Auf dem Sprung

Das Baumhauscamp Tree Top Explorer im laotischen Regenwald lässt die Gäste einfliegen: An Ziplines rauschen sie über Täler und Flüsse


Mit einem orangefarbenen Plastikhelm auf dem Kopf, in Klettergeschirr stehe ich auf einer glitschigen Holzplattform im Regenwald und habe Bauchschmerzen. In der Hand halte ich einen grob zurechtgeschnitzten Holzhaken. Vor mir baumelt das Drahtseil, in das ich mich damit einhaken soll – zum Bremsen. Nervös nestle ich an den Karabinerhaken. „Ok, you can go“, sagt unser Guide Kham, schon zum zweiten Mal. Ich lächle gequält. Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?


Früh am Morgen ist der klapperige Minibus in Pakse gestartet, der drittgrößten Stadt Laos, im Süden des Landes. Vorbei an Kaffeefeldern und Wasserbüffeln, sind wir bis an den Rand des Urwalds gefahren. Ziel unserer elfköpfigen Gruppe ist das Baumhauscamp Tree Top Explorer, mitten im Dong-Hua-Sao-Nationalpark. Seit Eröffnung des Camps Anfang 2011 ist dieser Teil des Parks erstmals zugänglich. Oder jedenfalls so ähnlich. Denn das letzte Stück der Anreise hat es in sich: Fingerdicke Stahlseile, sogenannte Ziplines, spannen sich über Täler, Flüsse und Wasserfälle und geben der Bezeichnung „Luftlinie“ eine ganz neue Bedeutung. Mithilfe einer Seilrolle rutscht man an ihnen durch die Luft, von Plattform zu Plattform, oftmals mehr als hundert Meter über dem Boden.


Nichts für Leute mit Höhenangst, würden die meisten denken. Mit anderen Worten: nichts für Leute wie mich. Leider wird mir das erst klar, als es schon zu spät ist – genau jetzt. 

 

Ein Blick zu Kham, ein Blick nach vorn, dann lasse ich mich fallen. Die Rolle über mir surrt, das Drahtseil schwingt nach unten – kein Boden mehr unter den Füßen, Adrenalin schießt durch meinen Körper, ich glaube, ich schreie. Und dann ist es auch schon vorbei. 20 Meter vergehen in Sekunden. Ich bin geflogen!


Vielleicht hat sich meine Höhenangst an der ersten Plattform nicht getraut zu springen. Jedenfalls flutet mich schon über dem nächsten Abgrund ein berauschendes Gefühl der Leichtigkeit. Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, die Hosenbeine flattern. Tief unter meinen Füßen donnert ein Fluss Gischt spritzend durch das Tal, der Wald reicht bis zum Horizont, eine grenzenlose Landschaft aus Baumkronen, die jede Schattierung der Farbe Grün abbilden. Kaum angekommen, wirkt der Flug surreal, zurück bleiben blitzartige Bilder. Es ist, als habe man versucht, aus einem fahrenden Auto heraus eine Blume am Wegesrand zu betrachten.


Je näher wir unserem Ziel kommen, desto länger werden die Ziplines. Mit jeder Fahrt gewinne ich an Sicherheit, löse den Klammergriff von der Halterung und breite die Arme zum Flug aus. Unsere Guides geleiten uns immer tiefer in den Regenwald, der seinen Namen nun sehr wörtlich nimmt. Wir können den Wolken dabei zusehen, wie sie in die Täler schweben, wir sehen den Regen kommen, bevor wir ihn auf der Haut spüren. Von den Drahtseilen spritzt uns ein Gemisch aus Wasser, Öl und Dreck auf Gesicht und Arme. Nach kurzer Zeit sehen wir aus wie Arbeiter auf einer Ölplattform.


Als wir am späten Nachmittag im Camp ankommen, schrubben wir uns an einem Wasserfall mit zitternden Händen die Dreckkruste von der Haut. Donnernd stürzt das eiskalte Wasser aus dem Nebel in die Tiefe und speist ein felsiges Becken. Die feine Tropfenwolke reicht bis hinüber zum Essplatz, einer überdachten Plattform, die auf Stelzen am Hang lehnt. Plastikplanen ersetzen die Außenwände. In der benachbarten Holzhütte zaubern die beiden schüchternen Köchinnen Klebreis, Kartoffeln, Gemüse, Hähnchen und Omelett. Bald soll es hier auch eine Sauna, einen Pool und ein Café geben, die Masseure werden gerade ausgebildet. Wir nehmen Vorlieb mit dem knisternden Lagerfeuer und Dosenbier.


