Fragile Gespenster

 

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko tötete unzählige Tiere. Brandon Ballengée ruft sie uns in Erinnerung


Toter Fisch ist normalerweise alles andere als ästhetisch. Brandon Ballengée aber verleiht ihm eine Art morbiden Charme. Der magentafarben bis gelb gemusterte Fledermausfisch mutet wie das schillernde Bild eines Kaleidoskops an, der fein linierte blaue Stechrochen strahlt eine erhabene Ruhe aus und der spitzmundige bunte Falterfisch fasziniert mit der geometrischen Akkuratesse seiner Anatomie.

 

Doch um Schönheit ging es dem New Yorker Künstler und Biologen nicht in erster Linie – seine Modelle starben keines natürlichen Todes, sondern wurden Opfer der bisher größten Ölkatastrophe. Als die Explorationsplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko sank, flossen rund 795 Millionen Liter Öl ins Meer und machten das Gebiet im Umkreis von 200 Kilometern zur Todeszone. Und damit nicht genug: Um die Ölpest einzudämmen und sie weniger sichtbar zu machen, kippte der britische Plattformbetreiber BP rund sieben Millionen Liter der ölzersetzenden Chemikalie Corexit in den Golf, obwohl er vor dessen Schädlichkeit gewarnt worden war. Das Dispersionsmittel machte viele Helfer bei den Aufräumarbeiten krank und das ohnehin schädliche Rohöl noch 52-mal giftiger. Das darauf folgende massenhafte Sterben unter Wasser ist es, worauf Ballengée aufmerksam machen möchte.

 

Kurz nach dem Unfall fuhr er an die von der Ölpest betroffenen Küsten. „Ich reiste umher“, erzählt er. „Ich dachte über Wege nach, wie ich die Informationen in ein Kunstwerk übertragen könnte.“ Hauptsächlich an der Küste Louisianas sammelte er mit der Unterstützung von Biologen, Krabbenfischern und freiwilligen Helfen tote Fische ein. „Ich wollte sie analysieren und auf anatomische Abweichungen und Entwicklungsstörungen überprüfen.“

 

Was aussieht wie kolorierte Röntgenbilder, ist dem chemischen Prozess geschuldet, dem Ballengée die Fischkörper für seine wissenschaftlichen Analysen unterzog: Ein Mix aus Chemikalien bricht die Eiweiße auf und lässt das Strukturprotein Kollagen zurück, sodass die Körper ihre Form behalten. Farbstoffe heben Knochen rot und Knorpel blau hervor. Zuletzt macht eine Reihe weiterer Chemiebäder das restliche Gewebe transparent. Seit beinahe einem Jahrhundert untersuchen Biologen auf diese Weise die Anatomie von Tieren. „Diese speziellen Arten kamen einmal häufig vor, nun sinkt ihre Zahl vermutlich“, sagt Brandon Ballengée. „Sie sehen aus wie Geister.“ Das dürfte ihn zu dem Titel seiner Arbeit inspiriert haben: „Ghosts of the Gulf“, Geister des Golfs.

 

Der Golf von Mexiko, eingerahmt von den USA, Mexiko und Kuba, zählt zu den artenreichsten Regionen der Welt. Tausende Meerestiere nutzen die warmen Gewässer als Brutstätte, die USA decken rund ein Drittel ihres Fischbedarfs aus der Meeresregion. „Die Ölkatastrophe hätte aus ökologischer und ökonomischer Sicht an keinem schlechteren Ort passieren können“, sagt Ballengée. „Ghosts of the Gulf“ ist die vierte Arbeit, in der er sich mit deren Auswirkungen beschäftigt: In der Installation „Collapse“ (Kollaps) stapelte er in Gläsern konservierte Tiere aus dem Golf zu einer Pyramide, um ihre Abhängigkeit voneinander darzustellen. In der Videoarbeit „Committed“ (Verpflichtet) stellte er die PR-Kampagnen von BP bloß, in denen der Konzern die Folgen der Katastrophe beschönigte. Und unter dem Titel „Dedicated“ (Gewidmet) zeigte er Fotos und Illustrationen von Küstenbewohnern.

 

„Ich bin Künstler, aber auch Biologe“, erklärt der im ländlichen Ohio aufgewachsene 42-Jährige. Schon in seiner Kindheit fühlte er sich zwischen beiden Disziplinen hin- und hergerissen. Im elterlichen Keller betrieb er ein Labor, in der Scheune ein Kunstatelier. „Ich versuche, diese Felder durch eine Art Umweltaktivismus zu vereinen.“ Den Anstoß dazu gab ihm Rachel Carsons Buch „Der stumme Frühling“. Darin beschrieb die amerikanische Biologin 1962 die verheerende Wirkung von Pestiziden auf Lebewesen und Ökosysteme. Der Bestseller führte später zum Verbot des Pflanzengiftes DDT und gilt als Zündfunke der weltweiten Umweltbewegung.

 

Wie Carson möchte Ballengée die Wissenschaft öffentlich zugänglich machen. Er will die Leute dazu bringen, nicht einfach zu glauben, was man ihnen erzählt. Sie sollen Fragen stellen, zum Beispiel nach den Geistern des Meeres.

greenpeace magazin 2016