, aber alles käuflich.

 

In Südostasien ist der „Banana Pancake Trail“ ein Pfad, der sich quer durch Thailand, Laos, Vietnam und Kambodscha von Party zu Strand zu Tempel zu Regenwald zu Markt zu Party zieht. Ob man auf ihm unterwegs ist, merkt man daran, ob die Hostels und Restaurants für ihre Gäste aus der ersten Welt, in der man gerne süß frühstückt, Bananenpfannkuchen am Morgen servieren. Danach benannte der Kulturwissenschaftler John Hutnyk den Klassiker unter den Backpacker-Routen.

 

Auf ihm gibt es in jedem Ort ein Backpacker-Viertel, in dem sich Hostels, Bars und Souvenirläden aneinanderreihen, auf ihm wissen die Tuk-Tuk-, Bus-, und Taxifahrer, wo die Reisenden hinwollen, auch wenn die das selber noch nicht wissen, auf ihm kann man viele Menschen aus Europa und den USA kennenlernen, nur Einheimische eher nicht, denn für sie sind die Reisenden wie Kühe, die sie zur nächsten Futterstelle treiben und melken können. Auch wenn der ursprüngliche Anspruch mal ein anderer war, ist so ein Leben als Kuh für eine Weile ja auch gar nicht schlecht, befinden die Reisenden recht bald. Und so trotten sie hintereinander her, auf dem wohl ausgetretensten Pfad der Welt und trösten sich damit, dass es immerhin noch keine befestigte Straße ist. Wie konnte das Reisen zu einem so austauschbaren Wegwerfprodukt verkommen?

 

Stippvisite in der Armut

 

Gereist wurde schon immer, Pilgerfahrten waren im Spätmittelalter ein Massenphänomen. Das Verlassen der Heimat aus kulturellem Interesse aber war ein Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. Die europäischen Adelsfamilien pflegten ihre Söhne seit der Renaissance auf eine sogenannte Grand Tour oder auch Kavalierstour zu schicken. Aus den Sprösslingen sollten so weltgewandte Männer werden, die mit den Kulturen und Sitten fremder Länder vertraut sind, sich in der Kunst- und Architekturhistorie auskennen, über nützliche Kontakte überall verfügen und die ein oder andere Erfahrung mit dem anderen Geschlecht gesammelt haben.

 

Vor allem in England war die Grand Tour verbreitet, die angehenden Gentlemen reisten oft für mehrere Jahre in Kutschen zu Kunststädten, Baudenkmälern und Fürstenhöfen quer durch Europa. Ende des siebzehnten, Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurde das auch für das Bürgertum erschwinglich, parallel entwickelte sich ein erster touristischer Dienstleistungssektor. „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1795 in seinem Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Der Großteil der Bevölkerung reiste nicht und wenn dann zu Fuß. Das änderte sich erst mit dem Bau der Eisenbahn.

 

„Reisen ist, in jedem Augenblick geboren werden und sterben“, schrieb der französische Romancier Victor Hugo 1862 in Les Misérables. Die Romantiker wehrten sich nach Kräften gegen die Dampflokomotiven, in erster Linie weil sie sie als Gefahr für die Natur erkannten, aber auch weil sie die weniger Vermögenden dazu befähigte „nutzlos durch das Land zu ziehen“, wie es der Schriftsteller William Wordsworth ausgedrückt haben soll.

 

Doch auch die weniger Vermögenden hatten Lust auf nutzloses Herumziehen, mit Zügen, seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit Schiffen, dann mit Autos und schließlich auch mit Flugzeugen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich eine richtige Tourismusindustrie. Dank des wirtschaftlichen Aufschwungs hatten die Menschen mehr Geld und mehr Zeit, was sie zunächst in Urlaube in der Nähe investierten. Als erst die Kurzstreckenflüge und dann die Langstrecken billiger wurden, stand plötzlich allen Bewohnern der ersten Welt ein ziemlich großer Teil vom Rest der Welt offen. Und dann wuchsen sie, die Touristenhochburgen, Hauptsache die Sonne schien. Die Zahl derjenigen, die ihren Urlaub im Ausland verbringen, stieg seit den Fünfzigerjahren global um das Vierzigfache – letztes Jahr verreisten weltweit rund 1,32 Milliarden Menschen. In einer Zeit, in der sich die Mittelschicht klassische Investitionen wie Häuser oder teure Autos nicht mehr leisten kann, ist Reisen das neue Statussymbol.

