Wo Fleisch wohnt

In bedrückend leblosen Bildern zeigt Timo Stammberger das, was keiner sehen soll: die Unorte der Massentierhaltung


Die Bilder erinnern an etwas anderes. Schäbige Baracken, eine neben der anderen, mit Nummern vorne drauf und Schornsteinen auf den Dächern, irgendwo mitten im Wald, in dünn besiedelten Gegenden, hinter Stacheldrahtzäunen. Eigentlich verbieten sich solche Vergleiche, aber verdammt: Industrielle Großställe sehen oft wie Konzentrationslager aus.

 

Timo Stammberger spricht nicht über diese Ähnlichkeit. Er versucht, Extreme zu vermeiden, weil er weiß, wie schnell das abschrecken kann. Deswegen sagt er auch nicht, dass er sich „vegan“ ernähre, sondern nennt es lieber „rein pflanzlich“. Und deswegen fotografiert er die Massentierhaltungsställe nun auch von außen statt nur von innen. Er hat all diese grausamen Bilder auf seinen Festplatten, von fast federlosen Hühnern, von toten Ferkeln und bewegungsunfähigen Muttertieren. Mehrmals recherchierte er mit der Tierrechtsorganisation Animal Equality in Großställen. „Wenn alle Menschen sehen würden, was ich in Massentierhaltungsanlagen gesehen habe, dann würde niemand mehr wollen, dass Tiere so gehalten werden“, sagt der Berliner. Das Problem ist nur: Diese Bilder will keiner sehen.

 

Kaum einer fährt an einen dieser abgelegenen Orte. Deswegen tut Timo Stammberger das. An einem grauen Wintermorgen im Februar fährt er eine gute Stunde in die brandenburgische Leere. Mit GPS-Daten navigiert er sich nach Bad Belzig zu der Mastgeflügelanlage Duck-tec, die er an diesem Tag fotografieren will.

 

Große weiße Hallen, gelbe Futtersilos, grobe Betonplatten auf dem Boden. Am Tor warnt ein Schild: „Wertvoller Tierbestand! Betreten für Unbefugte VERBOTEN!“, und damit es keine Missverständnisse gibt, daneben gleich noch mal, rot umrandet: „Betreten Verboten!!!“ Am nahe gelegenen Waldrand verschwindet ein Reh hinter den Bäumen. Einzig eine weiße Feder am Boden kündet von den rund 45.000 Enten, die in den Hallen Fett ansetzen.

 

Mit seiner Serie „Making the Connection“ („Die Verbindung herstellen“) wählt Timo Stammberger den subtilen Weg, ihr Leid zu vermitteln: nüchterne Außenaufnahmen, nackte Fassaden, keine Tiere, keine Menschen. Schäbiges Wellblech, notdürftig gemauerte Wände, rostige Rohre und modrige Belüftungsanlagen hinterlassen einen Eindruck der Achtlosigkeit. Alternde Provisorien. Gleichermaßen beklemmend sind auch neue Hochglanzbauten – durch die Abwesenheit von Gefühl, ja von Leben.

Die schimmernden Solarzellen auf den Dächern einiger Gebäude wirken wie Bruchstücke aus einer schöneren Welt. Das industrielle Ausmaß der Tierställe offenbaren Satellitenbilder aus dem Internet, mit denen Stammberger seine Fotos ergänzt.

 

Mit seiner Arbeit will der Fotograf und Aktivist ein Bewusstsein dafür schaffen, woher das kommt, was da in Plastikfolie eingeschweißt in den Kühltruhen der Supermärkte liegt. Fleischstücke, das waren mal Muskeln von lebenden Tieren. Mehr als 59 Millionen Schweine, 3,5 Millionen Rinder und 712 Millionen gefiederte Tiere wurden im vergangenen Jahr in Deutschland geschlachtet. 98,5 Prozent des konsumierten Fleisches stammen aus konventioneller Haltung, ein Großteil davon aus Ställen, die denen ähneln, die Stammberger fotografiert. Er will, dass die Leute das wissen, um wirklich beurteilen zu können, ob sie das wollen.

 

 

Einige Stunden später steht er vor den schäbigen Ziegelbauten des Schweinemast- und Zuchtbetriebs Van den Borne. In einer Ecke türmen sich Teile des Plastikspaltenbodens, auf dem viele der 8000 bis 9000 Schweine stehen. Es stinkt. Quietschen und Rütteln dringt nach außen, Grunzen, hin und wieder lautes Schreien. „Die Tiere beißen sich gegenseitig, weil sie zu wenig Platz und keine Beschäftigung haben“, sagt Stammberger. Er klettert auf einen Baum, um besser fotografieren zu können. Zwei Arbeiter schieben eine Schubkarre in ein kleines Nebengebäude. „Dort sammeln sie die Kadaver“, erklärt Timo Stammberger, auf der Schubkarre seien vermutlich tote Schweine gewesen. Da ist es, das Grauen, ganz nah. Man muss nur hinsehen.

greenpeace magazin 2016