Der Wolf in mir

Der Norweger Christian Houge fotografierte Wölfe und erfuhr dabei etwas über die Menschen


Loslassen. Das ist für ihn das Schwerste, sagt er. Und doch bringt er sich immer wieder selbst dazu, es zu tun. Wenn man im tiefsten Wald steht, beladen mit Konzepten und Ausrüstung, um einen herum ein Rudel Wölfe – beobachtend, tänzelnd, knurrend, zähnefletschend – dann bleibt einem kaum etwas anderes übrig.


„Ich war gezwungen, all meine vorgefassten Meinungen und die Kontrolle über meine Arbeitsweise loszulassen, denn der Wolf lässt sich nicht leiten oder kontrollieren“, erzählt Christian Houge. „Ich musste meine eigene Intuition finden und die Wölfe zeigen lassen, was sie wollten.“ Und sie so nah herankommen lassen, wie sie wollten, sehr nah. Wölfe können bis zu 1,60 Meter lang, 80 Zentimeter hoch und 80 Kilo schwer werden – Körperkontakt mit ihnen ist zweifellos „intensiv“, wie der 40-Jährige es schmunzelnd ausdrückt. Ihre Art der Begrüßung hat viel mit Zungen im Gesicht zu tun, ihre Art der Kommunikation viel mit Zähnen auf der Haut. „Dein Herz bekommt bei sowas eine ordentliche Frequenz.“ Schwäche durfte er nicht zeigen, denn kranke und schwache Tiere machen einen Großteil der Wolfsbeute aus. Man könnte sich die Begegnung mit ihnen sehr aggressiv und blutig vorstellen, Houge bevorzugt die Bezeichnung „roh“. Diese Rohheit stecke auch im Menschen, mit dem Unterschied, dass er sie unterdrücke, während der Wolf sie offen auslebe. Der Wolf zeigt uns, wer wir sind, er beleuchtet die Schattenseiten des Menschen; das ist es, was Christian Houge mit seinen Fotos vermitteln will.


Seine Serie über die Wölfe nannte er deshalb „Shadow Within“ (Schatten im Innern). Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er schon daran und reiste den Wölfen in Norwegen, Schweden und Amerika hinterher, immer in Naturreservaten. Präziser möchte er nicht werden, nichts soll von der Botschaft ablenken. Deswegen redet er auch nur von „einer Wolfsexpertin“, die ihn zu seinem ersten Rudel im norwegischen Hinterland führte, von „mehreren Rudeln“, die er fotografierte, von „zwei Personen“, die ihn bei seinen Fotoexpeditionen begleiteten, um ihn im Ernstfall vor den Raubtieren zu schützen. Solche Fälle hat es auch gegeben, aber darüber spricht er nur „off the record“, vertraulich. Er will nicht, dass Blut und Bisse das sind, was hängenbleibt.


Zu oft werde der Wolf auf das aggressive Raubtier reduziert, Houge will das Soziale und Menschenähnliche zeigen. Tiere, bei denen die Größeren auf die Kleineren Acht geben, die besondere Fähigkeiten jedes Einzelnen würdigen und auch die Schwachen mal das Rudel führen lassen, sodass alle sich dazugehörig und wichtig fühlen. Das Klischee des einen starken Alphatieres ist mittlerweile widerlegt: Das älteste Pärchen führt das Rudel, wie in einer menschlichen Familie. Unter den Jungen herrscht keine feste Hierarchie, wenn sie groß sind, wandern sie ab und gründen eigene Rudel. Nur bei Wölfen in Gefangenschaft wird um die Rangordnung gekämpft, da die Tiere dort nicht fortziehen können.


Christian Houge sitzt in einem Restaurant im Nordwesten von Norwegens Hauptstadt Oslo. Er trinkt seinen zweiten Cappuccino, aus dem hochgekrempelten Ärmel schaut am linken Arm ein buntes Tattoo. Er ist nicht der „Wolfsmensch“, zu dem ihn die Medien gerne machen würden. Er ist Vater einer elfjährigen Tochter, gelernter Werbefotograf, Weltenbummler. Schon als Kind lernte er die Welt kennen, wohnte sechs Jahre in New York, studierte in Oxford, lebte in der Schweiz und irgendwann wieder in seinem Heimatland Norwegen. Heute ist er ein Fotograf, der eine Botschaft hat, die aus ihm herauswill, „auch wenn das jetzt kitschig klingt“.


Am Wolf interessieren ihn Bewegungen, Blicke, Emotionen. Darin spiegele sich das menschliche Sozialverhalten wider. „Wir sind soziale Tiere und ziemlich primitiv“, sagt Houge. „Ich wollte die Wölfe erforschen, aber schon nach dem ersten Treffen mit ihnen merkte ich, dass ich derjenige war, um den es ging.“ Je mehr Wölfe er kennenlernte, desto mehr lernte er über sich selbst. Über das Ursprüngliche in ihm, das in jedem von uns verankert ist.