 

Weil sich zu jedem Massenphänomen eine Gegenbewegung formiert, entzogen sich gesellschaftskritische Querdenker in den Siebzigern dem Rudelreisen und zogen allein los, mit Rucksäcken. Sie wollten es anders machen, ursprünglicher, besser. Der israelische Soziologe Erik Cohen nannte sie Drifter – Entfremdete, die vor der Überflussgesellschaft in die Ferne flohen. Was sie nicht sahen: Sie bereiteten den Massen den Weg. Ihre Reiserouten werden nach und nach gewissermaßen gentrifiziert. Aus den Driftern wurden 1990 Backpacker – junge Touristen mit kleinem Budget. Die Rucksackreisenden von heute kommen aus der Mitte der Gesellschaft, und die ist breit. Schon 1995 kritisierte Günter Spreitzhofer in seiner Studie „Tourismus Dritte Welt, Brennpunkt Südostasien“: „Der Alternativtourismus der Neunzigerjahre ist mittlerweile selbst eine massentouristische Erscheinung und Speerspitze des Pauschaltourismus.“

 

Und mittlerweile hat ihn eine wachsende Gruppe der digital natives zum Beruf erhoben: Reiseblogger fluten das Internet mit Selfies von den Top-Destinationen der Welt, sie finanzieren sich über Werbung für Produkte, die sie in ihre Reiseberichte einbauen. Ihre Blogs und Social-Media-Kanäle werden von Hunderttausenden verfolgt, und die wollen nun auch ihr Stück quadratisches Instagram-Paradies, was sie dann wiederum posten können. Laut einer Umfrage des Reiseanbieters Expedia wählen 40 Prozent der Millennials ihr Reiseziel danach aus, wie gut es auf Instagram aussieht. Und billig sollte es sein.

 

„Die Dritte Welt wird zur Spielwiese der Selbsterfahrung. Einheimische sind zur Kulisse degradiert“, schreibt Spreitzhofer. Der Autor Philipp Mattheis nennt Backpacker in seinem Buch Banana Pancake Trail die „Glückskinder des Westens auf ihrer Stippvisite in die Armut“. Auf ihrem Ausbruch aus der Leistungsgesellschaft bedienen sie sich an der fremden Kultur, als wären sie in einem Supermarkt. „Man hat nicht das Recht, in Afrika in Sachen herumzulaufen, für die man sich zu Hause schämen würde“, konstatierte die britische Forschungsreisende Mary Kingsley im neunzehnten Jahrhundert.

 

Die Backpacker von heute wickeln sich ungerührt in traditionelle Tücher, die die Einheimischen nur zu Hause und nie in der Öffentlichkeit tragen, sie setzen sich ortstypische Hüte auf, die sie in der Heimat nie wieder benutzen werden und schmücken sich mit religiösen Symbolen, deren Bedeutung sie nicht verstehen. Bei all dem reden sie sich ein, der fremden Kultur näher zu kommen, anstatt sie ad absurdum zu führen. Ihre Reiseerfahrungen schreiben sie sich dann als Zusatzqualifikation in ihren Lebenslauf.

 

Der Ruf der ehemals abenteuerlustigen Weltenbummler hat, gelinde gesagt, gelitten. Der britische Autor William Sutcliffe schreibt in seinem Buch Are you experienced?, „dass es heutzutage keinen Akt der Rebellion mehr darstellt, nach Indien zu gehen, sondern nur eine Art Konformitätszwang für Mittelklasse-Kids, die etwas für ihren Lebenslauf brauchen, das ein bisschen nach Eigeninitiative aussieht“. Und Christian Kracht schreibt in seinem Reiseband Der gelbe Bleistift gewohnt scharfzüngig: „Denn moralisch fragwürdig, das sind nicht die Chartertouristen in ihren ausgegrenzten Kluburlaubsghettos.“ Die würden wenigstens Arbeitsplätze bringen und hauten nach zwei Wochen wieder ab. „Verachtenswert, das sind diejenigen, die sich finanziell unter die Inder stellen, um Pfennigbeträge feilschen, sich nicht waschen und dann zwei Jahre bleiben.“ Die Neon nennt sie „das Backpacker-Pack“, die Welt gibt Tipps „wie man Backpacker zur Weißglut bringt“ und die Vice schreibt „Backpacking ist der hinterletzte Scheiß“.

 

Zug tut gut

 

Und über den ökologischen Aspekt haben wir bis jetzt noch gar nicht geredet. Denn – erinnern wir uns mal kurz an die Einstiegsszene dieses Textes zurück – egal ob mit Rucksack oder Rollkoffer, die meisten Touristen reisen mit dem Flugzeug an.

Wie schädlich der Tourismus für das Klima ist, belegt die Studie „The carbon footprint of global tourism“, die eine Gruppe australischer Forscher im Mai im Magazin Nature veröffentlichte. Demnach ist der Tourismus für acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das Ergebnis schockierte die Forscher selbst, sie gingen von einem viermal geringeren Wert aus. Den größten Anteil an den CO2-Ausstößen hat mit einem Viertel wenig überraschend der Luftverkehr. Und die Emissionen werden entgegen aller Klimaschutzvereinbarungen weiter steigen, denn die Tourismusbranche wächst, und zwar weitaus schneller als der Rest der Weltwirtschaft. Allein im Beobachtungszeitraum der Studie zwischen 2009 und 2013 wuchsen die vom Tourismus verursachten Emissionen von 3,9 auf 4,5 Gigatonnen.