Die Baumhäuser für die Nacht sind nur per Zipline erreichbar. Holzstege führen zu den Absprungstellen, ein letzter kurzer Flug, dann ist jeder für sich allein. Die Hütten sind spärlich möbliert: zwei schmale Betten mit dünnen Matratzen, ein Tisch, zwei Stühle, eine abgetrennte Toilette mit Waschbecken, in der Mitte der dicke Baumstamm. Die Energiesparleuchte, die von der Wellblechdecke baumelt, wird von Wasserkraft zum Leuchten gebracht. Auf dem löchrigen Moskitonetz lässt sich ein dicker Grashüpfer genau über meinem Gesicht nieder, als wolle er über meinen Schlaf wachen.


Zuerst verschlingt der Nebel die Bäume um mich herum, dann frisst die Dunkelheit die letzten Schatten. Eine Nacht in einem Baumhaus mitten im Urwald hatte ich mir romantisch und still vor gestellt, doch diese ist laut und gewaltig. Der Boden schwankt, Regen tropft mir ins Gesicht, während der Wind die Plastikplane gegen mein Baumhaus schmettert, die als Regenschutz über dem Außengeländer hängt. Das Donnern von Sturm und Wasserfall dröhnt in meinen Ohren. An Schlaf ist kaum zu denken.


Am nächsten Morgen betrachten wir bei dampfendem Kaffee am Feuer die dunklen Spuren, die die Nacht um unsere Augen gemalt hat. Die laotischen Guides lachen, als wir ihnen mit Händen, Füßen und Grimassen von unseren Abenteuern berichten. Für sie ist das Urwaldnormalität. Nur einer von ihnen, Kham, spricht Englisch. Er lebt in der Stadt. Die anderen kommen aus Ban Nongluang, dem Dorf, das dem Baumhauscamp am nächsten liegt.


Dem Veranstalter Green Discovery, der hinter Tree Top Explorer steht, ist es wichtig, die lokale Bevölkerung in die Projekte einzubinden. 35 Guides und 18 Köchinnen finden Arbeit im Baumhaushotel, das von der Welttourismusorganisation und der Weltnaturschutzunion unterstützt wird. Gemeinsam haben die Dorfbewohner das Camp vor drei Jahren aufgebaut. Kaum ein Baum wurde dafür gefällt, sondern größtenteils totes Holz verarbeitet. Mit leuchtenden Augen erinnern sie sich an diese Pionierzeit, als sie tagsüber in Klettergeschirren in den Bäumen hingen, um die Ziplines zu ziehen, und abends am Feuer eine Dose Beerlao nach der anderen leerten. Dass den Guides die Arbeit Spaß macht, ist ihnen anzusehen, wenn sie sich über den Baumwipfeln gegenseitig schubsen und übermütig kopfüber drehen.


Ob ich inzwischen auch zu dermaßen furchtloser Freude fähig bin, wird die Königin der Drahtseile zeigen: 430 Meter lang, mehr als hundert Meter hoch. Der Weg dorthin führt matschige Hänge hinab, durch wilde Bachläufe, über Felsen und Baumstämme. Wir rutschen und ächzen voran, die Schuhe sind nach wenigen Minuten matschbraun. Über die Bäche balancieren wir von Stein zu Stein, unsere Guides hüpfen unterdessen leichtfüßig in Flipflops durch das Flussbett. Dann sehen wir das Seil.


Irgendwo, sehr weit weg verschwindet das Ende der Zipline auf der anderen Seite des Tals im Grünen. Sie scheint endlos lang zu sein. Die ersten Führer gleiten über den Abgrund. Wir schauen ihnen dabei zu, wie sie immer kleiner werden und schließlich als winzige Punkte in den Bäumen verschwinden. Sind sie angekommen? Minuten verstreichen, dann geht ein Ruck durch das Drahtseil. Der Nächste, bitte.


Als ich den Schritt ins Leere mache, denke ich nicht darüber nach, was ich tue. Ich genieße den Rausch, recke den Hals in alle Richtungen, bewundere die Spielzeugbäume da unten. Aber der Schwung reicht nicht bis ans Ziel. Hilflos hänge ich über dem Abgrund, an einem lächerlich dünnen Seil. Aber Höhenangst? War gestern. Ich hangele mich die letzten Meter zur Plattform. Und alles, was ich will, alles, was ich denken kann, ist: Noch mal! Höher, schneller, weiter!

die ZEIT 2013