Sigmund Freud bezeichnet das 1923 in seinem Strukturmodell der Psyche als Es. Der österreichische Begründer der Psychoanalyse identifizierte das Unbewusste und Triebhafte neben dem Ich und dem Über-Ich als einen Teil der menschlichen Identität. Das animalische, nach Bedürfnisbefriedigung strebende Es wird nach Freud von dem Über-Ich mit Erfahrungen und Sitten kontrolliert, das Ich muss zwischen beiden Einflüssen abwägen. Als Neugeborene gehorchen wir vollkommen dem Es, „und dann kommt uns die Kultur in die Quere“, erklärt Christian Houge. Er hat die Schriften Freuds für sein Wolfsprojekt gelesen, seitdem will er dem Es in sich nachspüren. Die Kultur sperre alles in Regeln, Verhaltenskodexe und Grenzen. Die so entstehenden Schatten manifestieren sich in gesellschaftlichen Tabus. Angst, Aggression, Sexualität, Einsamkeit – der Mensch zügelt und versteckt, was ihn schwach wirken lässt. Der Wolf aber fletscht die Zähne, sträubt sein Fell, knurrt, winselt und heult, pur und ungefiltert. „Ich habe gemerkt, dass ich häufig lieber bei ihnen als unter Menschen sein möchte, sie sind so viel klarer“, sagt Houge.


Der Fotograf beschäftigt sich gern mit den großen Fragen des Lebens. In einem seiner sozial engagierten Projekte erforschte er natürliche Führerschaft und die Fähigkeit, Angst zu besiegen. Dafür traf er Ikonen des friedvollen Protests wie die burmesische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die 15 Jahre Hausarrest für die Demokratisierung ihres Landes erduldete, und den ebenfalls mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Dalai Lama, der seit 1959 im indischen Exil für die Freiheit seines Heimatlandes Tibet kämpft. In der Zeitung fand er einen Spruch, den er seither gerne zitiert: „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erkenntnis, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als die Angst.“


Er versucht sich das zu sagen, wenn er unter den wilden Wölfen ist. Bei ihnen ist es zum Ende des Winters immer noch kalt und hart. Weit draußen in den Wäldern liegt der Schnee kniehoch. Allein das Aufstellen eines Stativs wird so zum Kraftakt.


Houge mag es, an seine Grenzen zu gehen, das tut er für viele seiner Projekte. Seit zwölf Jahren fotografiert er auf der arktischen Inselgruppe Spitzbergen wissenschaftliche Konstruktionen wie Antennen, Messgeräte und Satellitenschüsseln. Bei bis zu minus 40 Grad harrt er beinahe regungslos stundenlang bei seiner Analogkamera aus, denn im Mondschein verwendet er Belichtungszeiten von sechs bis acht Stunden. Für sein Projekt „Okurimono“ reiste er fünfmal nach Japan, um Transsexuelle in Tokios Untergrund zu fotografieren. Für „Moksha“ besuchte er mehrmals den indischen Fluss Ganges, an dem die Hindus ihre Toten verbrennen. „Ich fühle, dass ich meinen eigenen Wohlfühlbereich verlassen muss, um andere einzuladen, ihren zu verlassen“, erklärt der Norweger. Es ist immer das gleiche Interesse, das ihn vorantreibt: die Beziehung zwischen Mensch und Natur.


Der Wolf ist als blutrünstige Bestie wie kein anderes Tier verschrien, als Inkarnation des Bösen. Das vermitteln Sagen, Märchen, Filme, ja selbst die Bibel. Als Nomade respektierte und verehrte der Mensch den Wolf, erst seit er Zäune aufstellte, innerhalb derer er sein Vieh züchtete, begann er ihn zu fürchten, zu verdammen – und zu töten. In Norwegen galt er lange Zeit als ausgerottet, bis die ersten Rudel in den 70er- und 80er-Jahren zurückkehrten. Seither ist ihre Population kaum gewachsen, nach Schätzungen gibt es heute 38 bis 42 norwegische Wölfe. Und selbst die reichen aus, um einen nationalen politischen Streit auszulösen. Vor allem die Senterpartiet (Zentrumspartei) möchte das Raubtier so schnell wie möglich wieder loswerden. Nur ein Prozent des Landes ist Wolfsschutzzone, pro Jahr sind den Wölfen landesweit nur drei Würfe gestattet, der Rest darf geschossen werden. Verglichen mit den Skandinaviern empfangen die Deutschen die wiederkehrenden Wölfe geradezu mit Kusshand.


Christian Houge will sich in die Diskussion nicht einmischen, er will sich nicht instrumentalisieren lassen. Als Norwegens größte Zeitung Aftenposten ihn auf die beiden Wölfe ansprach, die sich kürzlich vor den Toren Oslos niederließen, war seine Antwort mehr oder weniger „kein Kommentar“. Er will lieber seine Bilder sprechen lassen: „Das Gefährlichste, was man als Künstler tun kann, ist, den Leuten zu sagen, was sie denken oder fühlen sollen. Wenn ich den Betrachter inspiriere, dann ist es mehr seins als meins.“


Im März flog er wieder in die USA. Es gibt dort jemanden, der auf ihn wartet. Er gilt als gefährlich, denn er kann sich keiner Hierarchie unterordnen. Christian Houge fühlt sich dennoch zu ihm hingezogen, sagt, er erkenne viel von sich in ihm. Er streift allein durch die Wälder, der einsame weiße Wolf.

greenpeace magazin 2013