Kleiner Zapfenstreich

Was ist ein Wald? Dieser Frage ging der finnische Fotograf und Künstler Jaakko Kahilaniemi nach, genauer: Was ist mein Wald?


Ein Tannenzapfen ist ein Tannenzapfen ist ein Tannenzapfen. So kann man das sehen. Oder aber so, wie ihn der finnische Fotograf und Künstler Jaakko Kahilaniemi in seiner Arbeit „Midpoint“ zeigt: Ein Tannenzapfen ist 44 Schuppen, jede ein Unikat, jede die zweidimensionale Karikatur einer Haselnuss, zusammengehalten von einem dürren Strang.

 

Anderes Beispiel: Eine Fichte ist eine Fichte ist eine Fichte. Oder sie ist die Summe ihrer Nadeln, Knospen, Zapfen und Zweige, die wiederum die Summe ihrer Einzelteile sind. Und Erde? Auch Erde ist nie einfach Erde, sondern immer etwas anderes, je nachdem, wo man sie aufliest.

 

Was aber ist all das zusammengenommen – was ist überhaupt ein Wald?

 

Das ist die große Frage, der Kahilaniemi nachgeht. Genauer heißt sie für ihn: Was ist mein Wald? Der 28-Jährige zog zum Studium vom Land in die Stadt, seinen Master macht er gerade in Helsinki, 635.000 Einwohner, mehr Urbanität geht in Finnland nicht. „Ich liebe es, in der Stadt zu wohnen“, sagt er, „es ist so lebendig.“ Trotzdem findet sich auf seinem Instagram-Kanal kein einziges Bild aus der Metropole; nur Bäume, Berge, Seen, Rehe, Eichhörnchen, vereinzelt mal ein Mensch. Indem er es verlassen hat, hat er einen neuen Blick auf das Nichts gewonnen. Beziehungsweise: auf das Alles. Sein Alles.

 

Jaakko Kahilaniemi hat die hundert Hektar Wald seiner Familie rund 200 Kilometer nördlich von Helsinki geerbt, und die will er mit seiner Arbeit „100 Hectares of Understanding“ („100 Hektar des Verstehens“) nun neu begreifen. Mit den Augen eines Städters durchstreift er sie, sammelt, dokumentiert, zählt, wiegt, vermisst und webt seine Funde zu etwas Neuem zusammen, zu seinem Wald. Seine Arbeitsmethode beschreibt er als „unvoreingenommenen Experimentalismus“. In Zehnerreihen fotografierte und mit Längenangaben versehene Tannennadeln erinnern an die Akkuratesse eines Biologen, in schwarz-weiße Fotografien montierte Bildausschnitte von Gemälden der finnischen Nationalromantiker Akseli Gallen-Kallela und Armas Järnefelt visualisieren seine Suche nach neuen Blickwinkeln auf klassische Motive. Ein gerahmtes Stück Birkenrinde, ein goldener Holzscheit, eine Vogelperspektive durchzogen von Linien – Kahilaniemi lenkt weg von gewohnten Zusammenhängen und ordnet die Dinge nach seinen eigenen Vorstellungen neu.

 

Das ist künstlerische Naturkunde und Arbeit an einem Kindheitstrauma zugleich: „Ich erinnere mich, wie wir in den Wald gingen, als ich fünf, sechs Jahre alt war. Mein Vater wollte, dass ich ein paar Fichtensetzlinge einpflanze, und ich hasste es total, weil ich lieber den Wolken zuschauen wollte, wie schnell sie sich bewegen.“ Damals schmiss er die Setzlinge lustlos auf den Boden. Für seine Fotoarbeit nun pflanzte er einhundert ebensolcher Setzlinge ein und erhob sie zum Kunstwerk. Das ist auch politisch: „Ich möchte den Menschen begreiflich machen, wie ihre Taten die Natur beeinflussen.“ Dafür hat er bei sich selbst begonnen.

greenpeace magazin 2018

FOTOS Jaakko Kahilaniemi

Aufmacherbild: „54 Soil Solutions“