 

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung rechnet bis 2030 mit doppelt so viel Reisenden wie heute. Noch sind die US-amerikanischen, die chinesischen und die deutschen Touristen die drei größten Treibhausgasemittenten, doch das wird sich ändern. Vor allem die Bewohner der heutigen Schwellenländer werden mit wachsendem Wohlstand haben wollen, was die Bewohner der Industrieländer ihnen vorleben: Urlaub an fernen Orten (und möglichst viele Beweisbilder davon).

 

Die Reaktion der ersten Welt auf das Klimaproblem ist nicht etwa Mäßigung, sondern Ablasshandel. Denn dank Stiftungen wie Atmosfair oder MyClimate muss man seine Vielfliegerei nicht reduzieren, man kann sie einfach kompensieren. Ein Flug von Frankfurt nach Bangkok etwa würde rund 120 Euro an Kompensationskosten bedeuten. Die werden dann in Projekte investiert, die anderswo auf der Welt denselben Ausstoß an CO2 einsparen sollen – effiziente Öfen in Nigeria, Windkraft in Nicaragua, Biogasanlagen in Nepal. Das ist also unsere Lösung: Wir geben anderen Leuten Geld, dass sie sich ändern, damit wir es nicht tun müssen.

 

Laut Experten werden die Kompensationsprojekte aber ohnehin nicht gegen den Luftverkehr ankommen, es ist also eher eine Lösung für das gute Gewissen. Die CO2-Emissionen werden weiter den Treibhauseffekt verstärken und damit das Klima anheizen. Dürren, steigende Meeresspiegel, schmelzende Gletscher und Wetterextreme werden nicht zuletzt die Orte bedrohen, die wir so fleißig bereisen. „Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet“, schrieb der Dichter Hans Magnus Enzensberger schon Ende der Fünfzigerjahre.

 

Was wollten wir denn eigentlich nochmal mit der ganzen Reiserei? Ging es wirklich darum, möglichst viele Ländergrenzen zu überqueren, oder vielleicht auch darum, die eigenen Grenzen zu überschreiten? Sich auf das Unbekannte einlassen, an Erfahrungen wachsen, den Horizont erweitern, Abenteuer erleben?

 

Es geht doch um das Verlassen des gewohnten Umfeldes, nicht zwingend um das Verlassen des Kontinents. Wer also wirklich besser reisen will, der sollte nicht in die Ferne schweifen. Der Gegentrend zum Weltenbummeln ist unter Reisebloggern gerade das neue große Ding, sie zeigen nun vermehrt auf Heimatreisen, wie schön es doch zu Hause ist. Das Männermagazin Walden schreibt über Abenteuer vor der Haustür und die German Roamers, ein Kollektiv das auf Instagram Landschaftsfotos aus Deutschland postet, begeistert damit 275.000 Follower (und lässt sich dafür allerdings auch mal von Mercedes Benz sponsern).

 

Wer trotzdem fremde Orte und Kulturen erleben will, kann statt mit dem Flugzeug mit dem Zug reisen. Wie eine solche Anreise selbst schon Horizonte öffnet, hat der dänische Autor Kristian Ditlev Jensen in seinem Buch Von der Köstlichkeit des langsamen Reisens aufgeschrieben: „Zugreisen haben Tiefe. Die meisten Menschen sind scheu. Die meisten Landschaften sind verschlossen. Die meisten Städte zeigen ihre Rückseite, wenn man mit dem Zug durchfährt. Und die meisten Waggons wirken in dem Moment, da man sie betritt, einförmig. Aber auf langen Zugreisen ist das anders. Da kommt etwas anderes hervor.“ Für ihn öffneten sich die Menschen und die Landschaften, weil er ihnen die Zeit dazu gab.

 

Robert Walser wusste Bescheid

 

Wir müssen aufhören zu glauben, dass besondere Erlebnisse etwas sind, das man konsumieren kann. Die Welt ist nicht dafür da, dass wir an ihr unser Ego polieren können, sie ist in erster Linie gar nicht für uns da. Das vergisst man schnell mal, wenn man von da oben aus dem Flugzeugfenster auf sie hinabblickt. Um sich selbst wieder im richtigen Verhältnis wahrzunehmen, ist es das Beste, sich aus eigenem Antrieb fortzubewegen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß.

 

Der deutschschweizerische Schriftsteller Robert Walser etwa betrachtete das Gehen als elementar „um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten“. Zu spüren, wie klein man verglichen mit einem Berg ist, zu lernen, wie viel Strecke man nur mit der Kraft seines Körpers zurücklegen kann und zu erkennen, dass man selbst nur ein winzig kleiner Punkt inmitten ganz vieler anderer ist, täte unserer auf Narzissmus getrimmten Gesellschaft ganz gut.

 

 

Und, der Vorschlag mag vielen ungeheuerlich vorkommen, man könnte auf so einer Reise auch mal das Smartphone zu Hause lassen, zumindest das Internet deaktivieren. Es wird schon genug Leute geben, die die sozialen Netzwerke während der Abwesenheit befüllen, keine Sorge.

der Freitag 2018